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Ansturm auf die Friseure

Branche freut sich über bevorstehende Öffnung – Telefone stehen bei Salons nicht still

Viele Kunden wollen gleich Anfang März einen Friseurtermin. Foto: Arne Dedert/dpa
Viele Kunden wollen gleich Anfang März einen Friseurtermin. Foto: Arne Dedert/dpa

Ludwigsburg/Wiesbaden. „Wir sind alle generell glücklich, dass wir bald unsere Salons wieder öffnen können“, beschreibt Uwe Volz, Obermeister der Friseurinnung Stuttgart-Ludwigsburg, die Stimmung unter seinen Kollegen. Allerdings kann er das Festhalten an den scharfen Lockdown-Maßnahmen über den 14. Februar hinaus nach dem Coronagipfel von Bund und Ländern nicht nachvollziehen. „Ich hätte eine Öffnung am 15. Februar befürwortet“, erklärt der Obermeister und verweist auf die Forderungen nach schnellen Öffnungsperspektiven vor dem Gipfel. „Etwas entzerrt mit weniger Kunden.“ Volz denkt, dass die Öffnung für manche Betriebe zu spät kommt. „Es ist zehn nach zwölf, nicht fünf vor zwölf“, sagt der Obermeister. „In den 14 Tagen vor der Entscheidung haben zehn Betriebe im Innungsbezirk aufgegeben.“

Auch Matthias Moser hält die Lage für sehr ernst. „60 Prozent der Betriebe sind in akuter Existenznot“, sagt der Geschäftsführer des Fachverbands Friseur und Kosmetik Baden-Württemberg. Volz hatte im Januar an Kanzlerin Angela Merkel geschrieben: „Die Pandemie bringt uns in eine existenzbedrohende Lage. Angesichts der Situation können viele Familienbetriebe die damit verbundenen Belastungen nicht mehr schultern. Wir brauchen Hilfe.“

Die Coronabeschränkungen haben die Friseure in der Region wie auch in ganz Deutschland 2020 hart getroffen. Ihr Umsatz ist nach Angaben des Statistischen Bundesamtes in den ersten drei Quartalen um 11,8 Prozent eingebrochen. Zwischen 20 und 30 Prozent waren es im gesamten Jahr im Bezirk der Friseurinnung. „Ich kenne auch Betriebe, die 40 Prozent weniger Umsatz hatten“, sagt Volz.

Hoffnung macht den Betrieben nun die Nachricht, dass sie ab 1. März wieder öffnen dürfen. Mehr noch: Sie bereiten sich nach gut zehn umsatzlosen Wochen auf einen Ansturm ihrer vermutlich recht langhaarigen Kunden vor. Bei zahlreichen Salons im Kreisgebiet stehen die Telefone schon seit Donnerstag nicht mehr still. „Um sieben Uhr morgens fingen die Telefone an zu klingeln“, erzählt Volz, der mit „Wings“ zwei Friseursalons in Ludwigsburg und Stuttgart mit 24 Angestellten betreibt. Erst spät am Abend kehrte an der Buchungs- und Umbuchungsfront Ruhe ein. Auch gestern waren die Leitungen vielfach belegt.

Auch bei der Capelli Group in Ludwigsburg steht das Telefon nicht still. „Wir sind ständig im Gespräch mit unseren Kunden“, sagt Thorsten Hussfeldt. „Wir freuen uns, alle Kunden, die lange auf der Warteliste standen, anrufen zu können“, sagt der Capelli-Chef. Auch er bemängelt den späten Zeitpunkt der Wiedereröffnung und auch, dass es „keine richtige Öffnungsstrategie gibt“. Hussfeldt findet es dramatisch, dass andere Geschäfte, wie Boutiquen oder Restaurants, noch keine Perspektive haben.

Angst vor den strengen Hygienevorschriften hat Hussfeldt nicht. „Wir haben schon vor dem zweiten Lockdown sehr hohe Hygienestandards umgesetzt“, sagt der Friseur. Vorerst brauchen die Capelli-Kunden ab März FFP2-Masken. „Nicht wenige Kollegen sorgen sich wegen der Hygienebestimmungen“, weiß Obermeister Volz. Da dürfe man sich nicht verrückt machen lassen. Man könne Mitarbeiter in Gruppen einteilen, Arbeits- und Öffnungszeiten entzerren. Zudem seien die Hygienemaßnahmen, die mit der Berufsgenossenschaft erarbeitet worden seien, vollauf ausreichend. So seien OP- oder FFP2-Masken für Kunden und Friseure eh Pflicht.

Nicht wenige Kollegen hätten Tausende in Luftreiniger investiert. „Viele Jahre habe ich mich über die hohen Stromkosten der Frischluftanlage im Gebäude geärgert“, sagt Volz, „heute bin ich froh, eine zu haben.“ Auch Gabi Stern setzt in ihrem Salon in Asperg zusätzlich zu medizinischen Masken seit November auf von der Berufsgenossenschaft empfohlene Lufreinigungsgeräte mit Hepa-H14-Filter, die Aerosole herausfiltern. Sie hat 15000 Euro investiert.

Die Kunden decken auch die Aspergerin, die im Präsidium der größten Friseur- und Kosmetikvereinigung im deutschsprachigen Raum ist, der Société Française de Biosthetique, mit Anrufen und Whatsapp-Nachrichten ein. „Allein am Donnerstag bemühten sich 120 Kundinnen und Kunden um Termine. Gestern waren bis zur Mittagszeit 54 Nachrichten auf dem Anrufbeantworter.“ Schwierig sei die Vorgabe, dass man pro Person zehn Quadratmeter brauche, findet sie. „Von zwölf Plätzen habe so nur noch sechs zur Verfügung, an denen drei Leute arbeiten können. Auf Dauer geht das nicht.“ Stern fürchtet, dass es in der Region bald zu Entlassungen kommen könnte und die Azubis auf der Strecke bleiben. Obermeister Volz bestätigt, dass die Zahl der Ausbildungsverträge im Land 2020 um 15 Prozent zurückgegangen ist. Die Mitarbeiterzahl sei jedoch im Bereich der Innung recht stabil. Bundesweit verringerte sich die Zahl der Beschäftigten um 4,3 Prozent.

Den Hygiene- und Infektionsschutzaufwand der Friseure bekommen die Kunden zu spüren. Sie mussten im Anschluss an den ersten Lockdown im Mai für Haarschnitte und Co. nach Zahlen der Statistikbehörde 5,4 Prozent mehr bezahlen als im Vorjahresmonat. Im September lagen die Preise 6,3 Prozent höher.

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