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Bosch verlagert die Produktion

Standort in Bietigheim-Bissingen soll zum reinen Entwicklungsstandort werden – 290 Beschäftigte sind betroffen

„Inspirierende Arbeitswelten“ für Ingenieure, wie auf dem Schild beschrieben, aber keine Produktion mehr – das sind die Pläne von Bosch für den Bietigheimer Standort. Foto: Andreas Becker
„Inspirierende Arbeitswelten“ für Ingenieure, wie auf dem Schild beschrieben, aber keine Produktion mehr – das sind die Pläne von Bosch für den Bietigheimer Standort. Foto: Andreas Becker

Bietigheim-Bissingen. Bietigheim-Bissingen/Gerlingen. Bosch sieht sich als IoT-Pionier (Internet der Dinge). Der weltweit tätige Elektronikkonzern will Industrie 4.0 gestalten, Fertigung und Logistik für die Fabriken der Kunden und für seine eigenen Werke vernetzen. So investiert das Traditionsunternehmen mit Sitz in Gerlingen wie berichtet in den nächsten Jahren 500 Millionen Euro in die Digitalisierung und Vernetzung der Produktion, um dem Wandel in der Autoindustrie gerecht zu werden und um seine Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Dies soll Bosch bis 2025 zugleich eine Ersparnis von einer Milliarde Euro bringen.

Allerdings hat der technologische Fortschritt Licht- und Schattenseiten. Die Transformation betrifft auch Standorte in der Region. So geht in Bietigheim-Bissingen der Strukturwandel hin zum reinen Entwicklungsstandort, mit Folgen für die Bosch-Mitarbeiter. Denn die Produktion von Bosch Automotive Steering (AS, Lenksysteme) in Bietigheim soll bis Ende 2021 eingestellt und an andere europäische Standorte verlagert werden. Diese Nachricht ereilte die 290 Beschäftigten bei einer Infoveranstaltung am Mittwoch. Betroffen sind im Bietigheimer Werk sowohl die Montage von Sensor- und Servoeinheiten (Steuerung und Motor) für Elektrolenkungen als auch die Fertigung von Produkten für die Nachserienversorgung für Elektrolenkungen und Ventile, sagte eine Unternehmenssprecherin.

Das AS-Werk steht seit Jahren unter großem Kostendruck. Bosch weist auf den „anhaltenden Umsatzrückgang“ hin, was tiefgreifende Sanierungsmaßnahmen erforderlich mache. Der Personalabbau solle sozialverträglich über Altersteilzeit oder Vorruhestandsregelungen erfolgen. „Garantieren können wir es nicht“, so die Firmensprecherin. Auch betriebsbedingte Kündigungen könnten nicht ausgeschlossen werden. Das Unternehmen werde zeitnah Gespräche mit den Arbeitnehmervertretern aufnehmen.

Bereits 2016 war für das Werk ein Sozialtarifvertrag vereinbart worden, der noch bis Ende 2021 gilt. Er beinhaltet auch die Ansiedelung der Nachserienversorgung für Lenksysteme, einen Aufbau als Kompetenzzentrum für Systementwicklung. Doch die Produktion ist in Bietigheim Geschichte. „Bosch nutzt das Thema Corona, um Personalkosten zu senken“, ärgert sich Vincenzo Basile. „Was bleibt von Automotive Steering?“, fragt sich der Betriebsratsvorsitzende am Bietigheimer Standort, der sich von der Entscheidung überrascht zeigt. „Bremen wird noch dieses Jahr geschlossen. Berlin soll verkauft werden. Der Kahlschlag greift um sich. Ist das das soziale Selbstverständnis von Bosch?“

Die Gewerkschaft IG Metall betrachtet die Entscheidung, die Produktion zu verlagern, als „Schlag ins Gesicht“ der Mitarbeiter. „Nach monatelangem Ringen für eine Standortperspektive ist für mich nicht nachvollziehbar, warum jetzt die Gespräche abgebrochen werden“, erklärt Matthias Fuchs, Geschäftsführer der IG Metall Ludwigsburg-Waiblingen,.dazu: „Transformation kann nicht bedeuten, dass die Beschäftigten auf der Strecke bleiben. Der Standort Bietigheim muss erhalten bleiben, mit einer Zukunft für die heutige Belegschaft. Wir werden standortübergreifend für die Zukunft jedes Beschäftigten kämpfen.“ Die Entwicklung in Bietigheim ist nämlich nicht die einzige bittere Pille für die Bosch-Belegschaft. „Auch am Standort Schwäbisch Gmünd sollen Stellen abgebaut werden“, so Fuchs. Über 2000 Stellen stehen dort nach IG-Metall-Angaben bis 2026 zur Debatte. „Ich bin schockiert über diese Entscheidung, die Auswirkungen auf die Existenz der Beschäftigten hat“, erklärte der Schwäbisch Gmünder Betriebsratschef Alessandro Lieb, der auch stellvertretender Aufsichtsratschef der Robert Bosch Automotive Steering ist. „Wenn Bosch, als vermeintlich sozialer Arbeitgeber, so mit der Transformation und den Beschäftigten umgeht, sehe ich schwarz für die Zuliefererbranche.“ Sein Bietigheimer Kollege Basile meint: „Wir erleben an allen Standorten die gleiche Vorgehensweise.“

Aus Sicht der Betriebsräte, der IG Metall und der Arbeitnehmerbank im Aufsichtsrat greift die Argumentation für Bietigheim eh zu kurz. „Der 2016 ausgehandelte Sozialtarifvertrag ist großteils nicht umgesetzt worden“, kritisiert Fuchs. Die Coronakrise sei als Alibi herangezogen worden, um anders als Bosch-üblich zu agieren. Der „üblicherweise vorgeschaltete Arbeitnehmerdialog sei vom Arbeitgeber unvermittelt abgebrochen worden und die bisherige, sozialverträgliche Vorgehensweise infrage gestellt worden“. Zudem sei der Aufsichtsrat weder umfassend informiert noch in Entscheidungsfindungen einbezogen worden, sagt Fuchs. Betriebsratschef Basile kündigt für Montag, 22. Juni, eine Betriebsratsversammlung in Bietigheim an – in zwei Schichten wegen der Coronabestimmungen. Er erwartet, dass es hoch hergehen wird, obwohl ein Großteil der Kollegen in Kurzarbeit sei. Mit dabei ist Werkleiter Achim Ottenstein.

Bosch hat ins Werk 20 Millionen Euro investiert und in einen IT-Standort verwandelt, wie Ottenstein erklärt. Mit Fokus auf die Entwicklung wird er fortgeführt. „In den alten Produktionshallen arbeiten seit Mai 2019 etwa 270 Ingenieure und Softwareentwickler an Projekten. Kräne erinnern in den Hallen an vergangene Zeiten“, sagt der Werkleiter. Die Arbeitsplätze sind hochmodern. 235 Leute kommen vom Geschäftsbereich Chassis Systems Control (CC). Sie arbeiten an passiven Sicherheitssystemen, die das Ziel haben, die Unfallschwere zu verringern. Die Softwareentwickler arbeiten im Airbag-Geschäft. 35 Spezialisten gehören zu Bosch Automotive Steering. Sie arbeiten daran, Fahrzeuge mit innovativen Lösungen für Lenksysteme sicher auf der Straße zu halten. Die Airbag-Experten arbeiteten zuvor in Schwieberdingen und Ditzingen.

„Es gibt ja nicht nur Ingenieure“, weist Basile auf die Lage hin. „Auch unsere Facharbeiter brauchen eine Perspektive – bei Bosch und in der ganzen Wirtschaft.“

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