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Corona hat auch Bürger getroffen

Ditzinger Maultaschen-Marktführer rechnet in diesem Jahr mit leichtem Umsatzminus und startet „Attacke Deutschland“

Auf den Bändern von Bürger sind im vergangenen Jahr 81 900 Tonnen Maultaschen, Spätzle und andere Produkte produziert worden.Fotos: Bürger
Auf den Bändern von Bürger sind im vergangenen Jahr 81 900 Tonnen Maultaschen, Spätzle und andere Produkte produziert worden. Foto: Bürger

Ditzingen/Crailsheim. Die Coronakrise hat auch die Geschäfte des erfolgreichen Ditzinger Maultaschen-Produzenten Bürger stark beeinflusst. Noch im vergangenen Jahr erwirtschaftete Bürger mit seinen 1000 Mitarbeitern einen Umsatz von fast 224 Millionen Euro. Doch die Coronapandemie und der wochenlange Lockdown im Frühjahr haben den Wachstumskurs vorerst jäh gestoppt. Dennoch haben sich die Ditzinger während der Coronazeit wacker geschlagen und stehen offenbar besser da als manch anderes Unternehmen im Land. „Wir rechnen in diesem Jahr mit einem leichten Umsatzminus“, betont Martin Bihlmaier im Gespräch mit unserer Zeitung. Und: „Wir werden die Auswirkungen von Covid-19 bestimmt noch ein bis zwei Jahre spüren.“ Der Bürger-Chef, der gerade erst seinen 47. Geburtstag gefeiert hat, zeigt sich zugleich optimistisch, dass sich die Lage im kommenden Jahr normalisiert. Außer es komme zu einer zweiten Coronawelle mit entsprechenden Einschnitten.

Lebensmittelhandel, Discounter und der Bereich der Großverbraucher, zu denen Kantinen, Mensen und Altenheime gehören, machen bei Bürger jeweils ein Drittel des Geschäftsvolumens aus. In der Krise haben sie sich sehr unterschiedlich entwickelt. Da die meisten Kantinen während des Lockdowns schließen mussten und da die Schulen dichtgemacht hatten, ist der Großverbraucherbereich eingebrochen. „Da ging fast nichts mehr“, sagt Bihlmaier. Kliniken und Altenheime blieben als Abnehmer.

Da die Leute zu Hause waren, erlebte im März der Absatz im Lebensmittelhandel und Discount-Bereich einen Boom. „Wir mussten Sonderschichten einlegen, um die Nachfrage zu stillen“, erklärt der 47-Jährige. „Das war schon extrem.“ Allerdings konnte der Rückgang im Großverbraucherbereich damit nicht ausgeglichen werden. Zudem folgte auf den Boom die Delle: „Im April haben die Leute dann das gegessen, was sie bereits gekauft und sich in die Gefriertruhe gelegt hatten.“

Wie bei vielen anderen deutschen Unternehmen war im Juni auch bei Bürger in Ditzingen Kurzarbeit angesagt – vor allem wegen des extrem rückläufigen Geschäfts mit den Großverbrauchern. Der Bereich hat sich mittlerweile etwas erholt. Bihlmaier ist aber überzeugt, dass sich der Trend hin zum Homeoffice als dauerhaft erweist. „In den Werkskantinen werden in Zukunft wohl nicht mehr so viele Leute essen“, schätzt der Bürger-Chef.

Daher will Bürger Maultaschen und Spätzle als regionale, süddeutsche Produkte auch im Norden und Osten der Republik bekannter machen. Das Motto: „Attacke Deutschland!“ Seit Jahren macht der Maultaschen-Spezialist schon in Bayern und zum Beispiel im Saarland Werbung. Derzeit erstreckt sich das Maultaschen-Werbegebiet bis ins südliche Nordrhein-Westfalen. Nun sind nationale Maßnahmen gefragt. „Viele Urlauber haben Maultaschen schon bei Aufenthalten im Schwarzwald oder am Bodensee kennen- und schätzen gelernt.“ Mit Rezepten zum Beispiel in Zeitschriften wollen die Ditzinger vor allem Hobbyköche verstärkt ansprechen.

Zudem hat Bürger erst im Februar neue, vegetarische Produkte auf den Markt gebracht, um jüngere Kunden anzusprechen. Die „Leckertaschen“ – mit Süßkartoffeln und Roter Bete, mit Ziegenfrischkäse-Mango und Linsen-Karotte – interpretieren die „Herrgottsbscheißerle“ neu und kommen gut an. Bei veganen Maultaschen hat sich der Umsatz von 2018 auf 2019 sogar verdoppelt.

In Ditzingen werden auf fünf Produktionslinien im Ein-Schicht-Betrieb Fertiggerichte für Großverbraucher hergestellt, dazu Mayonnaise, Ochsenmaulsalat und Kutteln. In Crailsheim werden auf 22 Linien im Zwei-Schicht-Betrieb alle Produkte – von den Maultaschen über Spätzle, Schupfnudeln bis hin zu Tortellini und Canneloni – hergestellt. Die dritte Schicht ist die Reinigungsschicht.

„Als Lebensmittelbetrieb ist Hygiene für uns besonders wichtig – nicht nur in Coronazeiten“, betont Bihlmaier. Die Umsetzung der neuen Hygienevorschriften war bei Bürger daher kein Problem. „Mundschutz und Handdesinfektionsmittel sind bei uns schon seit Jahren Standard. Wir brauchen in der Woche mindestens 3000 Schutzmasken“, sagt Bihlmaier. Auch Stoffmasken gibt es – „Maultäschle“ steht auf ihnen zu lesen.

„Wo es notwendig war, haben wir Plexiglaswände eingezogen.“ Mit dem Gesundheitsamt sei Bürger in engem Austausch. „Wir machen unsere Coronatests selbst“, erklärt Bihlmaier. Allerdings hat Corona auch die Ditzinger Firma getroffen. So gab es auf dem Höhepunkt der Coronakrise bei Bürger einige wenige Fälle – mit den üblichen Folgen: Tests und Quarantäne. Am Standort Ditzingen hat es seit über zwei Monaten keinen Verdachtsfall gegeben. Dennoch musste auch Bürger ein Opfer beklagen. Seniorchef Richard Bihlmaier starb am Gründonnerstag mit 82 Jahren an den Folgen einer Coronainfektion, die er sich außerhalb des Unternehmens zugezogen hatte. „Mein Vater war bis dahin fit“, sagt Martin Bihlmaier. „Er hat sich immer noch um den Fleischeinkauf gekümmert“. Der Krankheitsverlauf sei rasant gewesen. „Wir konnten ihn im Krankenhaus nicht einmal besuchen.“

„Ich kenne Schutzmasken schon lange aus der Produktion, habe immer eine auf, wenn ich durchlaufe. Ich finde sie nicht schlimm“, sagt der Unternehmer, der die Einstellung und das Verhalten der Maskenverweigerer nicht nachvollziehen kann. „Die Schutzmaske schränkt mich in meiner Freiheit nicht ein“, betont er.

Mittlerweile schnuppert mit Martin Bihlmaiers Kindern bereits die vierte Generation ins Unternehmen hinein – während der Ferienzeit. „Sie sehen, dass die Produktion eine harte Arbeit ist.“

Hintergrund

Baubeginn für Kälteanlage und neues Logistikzentrum: Der Maultaschen-Marktführer Bürger GmbH & Co. KG in Ditzingen ist 2019 auf Wachstumskurs geblieben, konnte den Umsatz auf 223,7 Millionen Euro steigern – den höchsten in der 85-jährigen Firmengeschichte. Der Absatz legte um 6,7 Prozent auf 81900 Tonnen zu. Diese Menge entspricht dem Gewicht von 122 ICE4-Zügen. Auch die Belegschaft übertraf erstmals die Grenze von 1000 Mitarbeitern. Ende 2019 beschäftigte Bürger 1003 Mitarbeiter (Vorjahr: 953), 796 in Crailsheim und 207 in Ditzingen. Bürger hat bereits im vergangenen Jahr kräftig investiert: In Crailsheim wurden eine neue Produktionslinie für Schupfnudeln, Knödel und Gnocchi in Betrieb genommen und die Linie für italienische Pastaprodukte erneuert. In diesem Jahr folgen dort auch die beiden größten Investitionen des Unternehmens. Vor etwa vier Wochen war der Baustart für die neue Kälteanlage. Ende des Jahres folgt der erste Spatenstich für das neue Logistikzentrum, wie Bürger-Chef Martin Bihlmaier ankündigte. Die Gesamtinvestitionen belaufen sich auf 24 Millionen Euro. (dre)

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