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Die Peripherie hat ihre Vorteile

Die Holzmanufaktur zieht von Stuttgart nach Möglingen. Die Schreinerei will Produktion und Ladengeschäft unter einem Dach bündeln – kehrt der Landeshauptstadt aber auch den Rücken, um der angespannten Parksituation und der zunehmend monotonen Einzelhandelslandschaft zu entkommen.

Spatenstich für den Neubau der Firma Holzmanufaktur in der Möglinger Dieselstraße (von links): Peter Schneidt (Bauleitung), Birke Hörner (Landschaftsarchitektin), Timo Epenstein (Geschäftsführer), Frank Wels (Geschäftsführer), Albrecht Zipfel (Gesell
Spatenstich für den Neubau der Firma Holzmanufaktur in der Möglinger Dieselstraße (von links): Peter Schneidt (Bauleitung), Birke Hörner (Landschaftsarchitektin), Timo Epenstein (Geschäftsführer), Frank Wels (Geschäftsführer), Albrecht Zipfel (Gesellschafter), Bernd Lauer( Geschäftsführer) , Bürgermeisterin Rebecca Schwaderer, Stefan Richter (Gesellschafter). Foto: Ramona Theiss

Möglingen. Gut Ding will Weile haben: Schon 2017 hatte die Stuttgarter Holzmanufaktur den Beschluss gefasst, vom Zentrum in die Peripherie des Ballungsraums zu ziehen. Im Möglinger Gewerbegebiet Unholder Weg fand sich schließlich ein geeignetes Grundstück, das mit rund 4000 Quadratmetern groß genug war, alle Bereiche der Schreinerei – Produktion, Verwaltung und Ladengeschäft – an einem Standort zu konzentrieren.

Eigentlich wollte die Firma nach den Sommerferien in den fünf Millionen Euro teuren Neubau ziehen. Nun aber stehen die 35 Mitarbeiter, die 2018 einen Jahresumsatz von 3,2 Millionen Euro erwirtschafteten, am Mittwochnachmittag gemeinsam mit Gästen wie der Möglinger Bürgermeisterin Rebecca Schwaderer auf einer leeren Wiese, um den Spatenstich zu feiern.

Die Umsetzung hat sich hingezogen. Nicht wegen Corona, sondern weil das Ludwigsburger Landratsamt „uns im Juli 2019 mitteilte, dass neben kleineren Stolpersteinen noch ein großer Felsbrocken auf dem Weg zum Ziel liegt“, erzählt Bernd Lauer, einer von fünf Gesellschaftern der Schreinerei. „Damit war klar, dass der anvisierte Zeitplan keine Bedeutung mehr hatte.“ Näher will Lauer nicht auf die Verzögerung eingehen und verweist lediglich auf Verhandlungen mit einem „extrem schwierigen Landratsamt“, die nicht zuletzt dank der Vermittlung von Bürgermeisterin Schwaderer am Ende doch noch zum Erfolg geführt hätten.

Fünf Millionen Euro investiert die Holzmanufaktur in die neue, etwa 3000 Quadratmeter große Firmenzentrale, die bis Herbst 2021 komplett in Holzbauweise entsteht. Vorgesehen sind zwei Baukörper. Im Erdgeschoss der linken Hälfte wird das Ladengeschäft untergebracht, darüber die Verwaltung. Im rechten Teil befindet sich die Produktion mit dem Charakter einer gläsernen Manufaktur. „Kunden werden schon bei der Holzauswahl ihres Möbels einbezogen und können nach Absprache einzelne Phasen der Produktion ,live‘ miterleben“, erklärt Lauer.

Wer mit eigenen Augen sehe, wie in der Werkstatt gehobelt, gesägt oder gewachst wird, Wertigkeit und Handwerk vor Ort erlebe und verstehe, wie sich unterschiedliche Bretter zu einem homogenen Holzbild zusammenfügen, entwickle ein ganz anderes Verhältnis zu einem Möbelstück, sagt der Gesellschafter. „So entsteht das Wissen, dass man ein regionales Produkt erwirbt.“ Dazu passt, dass ausschließlich Massivholz aus nachhaltiger Forstwirtschaft zum Einsatz kommt. Oberflächen werden mit biologischen Ölen und Heißwachs erstellt.

„Wir arbeiten nachhaltig und ökologisch“, betont Lauer. „Das war schon so, als zwei Schreinermeister, ein Bankkaufmann und eine Horde von Gesellen das Unternehmen 1979 gründeten.“ Abnehmer der Sonderanfertigungen und Kleinserien mit Stückzahlen von maximal 30 Exemplaren sind Privatleute, aber auch Handelspartner in Deutschland und ganz Europa.

Der Neubau bietet Platz für acht weitere Arbeitsplätze in der Produktion, zudem will die Holzmanufaktur statt zwei bis drei Azubis künftig fünf junge Leute pro Lehrjahr ausbilden. In Stuttgart – dort war das Ladengeschäft in der Kronenstraße und die Produktion in der Porschestraße in Zuffenhausen ansässig – habe man längst die Kapazitätsgrenzen erreicht, so Lauer, der sich von der Bündelung Synergieeffekte erhofft.

Ein weiterer Grund für die Standortverlagerung ist die angespannte Parksituation in der Landeshauptstadt. Die Lage in der Porschestraße etwa sei absolut „spaßbefreit“, meint Lauer. Immer wieder seien Fahrzeuge beschädigt worden, die Unfallverursacher geflüchtet. In Möglingen entstehen 28 Stellflächen, zwölf davon für Kunden. „Das reicht“, ist der Gesellschafter zuversichtlich.

Einen weiteren Minuspunkt für Stuttgart sieht er in der sich verändernden Einzelhandelslandschaft. Die Geschäftswelt werde längst durch große Ladenketten geprägt und entwickle sich immer mehr in Richtung Monokultur, die klassische Laufkundschaft ziehe sich zunehmend zurück. Lauer ist überzeugt, dass sich der Umzug in die Peripherie des Ballungsraums auszahlen wird. „Wir setzen auf individuelle, hochwertige Produkte. Unsere Kunden werden auch in Möglingen den Weg zu uns finden.“

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