Logo

Dort leere, hier überfüllte Strände

Verwaiste Liegen an einem Mittelmeerstrand. Laut Inhabern von Reisebüros aus dem Kreis Ludwigsburg trauen sich viele Urlauber derzeit nicht, mit dem Flugzeug zu verreisen.Foto: Mirjam Schmitt/dpa
Verwaiste Liegen an einem Mittelmeerstrand. Laut Inhabern von Reisebüros aus dem Kreis Ludwigsburg trauen sich viele Urlauber derzeit nicht, mit dem Flugzeug zu verreisen.Foto: Mirjam Schmitt/dpa
Reisebranche leidet noch immer unter den Folgen der Krise – Drei Akteure aus dem Kreis berichten über aktuelle Situation

Kreis Ludwigsburg. Nur drei Menschen am Trevi-Brunnen und vier auf der Spanischen Treppe, kein Warten vor den Vatikanischen Museen, und Plätze in Restaurants müssen auch nicht reserviert werden – das hätten ihr Kunden berichtet, die jüngst Urlaub in Rom gemacht haben, erzählt Anette Feyhl. Sie und ihr Bruder Jürgen führen die gleichnamigen Reisebüros in Ludwigsburg und Marbach – und bekommen von Reisenden viele Rückmeldungen aus Städten und von Stränden mit derzeit ungewohnt viel Platz. Auf den griechischen Inseln Kos, Kreta, Rhodos etwa gebe es derzeit nur wenige Touristen an Stränden und in Hotels, sagt Feyhl. „Wir würden den Kunden eher zu Flugreisen raten, denn die Straßen und Orte, die mit dem Auto erreichbar sind, sind in den kommenden vier Wochen voll.“ Die Flughäfen dagegen seien vergleichsweise leer, die Flugzeuge „nie ganz voll“.

Die Reisebüro-Inhaberin berichtet von zwei Kundengruppen: Die einen buchten derzeit von einem Flug auf ein Hotel mit Autoanreise oder gleich ins kommende Jahr um. Die anderen würden aber genau jetzt und gern auch in entferntere Orte reisen, „weil man die Strände zurzeit fast für sich hat und die Preise in Deutschland und Österreich sehr hoch sind gegenüber vergleichbaren Hotels in Griechenland“, sagt Feyhl. Sie und andere Reisebüro-Inhaber tun viel für ihre Kunden – etwa FFP-2Atemschutzmasken für den Flug ausgeben, über neue Einreiseformulare informieren und bei Flugänderungen helfen. Deutschen Heimkehrern aus Risikogebieten empfiehlt Feyhl, den kostenlosen Covid-19-Test machen zu lassen. Denn seien zu viele Menschen unvernünftig und stiegen deshalb die Infektionszahlen, „droht vielleicht bald wieder ein Reiseverbot“.

Davon wären Selbstständige wie Gabriele Brose betroffen, genauer: noch stärker betroffen nach Monaten in der Coronakrise, die Akteure der Reisebranche stark belastet und mitunter an existenzielle Grenzen gebracht hat. Anfang Mai berichtete unsere Zeitung darüber, auch über Brose, die das Ingersheimer Reisebüro führt. Neue Buchungen für die Sommerferien seien auf einem „niedrigen Niveau“; stattdessen berate sie vor allem Kunden zu bereits getätigten Buchungen. Das koste sie viel Zeit, sagt Brose, Einnahmen bringe ihr das aber weiterhin kaum. „Buchungen für September oder den Winter sind bei mir momentan kein Thema.“ Das liege an der noch generellen Reisewarnung des Auswärtigen Amts für mehr als 160 Länder außerhalb der EU. „Es wäre wichtig, endlich einmal zwischen Ländern zu differenzieren und nicht alle generell als Corona-Hotspots gleichzusetzen“, so Brose.

Ende Juli war die Reisebüro-Inhaberin für drei Tage auf Mallorca, „um mir selbst einen Eindruck zu verschaffen, ob man in Coronazeiten guten Gewissens dort Urlaub anbieten kann und um verunsicherten Kunden meine Erfahrung weitergeben zu können“. Broses Fazit: „Ich war positiv überrascht, dass alles so problemlos lief, vom Flug über Einreise bis zum Hotelaufenthalt.“ Die Ingersheimerin schildert ihre Eindrücke von vor Ort: „Die Strände sind leer, viele Hotelbesitzer sind wegen des geringen Gästeaufkommens in Sorge.“ Neben feiernden Ballermann-Urlaubern gebe es auch das Mallorca, „das noch weit entfernt von einer vollständigen Auslastung ist“. Brose erzählt von Regionen, „die abseits der Partymeilen wie leer gefegt sind, weil sich in diesem Jahr kaum einer traut zu fliegen“. Auf der anderen Seite gebe es Bilder „von überfüllten Stränden an Nord- und Ostsee oder Gegenden in Bayern“. Viele machten in Deutschland Urlaub – „diese Buchungen gehen fast alle an den Reisebüros vorbei“, obwohl diese natürlich auch Ferienhäuser und -wohnungen im In- und Ausland anböten, betont Brose.

„Corona verhagelt uns ganz gewaltig das Geschäft“, sagt Norbert Fiebig, Präsident des Deutschen Reiseverbands mit Sitz in Berlin. Die Buchungszahlen lägen jetzt im Sommer bei nur einem Drittel des Vorjahresumsatzes. Kunden buchten in diesem Jahr „extrem kurzfristig“. Auch wenn die Zahlen nun etwas stiegen, sei die Situation in der Reisewirtschaft „nach wie vor überaus dramatisch“.

Das trifft auch das Kornwestheimer Unternehmen Hönes Busreisen, das in der Krise zeitweise all seine 15 Busse abgemeldet hatte. Der Großteil der Flotte steht noch immer still; für die Busse, die noch fahren, muss wegen der strengen Hygienevorschriften ein zusätzlicher Aufwand betrieben werden. Zwar dürfe seit Juli wieder gefahren werden, „bei uns werden dennoch viele Reisen bis Jahresende storniert“, so Geschäftsführer Holger Hönes. Das liege auch an der Maskenpflicht in Reisebussen und daran, dass Verantwortliche etwa in Vereinen nicht die Verantwortung übernehmen wollten, sollte es auf der Busreise doch zu Infektionen kommen.

Zusatzinfos zu...:

...Reisezielen: Bei Gabriele Brose, Inhaberin des Ingersheimer Reisebüros, buchen Flugreisende derzeit überwiegend die spanischen Inseln und Griechenland. Ansonsten seien vor allem Urlaubsziele mit Selbstanreise gefragt – die Fahrt mit dem eigenen Auto etwa zum Ferienhaus in Dänemark, Kroatien, an der Nord- oder Ostsee. „Kreuzfahrten werden derzeit überhaupt nicht nachgefragt“, sagt Brose.

Im Reisebüro Feyhl mit Standorten in Ludwigsburg und Marbach buchen Flugreisende insbesondere Ziele in Griechenland, Portugal (Algarve), Mallorca, Ibiza und Menorca sowie Andalusien und Irland. Das teilt Inhaberin Anette Feyhl mit. Mit dem Auto fahren Reisende vor allem zu Zielen in Deutschland, Österreich, Südtirol, Dänemark, Frankreich (Provence). Auch der Gardasee und die niederländischen Seen seien gefragt. Die Regelungen zu Spanien verwirren die Kunden, sagt Feyhl: „Risikogebiete sind nur Katalonien, Aragon, Navarra und die Pyrenäen, nicht aber die Balearen und Kanaren.“

... Flügen: Das Flugzeug sei das öffentliche Verkehrsmittel „mit dem geringsten Infektionsrisiko“, teilt der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrsgesellschaft (BDL) mit. Der Verband vertritt und fördert die Interessen etwa von Fluggesellschaften und Flughäfen. Das Belüftungssystem von Flugzeugen „gewährleistet stetige Frischluftzufuhr, einen zügigen Luftaustausch sowie die Reinigung der Rezirkulationsluft durch spezielle Hochleistungsfilter“, teilt BDL-Sprecherin Claudia Nehring mit. Durch die Speicherung personenbezogener Daten von Fluggästen könnten Kontakte „besser als in fast jedem anderen Gesellschaftsbereich“ nachverfolgt werden.