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Dräxlmaier zahlt deutlich mehr Lohn

Bei der Präsentation des neuen Vertrags: Betriebsratsvorsitzender Mustafa Yesilyaprak und die IG-Metall-Sekretäre André Kaufmann und Markus Linnow (von links). Foto: LKZ
Bei der Präsentation des neuen Vertrags: Betriebsratsvorsitzender Mustafa Yesilyaprak und die IG-Metall-Sekretäre André Kaufmann und Markus Linnow (von links). Foto: LKZ
Betriebsrat und IG Metall können Tarifbindung des Zulieferers zwar nicht durchsetzen, aber Verbesserungen für Belegschaft

Sachsenheim. Ein seit Monaten währender Streit zwischen Betriebsrat und dem Automobilzulieferer Dräxlmaier am Standort in Sachsenheim ist beigelegt. Zwar ist es dem Betriebsrat und der IG Metall nicht gelungen, ihre ursprüngliche Forderung nach einer Tarifbindung des Unternehmens durchzusetzen, aber dafür markiert nun ein Vertrag das Ende des Konflikts, der den Beschäftigten deutliche finanzielle Verbesserungen bringt.

Auch wenn es kein Tarifvertrag ist, den der Betriebsratsvorsitzende, Mustafa Yesilyaprak, nun in der Hand hält, so ist es doch eine vertragliche Einigung, die von ihm und den Gewerkschaftsekretären der IG Metall Waiblingen-Ludwigsburg, André Kaufmann und Markus Linnow, als ein Sieg gewertet wird. „Das ist ein ganz klarer Erfolg“, sagt Linnow vor allem mit Blick darauf, dass die mehr als 300 Dräxlmaier-Mitarbeiter einen kräftigen Schluck aus der Pulle bekommen, wie es im Gewerkschaftsjargon heißt.

Das Zukunftssicherungspaket für das Werk in Sachsenheim sieht zum Beispiel vor, dass die monatliche Ortszulage, die sogenannte Sachsenheimzulage, die der bayerische Konzern seinen Mitarbeitern in der Hochlohnregion Stuttgart zahlt, um 80 Euro auf 530 Euro steigt. Vorgesehen ist zudem die Erhöhung von Schichtzuschlägen. Auch bei der Berechnung von Weihnachts- und Urlaubsgeld gibt es Verbesserungen, da die Sachsenheimzulage jetzt mit berücksichtigt wird. So steigen auch diese beiden Sonderzahlungen für alle Mitarbeiter entsprechend.

Unterm Strich kommt laut Betriebsratsvorsitzendem Yesilyaprak für Mitarbeiter, die in der Produktion Schichtarbeit leisten, ein Plus von monatlich bis zu gut 800 Euro heraus. Beschäftigte, die nicht im Schichtbetrieb arbeiten, haben gut 1700 Euro jährlich mehr in ihrem Geldbeutel. Und es kommt noch etwas drauf: Da der Vertrag rückwirkend ab Mai dieses Jahres gilt, können die Beschäftigten mit einer Nachzahlung rechnen. Laut Gewerkschaftssekretär Kaufmann können das bis zu 5000 Euro sein. Der Vertrag hat keine Laufzeit und enthält keine Regelung zur Friedenspflicht, die den Vertragsparteien gebietet, in einem bestimmten Zeitraum Arbeitskampfmaßnahmen wie etwa Streiks oder Aussperrungen, zu unterlassen. Die wöchentliche Arbeitszeit beträgt unverändert 38,75 Stunden. Es sei eine Vereinbarung getroffen worden, die in der Region wohl beispiellos sei, meinen die Gewerkschaftssekretäre. Und: Die Leute bei Dräxlmaier verdienten jetzt ordentlich.

Der Vertrag stärkt zudem die Arbeitnehmerseite. Der Betriebsrat hat künftig ein Mitbestimmungsrecht etwa bei Maßnahmen zur Gesundheitsförderung im Betrieb, arbeitsplatznahen Pausenbereichen und bei Antrittsprämien für jede Schicht am Wochenende. Weiter ist in dem Vertrag festgehalten, dass der Standort Sachsenheim vom Jahr 2022 an ein Ausbildungsbetrieb wird, alle befristeten Arbeitsverträge um ein Jahr verlängert werden, und dass mit dem Betriebsrat über Auswahlrichtlinien zur späteren Übernahme von befristet Beschäftigten verhandelt wird. Zudem erhält der Betriebsrat ein eigenes Besprechungszimmer.

„Das nimmt den Kollegen keiner mehr“, meint IG-Metall-Sekretär Linnow zu dem Vertragswerk, mit dem die Arbeitnehmer einen Rechtsanspruch ähnlich wie mit einem Tarifvertrag erhalten. „Die Form ist ungewöhnlich, aber rechtssicher“, betont Linnows Kollege Kaufmann. Das Ganze sei in etwa vergleichbar mit einem Haustarifvertrag. Einen Wermutstropfen gibt es aber für die Arbeitnehmerseite. Die Gewerkschaft bleibt offiziell außen vor. Dräxlmaier steigt nicht, wie von Gewerkschaft und Betriebsrat gefordert, in die Tarifbindung ein. „Noch lieber wäre es mir gewesen, das Unternehmen hätte die IG Metall auch formell als Vertragspartner anerkannt“, sagt Kaufmann.

Der Einigung war eine heftige Auseinandersetzung vorausgegangen. Höhepunkte des Arbeitskampfes waren im Sommer eine gerichtliche Auseinandersetzung um Zusatzschichten und ein Warnstreik mit hoher Mitarbeiterbeteiligung im Sachsenheimer Werk. Vom Konzernbetriebsrat des im bayerischen Vilsbiburg ansässigen Unternehmens gab es Unterstützung. Von Arbeitnehmerseite wurde berichtet, dass die Geschäftsführung versucht habe, die Mitarbeiter einzuschüchtern und im Fall einer Tarifbindung sogar mit der Verlegung des im Jahr 2019 eröffneten Werks nach Osteuropa gedroht hätte.

Auch wenn die IG Metall künftig nicht am Verhandlungstisch bei Dräxlmaier in Sachsenheim sitzt, will die Arbeitnehmervertretung weiterhin mit der Gewerkschaft zusammenarbeiten. „Der Arbeitgeber wird den Atem der IG Metall im Nacken spüren“, sagt Betriebsratsvorsitzender Yesilyapra. Drei Viertel aller Beschäftigten in Sachsenheim seien inzwischen gewerkschaftlich organisiert. Die Mitarbeiter hätten durch den Konflikt gelernt, dass mit Solidarität und mit Unterstützung der IG Metall, Forderungen durchgesetzt werden können.

Werksleiter Gunther Wößner begrüßt die Vereinbarung. Arbeitnehmervertretung und Arbeitgeber hätten sich „nach intensiven Verhandlungen in gewohnter Weise auf betrieblicher Ebene erfolgreich geeinigt“, erklärt er auf Anfrage. „Es wurde ein verbindliches und attraktives Paket geschnürt, um die gemeinsame unabhängige Zukunft für den Standort Sachsenheim fortzuschreiben“, teilt er mit.

In Sachsenheim betreibt Dräxlmaier eine Batterietechniksparte. Produziert werden vor allem Batterien für den Elektro-Porsche Taycan. Die Dräxlmaier-Gruppe ist ein familiengeführtes Unternehmen. Es ist mit rund 65 Standorten in über 20 Ländern präsent. Das Unternehmen mit einem Umsatz von zuletzt 4,2 Milliarden Euro beschäftigt weltweit rund 75000 Mitarbeiter.