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„Hier ist ihr Auto in besten Händen“

Kienle Automobiltechnik ist auf legendäre Fahrzeuge mit dem Stern spezialisiert – Viele internationale Kunden

Haben wertvolle Oldtimer mit dem Stern gut im Griff (von links): Alexander, Klaus und Marc Kienle.Fotos: Kienle
Haben wertvolle Oldtimer mit dem Stern gut im Griff (von links): Alexander, Klaus und Marc Kienle. Foto: Kienle
Während der jüngsten Flutkatastrophe stand dieser Mercedes 300 SL in einer Tiefgarage drei Meter unter Wasser.
Während der jüngsten Flutkatastrophe stand dieser Mercedes 300 SL in einer Tiefgarage drei Meter unter Wasser.
Rebecca Rietl arbeitet an einem Mercedes 540 K Cabriolet (links). Rechts die Rahmenkonstruktion eines Mercedes 300 SL auf der passenden Richtbank. Kienle ist das einzige Unternehmen, das die originalen Mercedes-Richtbänke für Autos bis in die 90er Ja
Rebecca Rietl arbeitet an einem Mercedes 540 K Cabriolet (links). Rechts die Rahmenkonstruktion eines Mercedes 300 SL auf der passenden Richtbank. Kienle ist das einzige Unternehmen, das die originalen Mercedes-Richtbänke für Autos bis in die 90er Jahre in seiner Werkstätte hat. Foto: Andreas Becker
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Ditzingen. „Der Mercedes 300 SL Flügeltürer!“ Klaus Kienle braucht nicht zu überlegen. Der Chef von Kienle Automobiltechnik in Heimerdingen zählt die legendären Sportwagen der Stuttgarter Autobauer auch nach Jahrzehnten im Beruf zu den schönsten aller Zeiten. Zudem waren sie ihrer Zeit technisch weit voraus. Er habe schon damals, als er 1964 bei Mercedes angefangen hatte, gewusst, dass er mit solchen Autos arbeiten wollte. Auch nach der Gründung seiner Firma 1983 ist er ihnen treu geblieben – bis heute. Der „300 SL-Papst“, der Mitte Juli seinen 74. Geburtstag gefeiert hat, leitet das weltweit größte, unabhängige Restaurationsunternehmen für Mercedes-Fahrzeuge mit seinen Söhnen Alexander und Mark. Ein Flügeltürer und gleich drei Roadster dieser automobilen Legende aus den 1950er und 60er Jahren stehen in der Kienle-Ausstellungshalle – neben Modellen wie Mercedes 540 K, McLaren SLR, Mercedes 600er und anderen Sport- und Luxusfahrzeugen früherer Zeiten.

Automobile Träume, die Männerherzen schneller schlagen lassen – oder Frauenherzen, denn auch Fürstin Gloria von Thurn und Taxis hat zum Beispiel einen Mercedes 600 aus ihrem Fuhrpark zur Restauration in Heimerdingen stehen. Im Jahresschnitt machen die 85 Mitarbeiter zehn Vollrestaurationen und 400 Kundendienste und Reparaturen. Dabei müssen die internationalen Kunden – aus Europa, den USA, Saudi-Arabien oder Dubai, aus Singapur, Indonesien und aus Hongkong – neben ihren Oldtimern Geduld mitbringen, denn der Vorlauf bei Kienle ist 1,5 bis zwei Jahre. Allein 20 Mercedes 600er stehen in den Hallen, die in den nächsten Jahren in altem Glanz erstrahlen sollen.

Vor der Kienle-Werkstatthalle eröffnet sich auf einem Hänger ein trauriger Anblick. Der Schlamm auf Lack und Leder ist fast abgetrocknet, weist kleinere Risse auf. Völlig verschlammt der Motor, im Kofferraum steht bei der Ankunft in Heimerdingen noch immer eine größere Pfütze – ein Feuchtbiotop. Opfer des jüngsten Jahrhunderthochwassers in Deutschland sind auch historische Fahrzeuge geworden. Kienle-Techniker entladen den 300 SL. In Heimerdingen stehen mittlerweile schon mehrere Flut-Fahrzeuge aus Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. „Der 300 SL Roadster stand drei Meter unter Wasser“, sagt Klaus Kienle. „Er ist einer der letzten, der mit Scheibenbremsen gebaut wurde und einen Alumotor hat.“ Der Sportwagen aus dem Jahr 1963, der vor der Flutkatastrophe einen Wert von 1,4 Millionen Euro hatte, sei seit 1975 in Familienbesitz. Dauer und Kosten der Restaurierung sind schwer abschätzbar, aber auf eines kann sich der Besitzer verlassen: Die Spezialisten aus dem Kreis Ludwigsburg werden die streikende Motor- und Elektrotechnik und alle verborgenen Stellen, an denen nach der Flut nun der Rost nagt, aufspüren und in den Griff kriegen. „Hier ist ihr Fahrzeug in den besten Händen“, lautet das Motto. „Wir machen aber keine Kompromisse und empfehlen dem Kunden, was für sein Auto am besten ist“, betont Kienle. „Alles, was beibehalten oder aufbereitet werden kann, angefangen bei den Motorteilen, der Karosserie, Chassis, Rahmen oder der Innenausstattung, wird bei der Restauration erhalten“, betont Kienle. Dies gilt auch für Ledersitze und Polsterung. Mit einer Einschränkung: Die Schaumstoffpolster neuerer Wagen seien nach fünf bis zehn Jahren durchgesessen. Die früher verwendeten Rosshaarpolster würden dagegen mindestens 30 bis 40 Jahre halten. Daher würden die eigenen Sattler auch wieder Rosshaarsitze verwenden.

„Wir ziehen unseren eigenen Nachwuchs heran“, sagt der Firmenchef. Derzeit gibt es zehn Auszubildende, darauf ist Kienle stolz. Neben dem fachlichen Können und Akkuratesse seien auch Ausdauer und Geduld für so einen Job wichtig. Zudem brauche auch ein voll ausgebildeter Automechaniker bis zu vier Jahre, bis er die Technik der wertvollen Boliden beherrsche. „Viele können sich auch nicht vorstellen, dass sie drei bis vier Jahre an einem Auto arbeiten“, weiß Kienle. „Jedes Teil, jede Halterung muss so sitzen, wie es war.“ Da seien die Kunden sehr genau.

Rebecca Rietl hat sich auf Vorkriegsmodelle spezialisiert. Rietl hat ihre Ausbildung als beste Mechatronikerin im Kammerbezirk abgeschlossen (2019), bereitet sich bei Kienle auf ihre Meisterausbildung vor und arbeitet an einem Mercedes 540K Spezial Cabriolet aus dem Jahr 1937. Diesen hat das Staatsoberhaupt des malaysischen Staates Johor, Sultan Ibrahim Ismail, mit einer Regierungsdelegation vor einigen Jahren zusammen mit einer Flotte aus sechs Mercedes 600 Pullmann zur Vollrestauration nach Heimerdingen gebracht. „Wir machen auch den Ölwechsel für einen alten Diesel aus Kornwestheim.“ Kienle schmunzelt. „Die Autos der hiesigen Kunden werden genauso gut behandelt wie die der Scheichs.“

Die Coronakrise hat sich bei Restaurationen und Reparaturen nicht ausgewirkt, wie Kienle sagt. Der Firmenchef bedauert aber, dass die Kundennähe – nicht zuletzt beim Verkauf – durch Covid-19 stark eingeschränkt war. „Die US-Kunden fehlen, auch die aus China. Bis Corona hatten wir bis zu 2000 Kunden und ganze Clubs im Jahr zu Besuch. In der Coronazeit liegen die Einbußen bei den Besuchern bei 90 Prozent.“ Zum Teil seien sie bisher immer zwei bis drei Tage in der Region in Hotels gewesen und hätten auch in Nobelgeschäften der Region eingekauft.

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