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Kein Satz beginnt mit „Ja, aber...“

Thorsten Schäuble (links) und Jens Ottnad besuchen an der US-Westküste das Unternehmen LinkedIn. Fotos: privat
Thorsten Schäuble (links) und Jens Ottnad besuchen an der US-Westküste das Unternehmen LinkedIn. Fotos: privat
Gruppenfoto auf dem Google-Campus im kalifornischen Mountain View: Ganz links steht Thorsten Schäuble, neben ihm Jens Ottnad.
Gruppenfoto auf dem Google-Campus im kalifornischen Mountain View: Ganz links steht Thorsten Schäuble, neben ihm Jens Ottnad.
Die Ditzinger Thorsten Schäuble und Jens Ottnad erhalten im US-amerikanischen Silicon Valley wertvolle berufliche Einblicke

Ditzingen/San Francisco.. Zwei Wochen im Sommer 2019 haben das berufliche Leben von Thorsten Schäuble verändert. Die 14 Tage im Silicon Valley in der US-Metropole San Francisco haben „zumindest mit dazu beigetragen, dass ich mein eigenes Unternehmen gegründet habe“.

Schäuble nahm damals als Mitarbeiter des Ditzinger Technologieunternehmens Trumpf am „Innovation Camp BW Silicon Valley“ teil. Das ist ein zwei- oder dreiwöchiges, vom Land Baden-Württemberg organisiertes Programm, das Unternehmensvertretern aus dem Südwesten einen detaillierten Einblick in Struktur, Arbeitsweisen und Erfolgsrezept des weltberühmten IT- und Hightech-Standorts vermittelt.

Wie schnell Unternehmen im Silicon Valley arbeiten, wie radikal sie auf Kunden fokussiert sind, auch mit wie viel Eifer die Mitarbeiter dort bei der Sache sind, „das hat mich nachhaltig fasziniert“, erzählt Schäuble. Inspiriert von seiner Camp-Zeit in San Francisco, gründete der Gerlinger im vergangenen Jahr das Ditzinger Start-up RockIT Manufacturing. Es beschäftigt sich mit der Digitalisierung der Vertriebs- und Marketingprozesse mittelständischer produzierender Unternehmen – vom Online-Verkauf bis zum Online-Marketing.

Die Geburt von Schäubles jungem Unternehmen ist auch ein Resultat der beiden Camp-Wochen in den USA. Diese hätten ihn „nachhaltig verändert“, sagt der 38-Jährige. Er habe dort seine eigene Arbeitsweise und die seines Arbeitgebers reflektieren können – mithilfe von Präsentationen, Coachings und „vielen intensiven Gesprächen“, etwa mit Start-up-Gründern und Vertretern von Universitäten.

In dem 2018 gestarteten „Innovation Camp“ des Landes werde Vertretern von Unternehmen und Forschungseinrichtungen gelehrt, wie sich Geschäftsmodelle und Technologien aus dem Silicon Valley „auf die jeweilige Industrie auswirken und sich zum konkreten Vorteil für das Unternehmen nutzen lassen. Das Programm ist in dieser Form und Intensität einmalig in Deutschland“, teilt das Staatsministerium auf Anfrage mit.

Die vom baden-württembergischen Wirtschaftsministerium initiierten Camps werden von der Landesagentur Baden-Württemberg International und der Wirtschaftsrepräsentanz des Landes in San Francisco mitorganisiert. Letztere unterstützt Unternehmen aus dem Südwesten Deutschlands beim Auf- und Ausbau von Geschäftsbeziehungen im US-amerikanischen Westen – sie sucht etwa nach US-Partnerunternehmen und informiert darüber, wo investiert werden könnte. Zudem informiert ein sogenannter Trendscout im Auftrag des Landes Unternehmen über Entwicklungen aus dem Silicon Valley. Diese können, darauf basierend, eigene Ideen entwickeln oder Geschäftsmodelle anpassen.

Auch Jens Ottnad nahm im Sommer 2019 an dem Camp im Silicon Valley teil, er reiste zusammen mit seinem damaligen Trumpf-Kollegen Thorsten Schäuble an die US-Westküste. Er habe dort „sehr wertvolle Erfahrungen“ gesammelt, erzählt Ottnad: „Das waren die prägendsten zwei Wochen in meinem Berufsleben.“ Er habe Unternehmen besucht, von Google über Cisco bis zu LinkedIn; er habe erfahren, wie eng vor Ort Firmen mit Universitäten zusammenarbeiten und welche Werte das Ökosystem in dem Tal vorantreibt. „Sein Angebot stark an den Bedürfnissen von Kunden auszurichten, darin sind die Unternehmen im Silicon Valley und die US-Amerikaner grundsätzlich sehr gut. Wie versetzt man sich in den Kunden hinein, wie kann ihm ein Produkt gefallen – solche Fragen seien dort wichtig. „Sätze, die mit ,Ja, aber‘ beginnen, gibt es dort nicht. Stattdessen heißt es: ,Ja, und wie können wir das bei uns machen?‘“, berichtet Ottnad. Zu dieser Kultur gehöre, dass man Neues beginne, damit aber auch scheitern könne: Diese Erfahrungen machten viele Start-ups im Silicon Valley, „aber das findet niemand komisch oder schlecht“.

Ottnad arbeitet seit mehr als zehn Jahren bei Trumpf, einem Unternehmen mit zwei Geschäftsbereichen – Lasertechnik und Werkzeugmaschinen. Ottnad war verantwortlich für die Entwicklung vernetzter Systeme, heute leitet er das über 20-köpfige Team, das für Daten und Künstliche Intelligenz (KI) zuständig ist. Es sammelt und verwertet Daten, damit Maschinen immer besser werden, damit sie etwa auch bei unterschiedlichen Geometrien noch genauer greifen oder schneiden können. Ottnad spricht von „maschinellem Lernen: Eine Maschine kann mithilfe von KI wertvoller sein als an ihrem ersten Tag, weil sie in der Zwischenzeit mehr gelernt hat. Das aufzubauen ist komplex.“

Dabei half ihm auch seine Camp-Teilnahme im Silicon Valley. Bei Unternehmen, die in dem Tal ansässig sind, spielten Daten eine große Rolle, sagt der 43-Jährige. Er habe vergleichen können: Wie gehen die vor, wie gehen wir vor? Wie organisieren die sich, wie gehen die mit Mitarbeitern um, wie arbeiten die – und was davon können wir übernehmen? Ottnad lernte so besser, wie sich ein Maschinenbauer für die Zukunft wandeln muss und was sich ein schwäbisches Traditionsunternehmen von einem Tal im Westen der USA abschauen kann.

Lerne Neues, denke in Geschäftsmodellen, richte dich radikal am Kunden aus – mit diesen Leitsätzen tingelten Ottnad und Schäuble nach ihrer Rückkehr durch ihr Heimatunternehmen, um Kollegen bestimmte Denkweisen nahezubringen. „So haben wir sicher das eine oder andere Feuer entflammen können“, sagt Schäuble. „Auch in unseren eigenen Arbeitsbereichen haben wir einige Arbeitsweisen und Methoden geändert.“