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Langes Warten auf ein Rad

Teilemangel wegen knapperer Rohstoffe und höherer Kosten – Laut Händlern steigen die Preise

Ketten und andere Fahrradteile sind laut Händlern im Kreis Ludwigsburg derzeit weniger verfügbar. Foto: dpa
Ketten und andere Fahrradteile sind laut Händlern im Kreis Ludwigsburg derzeit weniger verfügbar. Foto: dpa

Kreis Ludwigsburg. Er müsse nicht immer anrufen, um zu sagen, dass sich die Lieferung des neuen Fahrrads erneut verschiebt; er solle sich einfach dann melden, wenn es da ist – das, erzählt Michael Breitkreutz, höre er mittlerweile häufig von Kunden. Viele legten eine erstaunliche Gelassenheit an den Tag, obwohl sie auf das von ihnen bestellte Produkt teils lange warten müssten. Denn manche georderten Radmodelle – mitunter auch solche, die seit Wochen verkauft sind – könnten erst bis in den November oder noch später geliefert werden.

Breitkreutz ist seit mehr als 20 Jahren Fahrradhändler, früher hatte er sein Geschäft in Freiberg, vor acht Jahren zog er nach Löchgau um. Die Nachfrage nach Fahrrädern sei, wie schon im vergangenen Coronajahr, „immer noch sehr hoch. Was man früher in einem halben Jahr verkauft hat, verkauft man jetzt in einem Monat.“ Sehr gefragt seien „hochwertige und sehr teure Räder mit und ohne Motor“, sagt der Händler.

Doch viele Modelle sind noch nicht verfügbar. „Nachbestellungen bei Herstellern sind nicht möglich, da diese keine Bestände auf Lager haben.“ Viele hätten das Problem, „die Vororder für 2021 zu liefern“, so Breitkreutz. „Ich habe bei meinen Lieferanten noch große Rückstände.“

Ein Fahrrad besteht aus den Produkten mehrerer Zulieferer. Vor allem Verschleißteile – etwa Ketten, Zahnkränze, Bremsbeläge – sind laut Breitkreutz weniger verfügbar. Zum einen seien in der Coronakrise Rohstoffe knapper und Transporte teurer geworden. So seien Rahmen und Komponenten, die großteils in Asien hergestellt werden, zur Mangelware geworden. Außerdem kosteten Stahl und Aluminium – wichtig für die Herstellung von Fahrrädern – mehr, China habe deren Produktion zudem gedrosselt. Und: Das Containerschiff, das Ende März im Suezkanal feststeckte, habe viel Fahrradmaterial geladen – Teile, die hiesige Großhändler containerweise in China ordern.

Weil Versandkosten gestiegen sind, sind Räder teurer geworden, sagt Breitkreutz. Bestimmte hochwertige Modelle etwa, die vergangenes Jahr noch 12000 Euro gekostet hätten, seien nun 1000 Euro teurer. Und die Modelle für das kommende Jahr „sind jetzt schon etwa zehn Prozent teurer“.

Auch Benjamin Winter, Inhaber eines Fahrradgeschäfts in Ludwigsburg, sagt: „2020 war für uns ein sehr gutes Jahr.“ Damit sei die Entwicklung nahtlos weitergegangen: „Die Nachfrage ist schon über die letzten Jahre immer weiter gestiegen.“

Allerdings würden seit Monaten vor allem Verschleißteile wie Griffe, Ritzel, Sättel und Ketten, aber auch andere Standardteile „immer knapper, sowohl für die Hersteller als auch für uns Händler“. Dieser Mangel werde wohl bis mindestens Ende 2022 anhalten. Wer jetzt kein eigenes größeres Ersatzteillager habe, sei aufgeschmissen. Er selbst sei „noch nicht in Bedrängnis“, weil er seit Jahren ein Lager habe, das ausgebaut und immer größer geworden sei, so Winter.

Ein großes Problem seien die Lieferzeiten: „Wenn ich jetzt spezielle Teile bestelle, gibt es teilweise Lieferzeiten von bis zu einem Jahr.“ Die richtigen Teile in der richtigen Menge mit langer Vorlaufzeit zu bestellen – „das ist die Herausforderung für uns Händler“.

Auch Winter sagt, dass Fahrräder teurer würden. „Hauptpreistreiber sind momentan die Transportkosten aus Asien, von wo die meisten Teile kommen. Wir arbeiten mit vielen namhaften Markenherstellern zusammen, die alle die Preise anziehen mussten, im Schnitt um etwa fünf bis zehn Prozent. Ein Rückgang der Preise sei nicht zu erwarten, so Winter. Bei E-Bikes habe er deshalb keine Probleme, weil er vorgesorgt und bei vielen Händlern „sehr viele Räder“ im Voraus geordert habe. „Hätte ich aber keine so große Vororder geschrieben, könnte ich jetzt keine E-Bikes ad hoc bekommen“, so Winter.

„Die Nachfrage nach Fahrrädern ist immer noch extrem hoch, teils höher als im vergangenen Jahr“, sagt auch Frank Luithardt, der in Kornwestheim sein Fahrradgeschäft betreibt und schon 2020 hohe Umsatzzahlen und viele Neukunden hatte. Im Vergleich zu 2019 sei der Umsatz um „bestimmt ein Viertel“ gestiegen.

Die Radpreise würden steigen, und bei den Verschleißteilen werde es „langsam eng“, sagt auch Luithardt: „Bestimmte Artikel sind bis Herbst ausverkauft. Die Vorlaufzeiten unserer Lieferanten liegen momentan bei bis zu 20 Monaten.“ Etwas Normalität auf dem Fahrradmarkt werde es erst im kommenden Jahr wieder geben, „ganz normal wird es erst 2023 oder 2024 wieder“.

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