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„Leidet der Handel, leiden auch wir“

Walheimer Unternehmen Sioux mit Umsatzeinbruch in der Coronakrise – Online-Geschäft legt aber kräftig zu

Der Schuhhersteller Sioux, 1954 gegründet, befindet sich in einer schwierigen Phase – und will stärker auf das Online-Geschäft setzen.Foto: privat
Der Schuhhersteller Sioux, 1954 gegründet, befindet sich in einer schwierigen Phase – und will stärker auf das Online-Geschäft setzen. Foto: privat

Walheim. Der Fuß, sagt Lewin Berner, „ist ein anspruchsvolles, komplexes Körperteil“. Die meisten Käufer, „rund zwei Drittel aller Konsumenten“, möchten Schuhe deshalb vor allem im stationären Handel kaufen, sie sollen dort anprobiert werden und „perfekt an den Fuß“ passen. Deshalb, betont der Chef des Walheimer Schuhherstellers Sioux, sei der stationäre Handel „unser wichtigster Partner und unser bedeutendstes Standbein“.

Zwar habe in Coronazeiten auch das Onlinegeschäft deutlich zugelegt: „Online sind wir stark gewachsen“, sagt Berner, „wir haben in der Krise sehr viele Neukunden dazugewonnen“. Vor allem in Frankreich, der Schweiz und den Benelux-Ländern habe es hier Zuwächse gegeben. Derzeit pflanzt das Unternehmen laut Berner für jede Online-Bestellung einen Quadratmeter Blühwiese – eine Aktion, die laut dem geschäftsführenden Gesellschafter gut angenommen wird. Und zu einer funktionierenden Digitalstrategie gehört auch eine gute Homepage – die von Sioux ist kürzlich von einem Magazin ausgezeichnet worden.

Dennoch: Das Geschäft mit Fachhändlern ist nach wie vor der Kern des Walheimer Unternehmens. Dass die Läden in den Lockdowns über viele Monaten geschlossen haben mussten, dass Sioux auch die eigenen stationären Verkaufsflächen (wie das Outlet in Bietigheim) lange nicht öffnen durfte, „das kann unser boomendes Onlinegeschäft nicht kompensieren“. Berner sagt: „Wenn der Handel leidet, leiden auch wir.“ Durch die Coronakrise habe das Unternehmen im vergangenen Jahr rund 20 Prozent Umsatz verloren, trotz des Hochs im Onlinebereich – der Verlust resultiert aus dem darbenden Fachhandelsgeschäft. Im ersten Quartal dieses Jahres setzte er sich fort: „Unser Umsatz lag nochmals knapp 30 Prozent unter dem Vorjahr.“

Berner sieht Sioux, aber auch andere Firmen, in einer schwierigen Phase: „Für ein Unternehmen in unserer Branche war eine Planung noch nie so schwierig wie zurzeit.“ Die Fachhändler hätten keine Perspektive, könnten nicht planen und seien „vollständig desillusioniert“. Sie kämpften mit einer weiteren „verhagelten Saison“. Berner: „Die Warenlager sind voll, die Liquidität eng, und die vollmundig versprochenen Staatshilfen sind nicht im Ansatz angekommen.“ Weil der Markt so unruhig sei, „fällt auch uns Herstellern die Planung schwer. Wir gehen dieses Jahr von nochmals 20 bis 30 Prozent weniger Umsatz aus“. Ob es besser oder noch schlechter laufe, hänge von den nächsten Monaten und davon ab, „ab wann die Läden wieder öffnen dürfen“. Berner sagt, dass viele kleine Händler „nun vor den Scherben ihres Lebenswerkes stehen. Das berührt mich schon sehr, wir kennen die Händler teilweise seit Jahrzehnten“.

Sioux selbst hat Gelder aus der Corona-Überbrückungshilfe III beantragt, diese Beiträge seien aber „überschaubar“ und bewegten sich auf einem Niveau von wenigen Prozent des Jahresumsatzes. „Aber selbst diese Hilfen sind noch nicht angekommen“, sagte Berner vergangene Woche. Eine Abschlagszahlung habe das Unternehmen noch nicht erhalten, „stattdessen eine große Frageliste, die wir im Moment abarbeiten“.

Sioux will nun die Unternehmensstrategie „flexibel an den Markt anpassen“, sagt Berner. Das heißt, „dass wir voll auf die Digitalisierung setzen“, das Online-Geschäft soll ausgebaut werden. Derzeit suche die Firma nach weiteren Mitarbeitern „für den perfekten Telefon- und Online-Service“. Zugleich wolle man „sehr diszipliniert mit den Kosten, der Warenbeschaffung und der Liquidität haushalten, um gut durch das schwierige Jahr 2021 zu kommen.“ Geld eingespart hat das Unternehmen bereits, weil seit März 2020 alle großen Schuhmessen ausgefallen sind und für Sioux deshalb hohe Reisekosten wegfielen. Die „relativ teuren Vertriebsstrukturen für den Einzelhandel“ würden aber aufrechterhalten, „auch wenn hier im Moment nur wenig Umsatz zu erzielen ist“, so Berner.

Sioux profitiere heute davon, dass die Vertriebsgesellschaft für den Fachhandel im vergangenen Jahr „erfolgreich“ durch die Insolvenz gegangen und damit saniert worden sei. „So haben wir viele Altlasten abwerfen können und sind nun, in der dritten Coronawelle, deutlich leichter und agiler unterwegs.“ Die Entscheidungswege seien kürzer als bei den „Großen der Branche“ und deshalb ein Wettbewerbsvorteil für Sioux.

Die Firma wurde 1954 in Walheim gegründet. Unter der Holding befinden sich drei operative Unternehmen: Eine Gesellschaft betreibt das Fachhandelsgeschäft (die Sioux Schuhe GmbH, die nach der Insolvenz der Sioux GmbH 2020 neu gegründete Tochter), eine die firmeneigenen stationären Flächen (wie das Outlet in Bietigheim) und eine das Online-Geschäft. Vor der Coronakrise machte Sioux einen jährlichen Netto-Umsatz von etwa 25 Millionen Euro im Jahr. Das Unternehmen beschäftigt derzeit 70 Mitarbeiter; seit Beginn der Coronakrise hat sich die Belegschaft um etwa zehn Prozent verkleinert, laut Berner „überwiegend durch natürliche Fluktuation beziehungsweise Renteneintritte“.

Der Umsatz wird in diesem Jahr geringer ausfallen – wofür Berner vor allem die Coronamaßnahmen der Politik verantwortlich macht. Der Handel sei so hart wie keine andere Branche von der Krise betroffen und habe zu wenig Hilfen bekommen. Dabei gebe es „kein messbares Infektionsgeschehen im Handel“, das hätten Studien ergeben. Berner: „Geöffnete Handelsflächen sind kein Infektionstreiber, zumal sich alle an die Hygieneauflagen gehalten haben und bei Schuhhändlern immer weniger los ist als in Stoßzeiten bei Aldi und Lidl. Das alles ignoriert die Politik, man zieht unbeirrt den Stiefel durch und lässt den Einzelhandel geschlossen, koste es, was es wolle.“

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