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„Schwäbische Allianz für den Weltmarkt“

Bietigheimer Dürr-Konzern beteiligt sich mit 75 Prozent an Teamtechnik in Freiberg –Stefan Roßkopf wird das Unternehmen weiterhin führen

Prüfsysteme für Elektro- und Hybridantriebe: Durch ihre Mehrheitsbeteiligung an Teamtechnik Maschinen und Anlagen GmbH baut die Dürr Systems AG ihr E-Mobility-Angebot weiter aus. Fotos: Dürr
Prüfsysteme für Elektro- und Hybridantriebe: Durch ihre Mehrheitsbeteiligung an Teamtechnik Maschinen und Anlagen GmbH baut die Dürr Systems AG ihr E-Mobility-Angebot weiter aus. Foto: Dürr

Bietigheim-Bissingen/Freiberg. Im Landkreis Ludwigsburg finden zwei Unternehmen zusammen, die eine gemeinsame Stärke haben: die Automatisierungstechnik. Über die Details der Mehrheitsbeteiligung haben Jochen Weyrauch, der stellvertretende Vorstandsvorsitzende des Bietigheimer Dürr-Konzerns, und Stefan Roßkopf, der Vorsitzende der Geschäftsführer der Teamtechnik in Freiberg, in einer Telefonkonferenz informiert. Dürr hatte die 75-Prozent-Beteiligung an Teamtechnik wie berichtet bekanntgemacht. „Akquisitionen gehören zu unserer Strategie“, erklärte gestern Jochen Weyrauch, der für das Automotive-Geschäft sowie für Beteiligungen und Zukäufe zuständig ist. Er ordnete die Beteiligung am Freiberger Automatisierungsspezialisten mit seinen 730 Beschäftigten „im Bereich der größeren Erwerbe“ ein. Über den Kaufpreis herrscht weiter Stillschweigen. Der Vollzug der Transaktion ist für Februar 2021 geplant. Das Bundeskartellamt muss den Kauf genehmigen. Im Dürr-Konzern wird Teamtechnik Teil der Division Paint and Final Assembly Systems, aber als eigenständiger Geschäftsbereich geführt.

Bei der Dürr AG drehe sich alles um Automatisierung und Lackierstraßen, so Weyrauch, was die Steuerung von mehr als 100 Lackierrobotern beinhalten könne und automatische Transportsysteme. Die beiden Unternehmen würden ihre Kräfte bündeln, mit dem Ziel, ihre Marktposition weiter zu stärken. „Es entsteht eine schwäbische Allianz für den Weltmarkt“, bekräftigte Weyrauch. Er sieht ein „neues Kraftzentrum für die Automatisierungstechnik“. Teamtechnik stehe für zwei wichtige Geschäftsfelder: die Elektromobilität und die Medizintechnik. „In der Großserienfertigung sind dabei Prüftechniken unerlässlich“, weiß der Dürr-Vorstandsvize. „Und die Nachfrage nach Prüfsystemen von Teamtechnik wird weiter zunehmen.“ Dürr habe trotz der Coronakrise einen Rekordeingang bei den Aufträgen, da sei Teamtechnik noch nicht enthalten. Beim Freiberger Automatisierungsexperten entfielen im Geschäftsjahr 2019 rund 60 Prozent des Gesamtumsatzes von 155 Millionen Euro auf den Bereich E-Mobilität. Teamtechnik produziert vor allem Systeme für die Prüfung fertig montierter Elektro- und Hybridantriebe am Bandende. Zudem werden Technologien für die automatisierte Produktion von Batteriemodulen und -packs für E-Autos geliefert.

Für Dürr ist der Medizintechniksektor, der bei Teamtechnik bereits 20 Prozent des Umsatzes ausmacht, ein neues Feld. Mit Systemen aus Freiberg werden zum Beispiel Injektionssysteme, Inhalatoren, Infusionssets und Kontaktlinsen vollautomatisch produziert. „Teamtechnik hat sich in der Branche einen guten Namen gemacht“, so Weyrauch, erschließe sich den Markt allerdings erst seit relativ kurzer Zeit. Dürr sieht hier Zukunftsmärkte mit hohen einstelligen Wachstumsraten. Denn die Hersteller von Medizintechnik investieren in die Automatisierung ihrer Fertigung, um eine gleichbleibend hohe Qualität ihrer Produkte sicherzustellen.

Auch Teamtechnik-Chef Stefan Roßkopf hebt die neuen Chancen auf den Weltmärkten für die Automatisierungsspezialisten hervor. Im Bereich der stark wachsenden Elektromobilität gebe es weltweit nur drei bis vier weitere Wettbewerber, bei der Medizintechnik nur etwa fünf bis acht. „Wir haben uns unter das Dach von Dürr begeben, weil wir von Synergien profitieren können“, erklärte Roßkopf, der zur Gründerfamilie gehört. „Dürr ist eine Topadresse im Maschinenbau“, habe einen hervorragenden Zugang zu Automobilherstellern und sei finanziell gut aufgestellt. Bei der Internationalisierung wie auch Lokalisierung der Aktivitäten könne Teamtechnik daher den „Global Footprint“, also den Fußabdruck der Dürr-Gruppe, nutzen. Diese kommt auf 3,92 Milliarden Euro Umsatz. „Wir wollen einen Wissenstransfer zwischen beiden Unternehmen etablieren.“ Dies soll die Effizienz steigern – und zugleich den Finanzbedarf senken.

„Ich werde Teamtechnik als Unternehmer im Unternehmen weiterführen“, sagte Stefan Roßkopf, der weiterhin 25 Prozent der Anteile hält. „Wir docken an Dürr an, bleiben aber eine eigenständige Einheit“, sagt der 53-Jährige, der dies als frühzeitige und langfristige Unternehmensnachfolge sieht.

Im Dürr-Konzern soll Teamtechnik profitabel wachsen. Im Coronajahr 2020 liegt der Umsatz mit 150 Millionen Euro etwas niedriger als 2019. „Wir weisen ein positives Ergebnis aus“, betonte Roßkopf. „2021 wird der Umsatz aber coronabedingt auf 120 Millionen Euro sinken.“ 2017 hatte Teamtechnik 136 Millionen Euro Umsatz und 2018 einen von etwa 124 Millionen Euro gemacht. Die Gewinne beliefen sich auf 1,7 Millionen (2017) und zwei Millionen Euro (2018). Erwartet wird, dass der Gewinn im nächsten Jahr vor Zinsen und Steuern (Ebit) leicht negativ sein wird. Der Grund für die Entwicklung sei die weltweite Investitionszurückhaltung. Viele Unternehmen hätten ihre Investitionen ausgesetzt oder verschoben. Doch bereits für 2024 wird ein Umsatz von 200 Millionen Euro angestrebt und eine Ebit-Marge von rund neun Prozent.

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