Logo

Schwieriger Neustart nach dem Brexit

Industrie- und Handelskammer führt allein in Ludwigsburg jeden Tag Beratungsgespräche mit Unternehmen in zweistelliger Höhe

Lastwagen stehen in Dover am Hafen an den neuen Grenzkontrollen zwar Schlange, doch die Ausfuhren aus Großbritannien in die EU sind noch immer niedrig. „Es gibt keine normale Nachfrage von Exporteuren. Das bedeutet, dass 40 Prozent der Laster leer au
Lastwagen stehen in Dover am Hafen an den neuen Grenzkontrollen zwar Schlange, doch die Ausfuhren aus Großbritannien in die EU sind noch immer niedrig. „Es gibt keine normale Nachfrage von Exporteuren. Das bedeutet, dass 40 Prozent der Laster leer auf den Kontinent zurückkehren“, sagte der Chef des britischen Spediteursverbands RHA, Richard Burnett, der Times. Unternehmen hätten Angst, „im Hafen festzusitzen, falls sie nicht über die richtigen Zollpapiere verfügen“. Zudem sei die Pflicht zu Coronatests sehr unbeliebt. Foto: Gareth Fuller/PA Wire/dpa

Ludwigsburg/Bietigheim-Bissingen/Ditzingen/Stuttgart. Sorgenfalten zeigen sich auf der Stirn so mancher Unternehmer im Großraum Stuttgart nach dem Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union. Denn in den Wochen nach dem Brexit-Vollzug haben sich erste Auswirkungen auf den Handel mit dem Vereinigten Königreich gezeigt, das nach Angaben des Statistischen Landesamtes noch immer zu den Top-Zehn-Außenhandelspartnern Baden-Württembergs zählt, auch wenn es auf Rang sieben zurückgefallen ist. Der Südwesten exportierte 2018 Waren für 10,1 Milliarden Euro ins United Kingdom und importierte im Gegenzug Waren für 3,8 Milliarden Euro. 2019 beliefen sich die Exporte – Fahrzeuge, Teile, Maschinen oder auch Pharma-Produkte – sogar auf 10,4 Milliarden Euro. Auch im Coronajahr 2020 (bis September) konnten die Firmen Exporte von 6,5 Milliarden Euro erzielen – 20 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum.

„Das Vereinigte Königreich ist nach wie vor einer unserer wichtigsten Handelspartner“, erklärt Südwest-Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) gegenüber unserer Zeitung. „Das kurz vor Weihnachten gelungene Handels- und Kooperationsabkommen zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich ist aus wirtschaftspolitischer Sicht sehr wichtig. Nichtsdestotrotz ist es zum Jahreswechsel endgültig aus dem EU-Binnenmarkt und der Zollunion ausgeschieden, und damit ist klar, dass sich die Handelsbeziehungen in der Praxis deutlich verändern werden.“ Die Ministerin zeigt sich überzeugt, „dass die Handelsbeziehungen zwischen Baden-Württemberg und dem Vereinigten Königreich grundsätzlich sehr stark und stabil sind“.

Die Industrie- und Handelskammer Stuttgart (IHK) sieht in Großbritannien ebenfalls „einen sehr interessanten Markt für Südwest-Unternehmen, die zum Teil schon seit langem enge Geschäftsbeziehungen pflegen“. Und das ist nicht nur Daimler in Stuttgart, im Landkreis Ludwigsburg zählen Bosch, Mann+Hummel, Dürr und Trumpf beispielsweise dazu. Die IHK stellt fest, dass viele Fragen trotz des Brexit-Handelspaktes ungeklärt sind. „An vielen Stellen erwarten wir, dass vonseiten der Partner nachgebessert wird – und das möglichst rasch in den ersten Monaten des Jahres“, sagt eine IHK-Sprecherin. „An den Grenzen ruckelt es bereits heftig.“ So fehlen Vereinbarungen zu Verkehrsdienstleistungen. Auch im Bereich der Finanzdienstleistungen gebe es nur eine Absichtserklärung, bis März Regelungen zu vereinbaren. Zudem seien britische Firmen oft nicht über die neuen Spielregeln informiert.

Der Informationsbedarf der Unternehmen in der Region ist hoch. „Seit dem 4. Januar leisten wir allein in Ludwigsburg jeden Tag eine zweistellige Zahl von Brexit-Beratungen“, sagt Reiner Boucsein von der IHK-Bezirkskammer Ludwigsburg. „Wir hatten schon im zweiten Halbjahr und verstärkt im Dezember 2020 viele Anfragen zum Thema Brexit, als noch nicht feststand, ob am Ende ein Freihandelsabkommen oder ein harter Brexit stehen würde“, ergänzt der stellvertretende Geschäftsführer der IHK Region Stuttgart. Die Fragen sind vielfältig. „Unternehmen, die bislang nur innergemeinschaftlich und nicht in Drittländer lieferten, haben wir auf die Notwendigkeit der EORI-Nummer hingewiesen, die man für die Zollanmeldung der Lieferungen in Drittländer benötigt. Da diese häufig nicht vorhanden war, haben wir gezeigt, wie man sie bekommt.“ Top-Fragen: Wie erstelle ich Ausfuhr- und Einfuhranmeldungen für Großbritannien? Welche Ursprungserklärung muss ich abgeben, damit mein Kunde die Ware zollfrei einführen kann? Andere wollen wissen, wo sie die notwendige Ursprungserklärung für EU-Ware oder die britischen Zollsätze für Drittlandware finden. „Es gibt viele Fragen“, erklärt Boucsein, die die IHK-Spezialisten beantworten.

„Unternehmen werden seit Jahresbeginn mit neuen Herausforderungen und Handelshemmnissen konfrontiert, die zu höheren Kosten und mehr Bürokratie führen“, erklärt eine Sprecherin des Wirtschaftsministeriums. „Nach einem Monat machen sich die Brexit-Folgen bei immer mehr Firmen bemerkbar. Einige Unternehmen berichten bereits, dass sie ihre Lieferketten anpassen.“ Das deutsche Transportunternehmen DB Schenker habe etwa zeitweise keine Sendungen mehr aus der EU nach Großbritannien angenommen. Das IHK-Referat Internationaler Warenverkehr berichtet, dass Speditionen Sendungen ins Vereinigte Königreich teilweise gar nicht annehmen – wegen der vielen Umstände und Schwierigkeiten.

„Wie stark die Beeinträchtigungen im Warenverkehr mittel- und langfristig sind und wie stark dadurch bestehende Lieferketten beeinträchtigt werden, bleibt im Moment abzuwarten“, verlautet aus dem Ministerium, das den „Prozess intensiv begleiten“ will. Gerade beim Export von Waren ins Vereinigte Königreich werde sich erst in den nächsten Monaten zeigen, wie sich die Anwendung der Regelungen in der Praxis einspiele.

Die baden-württembergischen Unternehmen haben sich nach Einschätzung des Wirtschaftsministeriums gut auf die Veränderungen vorbereitet:

Bosch: Die Bosch-Gruppe mit Sitz in Gerlingen, weltweite Nummer eins unter den Automobilzulieferern, hat sich mit einer internen Task Force jahrelang auf unterschiedliche Szenarien – in Bereichen wie Zölle, Recht, Finanzen, Personal – vorbereitet. Der Entwurf des Handelskooperationsabkommens (TCA) sei zwar „kein Ersatz für den völlig freien und reibungslosen Handel, bietet jedoch die Möglichkeit eines zoll- und quotenfreien Handels“, erklärt eine Unternehmenssprecherin. Dies ist eine wichtige Voraussetzung für solide Rahmenbedingungen der wirtschaftlichen Beziehungen. „Der Fokus sollte nun darauf liegen, eine rasche Umsetzung zu gewährleisten“, so der Bosch-Konzern, der schon seit 1889 im Vereinigten Königreich aktiv ist, und dort 2019 mit 5000 Mitarbeitern einen Umsatz von 3,7 Milliarden Euro erzielte Bosch fertigt in Großbritannien vorwiegend für den lokalen Markt, wie Thermotechnik am Standort Worcester. Bosch begrüßt das Handelsabkommen, durch das ein No-Deal-Brexit vermieden wurde. Dennoch führe das TCA zu Disruptionen. So führe die Einrichtung einer Grenze zu einem Anstieg des Verwaltungsaufwands.

Dürr: Der Bietigheimer Dürr-Konzern ist in Großbritannien nur mit Vertriebs- und Service-Aktivitäten an vier Standorten präsent. „Der Umsatzanteil liegt bei drei Prozent und verteilt sich auf alle Divisions des Konzerns“, sagt Dürr-Vizepräsident Andreas Schaller. Im Brexit-Vorfeld hat Dürr mit einem erhöhten Aufwand bei Lieferungen gerechnet, insbesondere hinsichtlich Informationsbereitstellung, Lieferzeiten und Kosten. Bei Dürr geht man davon aus, dass sich im Bereich Logistik die Prozesse noch besser einspielen werden. „Wir beabsichtigen keine Veränderung unserer Aktivitäten auf den Britischen Inseln“, betont Schaller.

Trumpf: „Das Trumpf-Geschäft in Großbritannien hat einen Umsatz von 60 Millionen Euro“, erklärt Unternehmenssprecher Rainer Berghausen. Der Gesamtumsatz beträgt im Vergleich 3,5 Milliarden Euro. Mehr als zwei Jahre hat sich auch das Ditzinger Hochtechnologieunternehmen, das eine Produktionsstätte für Faserlaser in Southampton und eine Vertriebs- und Servicegesellschaft in Luton hat, auf unterschiedliche Brexit-Szenarien vorbereitet. So wurde Ende November 2020 die Tochtergesellschaft SPI Lasers mit der Trumpf-Gruppe verschmolzen. Trumpf erhöhte die Lagerkapazitäten, um Anlaufprobleme zu vermeiden. Trumpf-UK hat 370 Mitarbeiter.

Mann+Hummel: Der Ludwigsburger Zulieferer Mann+Hummel hat sich bis zuletzt auf den Brexit vorbereitet und hat mehrere produzierende Werke in Großbritannien, hauptsächlich im Bereich Automotive. Vorräte wurden aufgebaut, um Verzögerungen durch den Zoll abzudecken. „Großbritannien bleibt nach wie vor ein wichtiger Markt für uns“, betonte eine Unternehmenssprecherin. Aktuelle Herausforderung sieht man bei dem Filtrationsspezialisten „in der Knappheit der verfügbaren Lastwagen und der Staubildung an den Grenzen“. Dies ist jedoch nicht alleine dem Brexit geschuldet, sondern auch durch die verschärften Einreisebedingungen durch Covid-19. Die Bearbeitungszeiten wegen der Zollregelungen seien in der Regel länger, es entstehen daher höhere Kosten. Ein Personalaufbau erfolgte noch nicht, wird eventuell aber in geringem Umfang nötig. Im November 2020 verkündete Mann+Hummel, dass das Werk in Wolverhampton wegen des Marktumfeldes, Umsatzrückgängen und des Strukturwandels in der europäischen Automobilindustrie geschlossen werden soll.

Autor: