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Virus trifft den Lehrstellenmarkt

Arbeitgeber haben im Mai 13,1 Prozent weniger Azubi-Stellen gemeldet – Doch auch die Bewerberzahl geht zurück

Ein Azubi setzt hier eine Schweißnaht an ein Metallteil, während der Berufsschullehrer zuschaut. Foto: D. Bockwoldt/dpa
Ein Azubi setzt hier eine Schweißnaht an ein Metallteil, während der Berufsschullehrer zuschaut. Foto: D. Bockwoldt/dpa

Ludwigsburg. Die Monate vor dem Ausbildungsstart im September sind alljährlich normalerweise die heiße und entscheidende Phase am Ausbildungsmarkt: Schülerinnen und Schüler konzentrieren sich auf ihre Berufsplanung und die Unternehmen im Südwesten besetzen ihre freien Ausbildungsplätze. Doch in diesem Jahr ist durch die Coronapandemie alles anders und die Ausbildungsmarktentwicklung ungewiss. Erfahrungswerte vergangener Jahre greifen nicht.

Durch die langen Schulschließungen und Kontaktbeschränkungen scheinen auf den ersten Blick die Unterstützungsmöglichkeiten der Berufsberatung eingeschränkt zu sein. Im Kreis Ludwigsburg stehen die Berufsberater Interessierten, die sich in den nächsten Wochen Gedanken um Schritte hin zu ihrer beruflichen Zukunft machen, für alle Fragen zur Berufswahl zur Verfügung, wie Carolin O’Sullivan, Geschäftsführerin der Arbeitsagentur Ludwigsburg, versichert. Die Hotline der Arbeitsagentur sei montags bis donnerstags von 9 Uhr bis 12 Uhr unter der Rufnummer (0.71.41).13.72.71 zu erreichen oder per E-Mail unter Ludwigsburg.Berufsberatung@arbeitsagentur.de.

„Die Berufsberatung ist für euch da. Die Berater sind ansprechbar. Ihr könnt jederzeit und auf verschiedenen Wegen Kontakt mit uns aufnehmen. Ihr erreicht uns auch über eure Schule und Lehrkräfte oder per Mail. Mit der Azubi-Welt-App könnt ihr direkt am Smartphone nach freien Ausbildungsstellen suchen“, appelliert Christian Rauch, Vorsitzender der Geschäftsführung der Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit in Stuttgart, an die Schulabgänger. „Wir stehen mit etwa 40 Gemeinschaftsschulen, Werkreal- und Realschulen sowie 20 Gymnasien und den beruflichen Schulen in Kontakt“, betont O’Sullivan. Noch vor den Sommerferien werden dort in enger Abstimmung mit diesen Schulen für Interessierte Termine angeboten. „Ich kann nur alle Jugendlichen, die vor der Berufswahl stehen, ermuntern: Meldet euch bei den Berufsberaterinnen und Berufsberatern. Sie besprechen mit euch Berufswünsche und Möglichkeiten und unterstützen euch bei der Suche nach passenden Ausbildungs- und Studienplätzen,“ sagt Rauch.

Die Coronakrise mit ihren wirtschaftlichen Verwerfungen hat auch den Ausbildungsmarkt in Baden-Württemberg durcheinandergewirbelt: „Wir haben bereits seit einigen Monaten strukturelle Auffälligkeiten, die nun durch Corona verstärkt werden“, erklärt Rauch. So sind landesweit sowohl die Zahlen der Ausbildungsstellen wie auch die der Bewerber zurückgegangen.

Die Ausbildungsmarktstatistik verzeichnet im Mai einen Rückgang gemeldeter Ausbildungsstellen um 7,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Im Mai sind landesweit zugleich knapp 70.000 Azubi-Stellen gemeldet gewesen. Davon ist die Hälfte noch unbesetzt. Im Bereich der Arbeitsagentur Ludwigsburg sind 2472 Azubi-Stellen gemeldet worden, 13,1 Prozent weniger als im Mai 2019, als es noch 2846 Stellen waren. „Die Ausbildungsbereitschaft der Betriebe ist aber nach wie vor hoch“, beruhigt O’Sullivan. In der Region Stuttgart gebe es noch mehr als 8000 freie Ausbildungsplätze. Im Kreis Ludwigsburg seien es 1282 (minus zehn Prozent). So sind es allein im kaufmännischen Bereich 88 und im Verkauf 68. Doch auch 64 Azubis als Zahnmedizinische Fachangestellte, 50 Logistiker und 45 Bankkaufleute werden gesucht. Im Rems-Murr-Kreis seien 1130 Lehrstellen frei, 2244 seien es in Stuttgart, 941 im Kreis Böblingen und 1446 im Kreis Esslingen. Weitere 916 Azubi-Stellen seien in Göppingen verzeichnet.

Den 2472 freien Lehrstellen stehen im Bereich der Ludwigsburger Arbeitsagentur lediglich 2162 Bewerber gegenüber, so O’Sullivan. Immerhin ein Minus von 5,4 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum mit 2286 Bewerbern. Gleichzeitig sind noch 1001 Bewerber unversorgt. Auch landesweit zeigen sich auf der Bewerberseite rückläufige Zahlen. Diese seien jedoch aufgrund der Corona-Kontaktbeschränkungen unterzeichnet, so Rauch. Zwischen Oktober 2019 und Mai 2020 haben sich an die 51.000 Bewerber bei den Arbeitsagenturen gemeldet, etwa 3800 weniger als im Jahr zuvor. Fast 24.000 von ihnen sind bis Ende Mai noch unversorgt gewesen. 14..300 haben sich bisher einen Ausbildungsplatz sichern können – fast 2100 oder 12,7 Prozent weniger als im Mai 2019.

Die Beobachtungen des regionalen Stützpunktes des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit unterstreichen Rauchs Einschätzung. Das Forschungsinstitut rechnet mit zehn Prozent weniger Ausbildungsstellen im Land bis 30. September. In der Gastronomie habe sich bereits vor Corona ein Einbruch in den Ausbildungszahlen gezeigt, der durch die aktuelle Lage verstärkt werde. Auch im Maschinenbau sei bereits vor März 2020 ein strukturell bedingter Rückgang zu beobachten gewesen, der nun durch Corona geringfügig beschleunigt werde.

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