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„Wir brauchen Bauherren, die neuen Verfahren vertrauen“

IBA-Symposium in Stuttgart stellt Technologien und Prozesse zur Transformation der Bauwirtschaft vor

Das Franck-Areal am Ludwigsburger Bahnhof bietet sich als Entwicklungsfläche für nachhaltiges Bauen und Sanieren an. Foto: Holm Wolschendorf
Das Franck-Areal am Ludwigsburger Bahnhof bietet sich als Entwicklungsfläche für nachhaltiges Bauen und Sanieren an. Foto: Holm Wolschendorf

Stuttgart/Ludwigsburg. Das Bahnhofsquartier in Ludwigsburg auf dem ehemaligen Werksgelände der Zichorienkaffeefabrik Franck und dem Kepler-Dreieck ist ebenso eine Entwicklungsfläche für die Internationale Bauausstellung IBA’27 wie der Fuchshof zwischen der Ludwigsburger Oststadt und Oßweil. Auf beiden Arealen soll exemplarisch die Transformation der Baubranche stattfinden, wo es neben neuen und recycelten Baustoffen auch um hybride Nutzungen und vieles mehr geht.

Ein dreistündiges Online-Symposium der IBA, hinter der die Wirtschaftsfördergesellschaft der Region Stuttgart (WRS) steht, hat am Dienstag zum Thema „Zukunft Bauen“ deutlich gemacht, worum es im Kern geht. Denn angesichts des Klimawandels müssen nicht nur Flächen besser genutzt werden. Aktuell verursacht das Bauen global noch 40 Prozent aller CO-Emissionen und die Hälfte allen Mülls. Dabei hat der globale Bauboom bis 2030 in Afrika, Asien und Südamerika, Stichwort Urbanisierung, erst begonnen.

Professorin Christina Stürmer-Philipp von der Hochschule für Technik der Uni Stuttgart, die eng mit der Bauwirtschaft und der Architektenkammer kooperiert, sagt: „Zwei Drittel aller Güter werden für das Bauen transportiert.“ Auf jede neu gebaute Wohneinheit entfielen statistisch 60Lkw-Fahrten. Deshalb stehe „die Baubranche als Wirtschaftsfaktor und Innovationstreiber vor einer Revolution“ und es brauche Motoren wie die IBA, die neue Techniken und Verfahren mit Investoren und Bauherren zusammenbringt, damit sich diese in der Praxis bewähren und der Gesetzgeber neue Erkenntnisse gewinnt und reagieren kann.

Plattform für die Vermittlung von wiederverwertbarem Bauschutt

Konkrete Beispiele lieferte das Symposium zahlreich: Etwa die 2012 als Online-Marktplatz gegründete Restado, wo etwa ein Karstadt in Berlin im Kontext eines Umbaus 40000 Quadratmeter Fliesen und Platten feilbot, die anderenorts in der Stadt wieder verbaut wurden. Gründer Dominik Campanella: „Wir verhalfen vermeintlichem Bauschutt, dessen Entsorgung sogar noch kostet, zu einem Wert.“ Weil aber der Aufwand für Bauherren nicht praktikabel ist, aufwendig zu recherchieren, wo passende Baustoffe einer Zweitverwertung harren, hat der Gründer sein Business weiterentwickelt. Heute ist Concular eine digital vernetzte Plattform, die Angebot und Nachfrage mit wenigen Klicks am PC zusammenbringt. Das Start-up beschäftigt knapp 20 Mitarbeiter und hat Referenzen wie Mercedes, die ihrerseits zunehmend ihre Nachhaltigkeit belegen müssen.

Dr. Norbert Pralle, Bauingenieur bei Züblin, begrüßt das Beispiel: „Ziel muss die digitale Erfassung aller Baumaterialien sein, damit wir überall wissen, wann, wo, was zur Wiederverwertung frei wird.“ Angesichts der Herausforderungen sehe er keine Konkurrenten, sondern nur Kooperateure. Sein Konzern lebe fast ausschließlich von Neubauten. Da sei es fatal, wenn neue Vorhaben an fehlendem Material scheiterten oder an Verboten, die angesichts der Klimadramatik bereits diskutiert würden.

Ein praktisches Beispiel liefert Feess in Kirchheim/Teck. Das einstige Abbruch- und Entsorgungsunternehmen hat sich seit 2010 konsequent zum Bauschuttrecycler weiterentwickelt, der auf Wertstoffhöfen in der Region auch von Mitbewerbern gegen Gebühr mineralische Baustoffe annimmt und etwa zu Zuschlagstoff für R-Beton aufbereitet, der natürliche Kies- und Sandvorkommen schont. Die Alternative wären Bauschutttransporte bis ins Elsaß, um dort Material zu deponieren oder minderwertige Verfüllungen im Untergrund. Dank Feess, der mehr als 200 Mitarbeiter beschäftigt, kommt etwa Betonhersteller Holcim in der Region auf eine R-Betonquote von 50 Prozent. Bundesweit liegt die Quote noch unter einem Prozent.

Züblin-Mann Pralle, der auf eine Entschleunigung der Baubranche drängt, um CO zu sparen, gefällt das Beispiel. Solche Recyclingprozesse, die betriebswirtschaftlich, nicht aber volkswirtschaftlich einen erhöhten Aufwand bedeuten, seien Teil der Lösung. Aber auch natürliche chemische Aushärtungsprozesse von Beton etwa, nicht künstlich zu beschleunigen, sondern vorzuproduzieren. Pralle: „Für solche Veränderungen brauchen wir vor allem die Bauherren und Investoren, die uns diese Zeit geben und den neuen Verfahren vertrauen.“ Veraltete Baunormen und „zu viele gesetzliche Regularien, die noch zu sehr auf Komfort und Sicherheit abzielen denn auf Nachhaltigkeit“ seien weitere Hemmnisse für die Transformation.

Kompostierbare Verbindungen aus Beton und Holz als Alternative

Ein weiterer Themenbereich waren hybride Bauelemente, also etwa recycelbare oder kompostierbare Verbindungen aus Beton und Holz oder Holz und Stroh, Hanf oder Flachs, die teils mit Harz gehärtet werden und filigrane Konstruktionen bei hoher Traglast ermöglichen. Hanaa Dahy, Juniorprofessorin an der Uni Stuttgart, hat aus den auch in Mitteleuropa nachwachsenden Materialien, die zudem noch CO binden, in einem internationalen Netzwerk bereits ganze Baugruppen entwickelt.

Daneben geht es um hybride Nutzungen, die in der Pandemie – Stichwort Homeoffice – an Bedeutung gewannen. IBA-Projektleiterin Stefanie Kerlein nannte dafür Beispiele: So kann in den Ludwigsburger Quartieren Parkraum künftig tags von Pkw-Pendlern genutzt werden und abends für die Anwohner. Und in den Erdgeschossen finden Handwerk und Handel statt, während obere Etagen – etwa mit variablen Wänden – für Wohnen und Dienstleister zur Verfügung stehen mit gemeinsam genutzten Multifunktionsräumen und Aufbauten aus Holz auf Bestandsgebäude aus Backsteinen.

Info: Die Internationale Bauausstellung (IBA) findet 2027 ( www.iba27.de) in der Region Stuttgart statt. Seit drei Jahren schafft die IBA‘27 mit einer eigenen Geschäftsstelle dafür die Strukturen und identifiziert dutzende Bauvorhaben in der Landeshauptstadt und den umliegenden fünf Landkreisen mit ihren 2,8 Millionen Einwohnern. Das 21-köpfige IBA-Team moderiert Prozesse in den Kommunen, bindet international Experten ein, kümmert sich um Fördergelder und politische Rahmenbedingungen.

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