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„Wir haben unser Leben wieder“

Willi Moser an seinem Mini-Riesenrad am Lagerplatz in Ludwigsburg-Oßweil. Foto: Holm Wolschendorf
Willi Moser an seinem Mini-Riesenrad am Lagerplatz in Ludwigsburg-Oßweil. Foto: Holm Wolschendorf
Morgen beginnt das Volksfest auf dem Cannstatter Wasen. Auch die Benninger Schaustellerfamilie Moser ist mit ihren beiden Irrgärten auf dem riesigen Rummelplatz vertreten. Der Chef erzählt, wie der Familienbetrieb durch die Coronakrise gekommen ist und warum er von neuen Sorgen erst mal nichts mehr wissen will.

Benningen/ Ludwigsburg. Willi Moser wäre heute kein Schausteller, wäre seine Urgroßmutter nicht eine so mutige Frau gewesen. Ende des 19. Jahrhunderts hatte Magdalena Spangenberger elf Kinder und einen Mann, der mit seinem Beruf als Schauspieler nicht vorankam. Um die große Familie besser ernähren zu können, kaufte Magdalena Spangenberger eine Schiffschaukel – das war der Wechsel vom Schauspieler- ins Schaustellergewerbe. So startete ein Familienbetrieb, der den Besuchern von Volksfesten noch heute Freude bereitet.

„Meine Urgroßmutter trat damals die Flucht nach vorne an“, blickt Willi Moser zurück. „Ohne ihre Entscheidung, eine Schiffschaukel zu kaufen, würde es uns heute als Schausteller nicht geben.“ Die existenziellen Sorgen, die seine Urgroßmutter damals verspürt haben musste, drückten auch Moser nieder, nachdem Anfang 2020 das Coronavirus über die Welt kam. Feste und alle Veranstaltungen, aus denen seine Familie Einkünfte bezog, wurden abgesagt, um Menschen vor einer Ansteckung zu schützen. Der Schausteller-Leitspruch – „Wir bringen Freude in jede Stadt“ – wandelte sich damals von einem Versprechen zu einer leeren Floskel.

Bleierne Zeit

Im Frühjahr 2020 begann für Moser (54), seine Frau Jutta (57) und seine Tochter Alina (26) deshalb eine bleierne Zeit – oder, wie Moser sagt: „Es begann ein großes Nervenspiel.“ Den Irrgarten, den die Familie seit knapp drei Jahrzehnten besitzt, konnte sie nicht mehr einsetzen. Ihr kleinerer Irrgarten, den sie im Mai 2019 bestellt und gekauft hatte, stand statt auf einem Festplatz ebenfalls nur ungenutzt in der Oßweiler Lagerhalle herum.

Kein Wasen, keine anderen Feste, keine Weihnachtsmärkte – auch das Wintergeschäft mit Kinderkarussell und kleinem Riesenrad fiel weg. „Corona hat uns den Boden unter den Füßen weggezogen, wir sind mit Vollgas gegen die Wand gefahren.“ Die Familie hatte über viele Monate hinweg keine Einkünfte, „keinen einzigen Cent“, aber trotzdem Kosten, etwa für das Personal. Für Fuhrpark und die Lagerfläche mussten die Mosers Kredite aufnehmen, „wenn man nichts einnimmt, sind 100 Euro sehr viel Geld“, sagt der 54-Jährige. „In so einer Situation stellt man alles infrage.“ Aber klar war für ihn auch: „Aufgeben ist keine Option.“

Immerhin: Der Familienbetrieb hielt sich dank eines Pakets finanziell über Wasser – geschnürt aus einem KfW-Darlehen und staatlichen Hilfen, von denen aber immer noch nicht jede endgültig angekommen sei (etwa die für die Absage des Ludwigsburger Weihnachtsmarkts 2021, wie Moser sagt). Außerdem verkaufte die Familie in der Coronakrise einen Lastwagen, ein Auto und einen Weihnachtsmarktstand, einen Schafwollstand, der auf dem Ludwigsburger Marktplatz immer gegenüber dem Café Lutz aufgestellt war. Heute befindet er sich laut Moser in Bamberg.

Durch diese Verkäufe und durch die Hilfen hatten die Mosers Einnahmen, die sie in dieser Zeit dringend benötigten. „Wir haben uns da durchgeschleppt“, sagt Moser über die Coronakrise, „das Schlimmste war, nicht zu wissen, ob und wie es weitergeht. Nachts konnte ich oft nicht richtig schlafen.“ Und Schausteller, die nicht auf Tour sind, sondern monatelang zu Hause sitzen – „das ist nicht unser Leben“, sagt Moser, „unser Beruf ist wie eine Droge, wenn man ihn gern ausübt“.

Neustart im Frühjahr

Die Zeit, in der die Mosers erzwungenermaßen auf Entzug waren, füllten sie damit, die Fahrgeschäfte zu perfektionieren. „Wir haben das Riesenrad restauriert und ihm eine neue Farbe verpasst“ (es ist nun rot statt blau), „wir haben den neuen Irrgarten perfektioniert, das alles hat abgelenkt. Dann ging es irgendwann langsam wieder bergauf.“ Nicht nur trat ein neuer Mitarbeiter in den Familienbetrieb, der gelernte Kfz-Meister Kai Bartkowski, der Freund von Moser-Tochter Alina. Auch mit den Festen ging es wieder los – das erste ohne Einschränkungen war in Kirchheim. „Das war für uns ein Neustart, seit Frühjahr haben wir unser Leben wieder“, betont Moser.

„Aber jetzt fangen die Sorgen schon wieder an“, sagt Bartkowski. Denn auf die Coronakrise folgte der Ukraine-Krieg und die Energiekrise. „Man hört schon von abgesagten Festen im nächsten Jahr.“ Moser erklärt: „Wir haben noch nie so viel für Strom gezahlt wie jetzt, seit August hat sich der Preis stark erhöht.“ Das trifft den Familienbetrieb besonders: „Der Strom treibt bei uns alles an, jedes Karussell, jede Lampe, die Effekte mit Licht und Nebel, die Musikanlage.“ Hinzu kommen Einschränkungen, die Veranstalter den Schaustellern auferlegen könnten – etwa ein früherer Festschluss am Abend, was weniger Einnahmen bedeuten würde. Ein Festorganisator in Bonn etwa habe schon eine Liste mit Energiesparmaßnahmen an Schausteller geschickt.

Nach dem Cannstatter Volksfest sind die Mosers mit ihren Irrgärten in Freiburg und im Rheinland, dann mit dem kleinen Riesenrad und dem Kinderkarussell auf dem Ludwigsburger Weihnachtsmarkt. „Wir sind guter Dinge, dass das alles stattfindet.“ Wie es dann in der Energiekrise weitergeht, weiß Moser nicht. „Ich mache mir auch Sorgen, aber davon möchte ich noch nichts wissen. Wir müssen jetzt das Geld erwirtschaften, mit dem wir, falls es wieder schwierig wird, durch den Winter kommen müssen.“