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„Wir sind nicht mehr unsichtbar“

Gebäudereiniger werden in der Pandemie stärker wahrgenommen – Betriebe aus dem Kreis Ludwigsburg mit mehr Sonderreinigungen

Privat und beruflich ein gutes Team: Daniel Pereira und Marie-France Pereira (hinten) reinigen die Aldi-Filiale in der Martin-Luther-Straße in Ludwigsburg. Mit dabei an diesem Abend im Februar ist Gülsen Seker, Inhaberin der Tammer Gebäudereinigungsf
Privat und beruflich ein gutes Team: Daniel Pereira und Marie-France Pereira (hinten) reinigen die Aldi-Filiale in der Martin-Luther-Straße in Ludwigsburg. Mit dabei an diesem Abend im Februar ist Gülsen Seker, Inhaberin der Tammer Gebäudereinigungsfirma Sauberwelt. Foto: Holm Wolschendorf

Tamm/ Asperg. „Das Gefühl, dass man gebraucht wird, ist in der Coronakrise stärker geworden“, sagt Gülsen Seker, Inhaberin des Unternehmens „Sauberwelt Gebäudereinigung“ mit Sitz in Tamm. Ihre Branche werde seit Beginn der Krise anders wahrgenommen als davor: „Wir sind nicht mehr unsichtbar, sondern werden jetzt in manchen Bereichen sogar als systemrelevant wahrgenommen.“

Seker beschäftigt derzeit etwa 90 Mitarbeiter, Voll- und Teilzeitkräfte sowie Minijobber. Niemanden musste sie im vergangenen Jahr entlassen, weil ihre Firma gut durch die Coronakrise gekommen ist. Zwar gab es Verluste, weil Privatkunden, vor allem ältere, aus Angst vor dem Virus Aufträge für Fensterreinigungen absagten oder gar nicht erst bestellten. Und weil die Ludwigsburger Kinos Caligari und Luna, in denen „Sauberwelt“ reinigt, derzeit und im vergangenen Jahr über Monate geschlossen haben mussten.

Doch an die Stelle von einigen Unterhaltsreinigungen, dem täglichen Alltagsprogramm in Nicht-Krisen-Zeiten, traten in der Pandemie viele Sonder- und Grundreinigungen, etwa von kompletten Schränken und Küchen in Gebäuden. Und bei den Unterhaltsreinigungen, die weiterliefen, kamen weitere Aufgaben hinzu, etwa die Flächendesinfektion.

Ausfälle wurden auch aufgefangen, indem Arbeiten sich auf andere Bereiche verlagerten – weg von Privatkunden und Kinos hin zum Discounter Aldi, wo seit Corona auch desinfiziert wird und deshalb mehr zu tun ist als vor Corona. Sauberwelt reinigt alle Aldi-Märkte in und um Ludwigsburg und das Zentrallager in Murr.

Sekers Firma hatte im Gegensatz zu anderen Reinigungsunternehmen auch das Glück, vom Thema Homeoffice nicht betroffen zu sein. Sekers Mitarbeiter reinigen vor allem bei Kunden, die auch in der Krise größtenteils oder zeitversetzt vor Ort arbeiteten und arbeiten mussten – etwa Ärzte und Handwerksbetriebe. In Gebäuden von IT-Firmen musste sogar mehr gereinigt werden als zuvor – weil deren Mitarbeiter Systeme auf Homeoffice umstellen mussten, dafür oft Extraschichten einlegten und so mitunter auch samstags und sonntags im Büro waren.

Mehr Wertschätzung

Christos Rekouniotis übersteht die Coronakrise ebenfalls vergleichsweise gut – auch weil zu den Kunden seiner Ludwigsburger Gebäudereinigungsfirma Rema viele Arztpraxen und Kanzleien zählen, Bereiche, in denen kein oder wenig Homeoffice gemacht werden kann. Und weniger Aufträge in lange zwangsgeschlossenen Friseursalons glich Rekouniotis’ Firma mit 50 Mitarbeitern etwa durch mehr Sonderreinigungen und Desinfektionen aus. Probleme sieht der Inhaber eher in der Zukunft auf die Branche zukommen, wenn potenzielle oder bestehende Kunden sparen müssen. Dann, so Rekouniotis, könnten Reinigungsaufträge reduziert oder könnte es schwierig werden, Neukunden zu gewinnen.

Anderen Reinigungsunternehmen hat die Krise mehr geschadet. „Die wirtschaftliche Betroffenheit ist enorm“, teilt der Bundesinnungsmeister des Gebäudereinigerhandwerks, Thomas Dietrich, auf Nachfrage mit. „Jedes vierte Unternehmen musste unserer Konjunkturumfrage zufolge seit Krisenbeginn Beschäftigte entlassen, zwei Drittel melden Umsatzeinbußen.“

Auf einzelne Bereiche in der Branche wirkt sich die Krise stärker aus als auf andere – je nachdem, was eine Firma schwerpunktmäßig reinigt. „Wenn ganze Wirtschaftspfeiler wie Gastgewerbe, Tourismus oder Messe wegbrechen, der Industriemotor stottert und die Homeoffice-Regeln Büros leer fegen, trifft all das unser Handwerk in seinem Tätigkeitskern“, sagt Dietrich. „Die Formel für unser industrienahes Dienstleistungshandwerk lautet: Wo nicht gearbeitet wird, wird auch nicht gereinigt.“

„Andererseits habe Corona „unserem Handwerk ein hohes Maß an gesellschaftlicher Wertschätzung eingebracht. Unsere Branche ist vom Gesetzgeber als systemrelevant eingestuft worden, Sauberkeit, Hygiene und Desinfektion haben dadurch Auftrieb“, so der Bundesinnungsmeister. „Unternehmen und öffentliche Hand haben verstanden, dass gute Reinigung zum Gesundheitsschutz der Mitarbeiter beiträgt.“ Gerade in sensiblen Bereichen – in Kliniken, Pflegeheimen und auf Intensivstationen – „haben unsere Auftraggeber verantwortlich gehandelt und Reinigungsintervalle erhöht.“

Zusatzinfo:

In der Gebäudereinigung arbeiteten im Jahr 2019 fast 700000 Menschen. Damit ist diese Handwerksbranche die beschäftigungsstärkste in Deutschland, wie der Bundesinnungsverband des Gebäudereiniger-Handwerks (BIV) mitteilt. Die Zahl der Betriebe sei seit Jahren konstant gewachsen – 2019 gab es in Deutschland mehr als 25000 Unternehmen in der Branche. Diese ist vor allem klein- und mittelständisch strukturiert. Etwa 80 Prozent sind Kleinbetriebe mit weniger als 500000 Euro Jahresumsatz, sie realisieren laut dem Bundesinnnungsverband aber nur rund 13 Prozent des Branchenumsatzes. „In der obersten Größenklasse ab fünf Millionen Euro Jahresumsatz erwirtschaften rund zwei Prozent der Unternehmen über 54Prozent des Branchenumsatzes.“ (wd)

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