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„Wir wissen, wie der andere denkt“

Geschwister, Eltern, Kinder: Manche Verwandte sind berufliche Partner – Vier Firmenchefs aus dem Kreis berichten

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Kreis Ludwigsburg. Sie treffen sich nicht nur privat am Abend oder am Wochenende, sondern auch tagsüber in Büros und Firmengebäuden – Verwandte, die auch beruflich miteinander verbunden sind. Unternehmer aus dem Kreis Ludwigsburg berichten, was das für Vorteile und für Nachteile hat.

Mona Maisack (29), die zusammen mit ihrer Schwester Anna-Lisa Wenzler (27) den Weinhandel Wein-Moment leitet. Die Großeltern der beiden bauten das Unternehmen vor etwa drei Jahrzehnten auf; Gabriele Wenzler, die Mutter von Mona und Anna-Lisa, stieg vor mehr als 20 Jahren in die Firma ein. Die beiden Töchter kamen vor fünf Jahren dazu und übernehmen nun kontinuierlich die Unternehmensleitung. Mona Maisack und Anna-Lisa Wenzler kommen aus Pliezhausen bei Reutlingen. Seit April dieses Jahres sind sie mit ihrem Weinhandel auch in Ludwigsburg vertreten (neben Stuttgart, Pliezhausen und Kirchentellinsfurt).

„Weil Anna-Lisa und ich uns sehr genau kennen und auch sehr schnell einschätzen können, wann eine von uns auch mal in Ruhe gelassen, gepusht, aufgemuntert oder gelobt werden möchte, können wir viel gezielter miteinander umgehen und uns gegenseitig unterstützen. Gerade in schwierigen Situationen und bei schwierigen Entscheidungen ist das oft sehr hilfreich. Ein großer Vorteil unserer familiären Konstellation im Unternehmen ist auch: Wir müssen zu einer Lösung kommen, die für alle okay ist, weil wir uns möglicherweise am nächsten Tag im Familienkreis zum Abendessen treffen und einen schönen Abend haben möchten. Das heißt: Es darf keine Situation ohne eine Entscheidung geben. Ein Nachteil dieser familiären Bindung im Beruf ist, dass es oft auch nach Feierabend kein anderes Thema als die Firma gibt. Das zeigt einerseits, wie groß die Leidenschaft für das Unternehmen ist. Andererseits ist das manchmal aber auch zu viel.“

Alexander Feil (34), der zusammen mit seinem Vater Ulrich (63) und seinem Bruder Philipp (32) von 2009 bis 2020 das Unternehmen Feil, Feil & Feil geleitet hat. Die Firma, in Möglingen gegründet, dann nach Ludwigsburg umgezogen, baut Apps und Clouds für Unternehmen mit mindestens 1000 Mitarbeitern, etwa für große Handwerksbetriebe, Bauinstallateure und Gebäudedienstleister. Feil, Feil & Feil selbst beschäftigt heute am Standort Ludwigsburg 35 Mitarbeiter, eine Schwestergesellschaft auf den Philippinen hat 60 Angestellte.

„In der Zeit, als wir, mein Vater, mein Bruder und ich, das Unternehmen leiteten, haben Philipp und ich unseren Vater Ulrich mehr beruflich als privat gesehen. Und wir Söhne haben ihn häufiger gesehen als unsere Mutter ihren Mann. Durch unser Unternehmen haben wir unseren Vater auch als Erwachsenen richtig kennengelernt, weil wir ständig zusammen waren und arbeiteten.

Unser Vater hat meinem Bruder und mir, als wir in die Branche kamen, Selbstbewusstsein und Großzügigkeit vermittelt. Als junger Unternehmer ist man immer auf der Suche nach einem Mentor, den findet man eher in einem Familienmitglied als in einem externen Geschäftspartner. Mein Bruder und ich haben uns unglaublich viel von unserem Vater abschauen können, er hat uns ein Wertegerüst vermittelt. Unser Unternehmen war selbstverständlicher Teil unserer Alltagsgespräche in der Familie, auch am Wochenende, ich habe das nie als Nachteil gesehen. Ein Unternehmen kann nicht nur von Montag bis Freitag geführt werden.

Ich fühle mich von meinem Vater extrem wertgeschätzt. Ich hätte heute aber nicht diesen Bezug zu ihm, wenn wir nicht auch Konflikte durchgemacht hätten. Unser heutiges Verhältnis haben wir uns täglich mit unserem Projekt, der Arbeit im Unternehmen, erkämpft. Das war auch anstrengend. Es kann Konflikte in vielen kleinen Dingen geben, das kann ermüdend sein. In einer Familie kann man diesen beruflichen Konflikten nicht dauerhaft aus dem Weg gehen; der Vorteil ist, dass man sie aufräumen muss.

Die Gefahr ist, dass Konflikte vom Unternehmen in die Familie getragen werden, das kann zu Spannungen führen, zu einem extremen Kraftakt und zu einer Belastungsprobe für die Familie werden. Man setzt sich, wenn man gemeinsam ein Unternehmen leitet, dem Risiko aus, herauszufinden, dass eine Familie möglicherweise nicht so funktioniert wie erwartet. Das kann desillusionierend sein. Wenn eine externe Geschäftspartnerschaft zerbricht, ist sie vorbei. In einer Familie ist das etwas anderes. Deshalb muss früh festgelegt werden, wie man vorgeht, wenn die beruflichen Interessen, Vorstellungen und Pläne der Familienmitglieder auseinanderdriften. Liegen die später schon zu weit auseinander, erreicht man nur noch schwer einen Konsens. Wichtig ist, dass man solche Regelungen rechtzeitig trifft und sie nicht aus einer romantischen Verklärung der Familie heraus oder um der Wahrung des Familiengefüges zuliebe vermeidet oder aufschiebt. Ist man auch beruflich miteinander verbunden, muss man sich Dingen stellen, denen man sich als Familie normalerweise nicht stellen muss. Das ist eine Herausforderung. Wir haben sie gemeinsam, als Familie, gemeistert und profitieren heute enorm davon.“

Tanja Hildenbrand (51) studierte an der Fachhochschule Pforzheim BWL (Schwerpunkt Personal) und stieg 1995 in die Ludwigsburger Handwerksfirma Karl Ott & Co. Haus der Fußböden und Innenausstattung ein. Sie leitet das Familienunternehmen in der vierten Generation zusammen mit ihrem Vater Rainer Hildenbrand (78). Die Firma wurde 1934 von Schreinermeister Karl Ott gegründet. Seit mehr als 85 Jahren geht es um handwerkliche Tradition und Qualität, um Parkett, Bodenbeläge, Gardinen, Sonnenschutz und Raumausstattung.

Rainer Hildenbrand hat sich in den vergangenen Jahren etwas zurückgezogen. Je nach Bedarf ist er stundenweise drei bis vier Tage pro Woche in der Firma. Mit seinem Fachwissen steht er seiner Tochter Tanja zur Seite. Sie wird von vielen langjährigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern unterstützt, ebenso von ihrer Schwester Myriam Peter, gelernte Raumausstatterin, die in leitender Position im Unternehmen den Bereich Raumausstattung führt.

„Meine Schwester und ich hatten beide einen guten Start in der Firma. Nach und nach wurde uns Verantwortung übergeben. Bis heute genießen wir großes Vertrauen unseres Vaters. An den zunehmenden Aufgaben sind wir gewachsen. Jeder hat seinen klar abgegrenzten Verantwortungsbereich. Es gibt somit keine Kompetenzüberschreitungen, und trotzdem können wir einander vertreten. Natürlich sitzen wir auch mal beim Mittagessen oder bei Familientreffen zusammen und reden über die Firma, Privatleben und Beruf sind natürlich schwer voneinander zu trennen. Meine zwölfjährige Tochter wächst eng verbunden mit der Firma auf, mit ihr steht schon die fünfte Generation in den Startlöchern. Wird sie nach ihrem Berufswunsch gefragt, antwortet sie: ,Ich werde auch mal Chefin wie die Mama und übernehme die Firma.‘“

Jürgen Feyhl (54), der zusammen mit seiner Schwester Anette Feyhl (57) das gleichnamige Reisebüro (mit Standorten in Ludwigsburg und Marbach) in dritter Generation leitet. Seit 2001 sind die Geschwister alleinige Inhaber des Unternehmens. Ihr Großvater August Feyhl hatte es 1932 gegründet – als Busunternehmen, ehe sein Sohn Helmut (Jürgens und Anettes Vater) das Reisebüro gründete. Die Bussparte gab die Familie später auf. 1996 stiegen Jürgen und Anette als Inhaber und Geschäftsführer des Reisebüros ein, 2001 übernahmen die Geschwister, beide in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen, die alleinige Führung.

„Bei fast allen Entscheidungen haben Anette und ich die gleiche Meinung. Wir wissen, wie der andere denkt, deshalb kann jeder von uns auch gut allein entscheiden. Bei uns macht jeder alles, Anette mehr Verwaltung, ich mehr Verkauf. Ein Vorteil unserer familiären Konstellation im Unternehmen sind die kurzen Entscheidungswege zwischen uns. Außerdem ist immer, etwa in Urlaubszeiten, ein Familienmitglied im Betrieb. Gemeinsame Urlaubsreisen machen wir nicht, wir sehen uns ja das ganze Jahr im Betrieb.

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