Logo

„Wir wollen unsere Rechte haben“

Sachsenheimer Dräxlmaier-Belegschaft fordert Tarifvertrag – IG Metall spricht von Einschüchterungen durch Geschäftsleitung

Roter Rauch vor dem Sachsenheimer Dräxlmaier-Werk: Mitarbeiter am Freitagmittag bei einem Warnstreik. Foto: Holm Wolschendorf
Roter Rauch vor dem Sachsenheimer Dräxlmaier-Werk: Mitarbeiter am Freitagmittag bei einem Warnstreik. Foto: Holm Wolschendorf

Sachsenheim. Wie tief die Gräben zwischen der Sachsenheimer Dräxlmaier-Belegschaft und der Geschäftsleitung des Automobilzulieferers sind, wurde am Mittwochmittag im Sitzungssaal des Arbeitsgerichts Ludwigsburg deutlich. Dort saßen sich die Anwälte beider Parteien gegenüber, es ging um Zusatzschichten, die der Arbeitgeber bis Jahresende beantragt hatte und die der Betriebsrat ablehnte, weil aus dessen Sicht nicht klar ist, ob in den Wochen bis Dezember Samstagsarbeit überhaupt nötig ist. Die Atmosphäre zwischen den Parteien im Gerichtssaal war spürbar vergiftet, zwischen den Tischen flogen Vorwürfe hin und her, der Richter war vom Vorgehen und Kommunikationsverhalten der Streitenden sicht- und hörbar genervt. Er sprach von „Schützengräben“, in denen sich jede Seite befinde.

Der Konflikt vor Gericht ist nur die Spitze eines Eisbergs, der den Betriebsfrieden massiv gerammt und in gehörige Schieflage gebracht hat. Im Kern geht es um die Forderung von Belegschaft und Gewerkschaft, das Unternehmen solle in die Tarifbindung einsteigen. Die Geschäftsleitung verweigert das und verweist auf Nachfrage darauf, bereits eine „faire und transparente Entgeltstruktur auf betrieblicher Ebene“ eingeführt zu haben. „Als Familienunternehmen ist unsere Unabhängigkeit die Basis unseres Erfolgs.“ Diese sichere langfristig Arbeitsplätze, teilt Unternehmenssprecher Olivier Dubois mit.

„Wir wollen einen Tarifvertrag und damit unsere Rechte haben“, betont dagegen Andreas Fitterer, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender bei Dräxlmaier in Sachsenheim. Ihn enttäusche, „dass die Geschäftsführung ihre Energie gegen den Betriebsrat richtet, statt gemeinsam in eine Richtung zu gehen. Mit zufriedenen Mitarbeitern kann man einfach mehr stemmen.“ Fitterer sagt: „Unserer Geschäftsführung fehlt es an Herz.“ Das sieht Betriebsratschef Mustafa Yesilyaprak genauso, der sich zusammen mit seinen acht Kollegen in der Arbeitnehmervertretung gegen die Entscheider in der Firma wehrt: „Wir sind ein stabiler Betriebsrat.“ Der Kampf sei schwierig, aber „an uns kann man sich die Zähne ausbeißen“, sagt Fitterer. Die Sachsenheimer hätten den Beistand des Konzernbetriebsrats des im bayerischen Vilsbiburg ansässigen Unternehmens, betont Yesilyaprak.

Unterstützung erhält der Betriebsrat auch von der IG Metall Ludwigsburg-Waiblingen. „Wir sind sehr entschlossen“, sagt Gewerkschaftssekretär André Kaufmann über den Arbeitskampf bei Dräxl- maier. Man habe „vernünftige Verhandlungen“ gewollt, aber die Geschäftsleitung habe den Konflikt eskalieren lassen. Kaufmann und sein IG-Metall-Kollege Markus Linnow schildern die Chronologie der Ereignisse. Im Mai habe die IG Metall die Dräxlmaier-Geschäftsleitung informiert, im Auftrag einer Mehrheit der Sachsenheimer Belegschaft Tarifverhandlungen aufzunehmen. Nach einem ersten Sondierungsgespräch habe der Konzern, anders als vereinbart, nicht reagiert. Stattdessen habe dessen Anwalt den Entwurf einer Betriebsvereinbarung vorgelegt. Der Inhalt: Mehr Lohn für die Mitarbeiter – ein Angebot, das der Arbeitgeber aber sogleich zurücknehmen würde, würden die Arbeitnehmer bei künftigen Tarifverhandlungen wieder die Gewerkschaft einschalten. Kaufmann bezeichnet dieses Vorgehen („Das ist eine ,Die-Gewerkschaft-bleibt-für-immer-draußen‘-Vereinbarung“) als „dreist und schäbig“. Linnow sagt: „Mit solchen Scheinangeboten will man die Belegschaft ruhigstellen.“

Zudem habe es weitere „Einschüchterungsversuche“ gegeben – etwa durch drei Geschäftsführer, die durch die Produktion und von Mitarbeiter zu Mitarbeiter gegangen seien, um ihnen im Falle einer Tarifbindung mit einem baldigen Umzug des Werks nach Osteuropa zu drohen. „Drei Geschäftsführer reden drohend auf einzelne Beschäftigte ein, ohne den Betriebsrat hinzuzuholen – so werden Mitarbeiter auf erbärmlichste und niveauloseste Weise unter Druck gesetzt“, sagt Linnow.

Bei einer Mitarbeiterversammlung Ende August habe die Geschäftsführung zudem von einer schwierigen Lage des Unternehmens und von einem Sechs-Millionen-Euro-Minus gesprochen. „Diese Zahl kann niemand verifizieren“, sagt Gewerkschaftssekretär Kaufmann, „so wird mit der Angst der Beschäftigten gespielt.“ Auf die Frage, wie das Unternehmen auf diese Zahl komme, antwortet Sprecher Dubois: „Gegenwärtig tätigen wir enorme Investitionen in Entwicklung und Umbau der Werke weltweit.“ So wolle man sich zukunftsfähig machen. Die Dräxlmaier Automotivprodukte GmbH (DAP) in Sachsenheim „ist leider noch in den roten Zahlen“ und „für sich genommen derzeit weder wirtschaftlich noch profitabel“, so Dubois. Zudem spüre auch Dräxlmaier die Folgen der Halbleiterkrise. „Die tatsächlichen Abrufe unserer Kunden liegen teilweise weit unter den Stückzahlen, die angekündigt wurden. Eine verlässliche Planung ist daher schwer.“

Weiter sagt Dubois: „Wir sehen uns nicht im Konflikt mit unseren Mitarbeitenden, sondern im Dialog. Das ist unser Schlüssel zum Erfolg.“ Man habe ein „attraktives“ Paket geschnürt, bestehend etwa aus 13,5 Monatsgehältern, Weiterbildungen und Sonderzahlungen. Das wolle man mit dem Betriebsrat abschließen. Auf eine mögliche Verlagerung des Werks angesprochen, antwortet Dubois unter anderem: „Unser Ziel sind nicht Verlagerungen, diese sind lediglich aus wirtschaftlichen Gründen notwendig. Ein wesentlicher Faktor sind die Lohn- und Gehaltskostenentwicklungen.“ Man habe sich für die Batterien-Serienfertigung in Sachsenheim entschieden, „weil wir noch einen Know-how-Vorsprung sehen“. Doch andere Länder holten schnell auf. Dubois: „Letztlich muss ein Standort um das, was er im Vergleich zu einem anderen Standort teurer ist, auch besser sein.“

Gewerkschaftssekretär Kaufmann dagegen ist sich sicher, dass Dräxlmaier von der Transformation in der Automobilbranche profitiere – auch, weil der Konzern etwa in Sachsenheim 2019 eine Batterietechnik-Sparte eröffnet habe. Zudem habe das Unternehmen 2019 konzernweit 138 Millionen Euro Gewinn und im vergangenen Jahr 4,2 Milliarden Euro Umsatz gemacht, „da kann mir keiner erzählen, dass kein Geld für die Tarifbindung da ist“. Der Zulieferer fertigt etwa Batterien vor allem für den Porsche Taycan, zunächst bis 2028. Auch der Stuttgarter „Premiumhersteller“ müsse sich für die Arbeitsbedingungen „entlang seiner Lieferkette“ interessieren und dazu positionieren, fordert Kaufmann.

Für ihn und Linnow dreht sich der Konflikt auch um eine grundsätzliche Frage – wie sich Zulieferer in der Transformation der Branche aufstellen. „Ein Tarifvertrag ist die Grundlage, es geht nicht nur um Löhne, sondern etwa auch um Kündigungsfristen, der besondere Kündigungsschutz für Ältere und Altersteilzeit.“ Doch die Geschäftsführung hintergehe das demokratische Recht der Belegschaft, kollektive Verhandlungen über einen Tarifvertrag zu führen, „mit brachialen Methoden“.

Autor: