Leserreisen
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08. Dezember 2017

An der Copa, Copacabana

Auch ohne Bikini-Figur kann man viel Spaß haben an den Stränden von Rio de Janeiro

Direkt neben dem Zuckerhut setzt die Maschine zur Landung an. Am Ende der Piste: Nur Wasser. Entweder es passt, oder durchstarten, heißt hier für Piloten bereits seit Jahrzehnten die Devise. Auf dem alten Stadtflughafen Rio de Janeiro-Santos Dumont landen heute nur noch wenige Flugzeuge; längst wird der Großteil des Luftverkehrs vom großen Internationalen Flughafen weit draußen vor der Millionenmetropole abgewickelt. So ist es ein unvergessliches Erlebnis für jeden, der heute noch auf dem kleinen, alten Airport landen darf.

 

Rio de Janeiro, seit Jahrzehnten eines der Traumreiseziele dieser Welt, macht ebenso seit Jahrzehnten Schlagzeilen. Und nicht nur gute. Die Medien berichten von einer überdurchschnittlich hohen Kriminalität, von Überfällen, Mord und Totschlag zu jeder Tag- und Nachtzeit. Sie berichten von den Armenviertel, den Favelas, die auf den teuersten Grundstücksflächen hoch über der Stadt liegen und dass man diese als Tourist besser nicht besucht; Korruption gäbe es allenthalben; spürbar besonders dann, wenn einmal wieder etwas nicht so läuft, wie es eigentlich soll, also immer. Zu viele Menschen, arme und reiche, weiße, braune, schwarze, leben alle auf engstem Raum. Knapp bemessen sind auch die Tangas der Strandschönheiten von Copacabana und Ipanema. Karneval scheint das ganze Jahr zu sein und immer scheint die Sonne. So stellt sich der gut behütete Mitteleuropäer Rio vor. – Doch wie ist sie nun wirklich, diese Traumstadt unter dem Zuckerhut?

 

Tudo bem - Wie geht's? Alles gut? Tudo bem - alles gut!

 

Zunächst einmal: Riesig. Der Pão de Açúcar, wörtlich das Zuckerbrot, erscheint am Ende der über vier Kilometer langen Copacabana wie ein kleiner Hügel; ebenso der markante Zwillingsgipfel Dois Irmãos, die zwei Brüder, am Ende des Strandes von Ipanema. Über der gesamten Stadt thront der Cristo, die Christusstatue auf dem 710 Meter hohen Berg Corcovado. Und erst hier oben wird einem bewusst, wie groß Rio tatsächlich ist. Sieben Millionen Einwohner zählt allein die Stadt, fast zwölf Millionen Menschen leben in der Metropolregion.

 

Und die Cariocas, wie sich die Einwohner Rios nennen, lieben ihre Stadt. Sie ist die schönste der Welt, sagen sie, auch wenn viele noch keine andere gesehen haben, egal. Des Weiteren begegnet einem in Brasilien eine Gleichgültigkeit, die ihresgleichen sucht. Abgesehen von vereinzelten Demonstrationen zu allzu augenfälligen Missständen, begrüßen sich Brasilianer stets mit tudo bem (ausgesprochen: tudo bej)– wie geht's, oder wörtlich, alles gut? Antwort, eigentlich immer, tudo bem – alles gut! Uns sonst? Não importa, nicht wichtig, Hauptsache gesund.

 

Wer ungeduldig ist, sollte nicht nach Brasilien reisen. Brasilianer können geradezu stoisch sein und scheinen alle Zeit der Welt zu haben. Beispiel Supermarkt. Fünf Personen vor einem an der Kasse? Macht mindestens eine halbe Stunde, bis man dran ist. Bloß kein Stress! Fröhlich sind dennoch alle, mitunter tiefenentspannt, keiner fühlt sich genervt. Warten auf den Bus? Kann man gerne tun. Vielleicht kommt sogar einer. Pünktlichkeit ist nur ein Wort. Wer zu spät kommt, verpasst nichts, er hat eben etwas anderes erlebt. Das Leben ist ein Fluss, in dem alle gleichmäßig schwimmen; okay, ab und zu geht einer unter, aber das kommt vor, bei 205 Millionen Brasilianern.

 

Was heißt eigentlich Copacabana? Die wörtliche Übersetzung, Hütte mit Speisekammer oder Körbchen- bzw. Pokalhütte macht wenig Sinn. Mit Sicherheit ist es ein indianischer Begriff, wahrscheinlich die portugiesische Verballhornung von kota kahuana, was soviel wie "Blick auf den See" bedeutet, ein Name, der gar nicht aus Brasilien stammt, sondern von Seeleuten aus Bolivien eingeführt wurde.

 

Und was ist jetzt mit der Kriminalität? Natürlich gibt es sie. Natürlich ist sie in Rio höher als in Kleinsachsenheim. Dagegen schützen kann man sich zumindest passiv, indem man nicht als augenfälliges Opfer gilt, schmuckbehangen oder mit dickem Geldbeutel in der Gesäßtasche oder, noch schlimmer, mit Socken in Sandalen. Nur nicht auffallen, so halten es auch die Brasilianer. Immer wenig am Leib, auch während einem Tag am Strand.

 

Rios Strände werden von schwer bewaffneter Polizei bewacht. Vorsicht geboten ist dennoch. Insbesondere vor streunenden Kinderbanden, die es auf eben jene Touristen abgesehen haben, die Wertsachen mit sich führen. Tipp: An jedem Strand werden Liegestühle mit Sonnenschirm vermietet. Je näher man am Verleiher liegt, umso kleiner ist die Gefahr einer unliebsamen Begegnung mit Bösewichten. Der Verleiher versorgt seine Gäste mit Getränken und Essen und passt auch auf eine Tasche auf, sollte man einmal kurz ins Wasser gehen. 

 

Ach ja, der Körperkult. Er spielt in Brasilien schon eine gewisse Rolle. Vor allem wohlhabende Brasilianer bescheren den Schönheitschirurgen im Land derzeit eine glänzende Hochkonjunktur. Und doch wird die Bikinifigur auch hier oftmals überbewertet. Denn ist die Figur erst ruiniert, lebt sich’s völlig ungeniert. Fazit: Machen, hinfahren, selbst erleben! Das Leben ist zu kurz und die Welt zu groß.

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