Leserreisen
Leserreisen
11. April 2012

Durch die Schluchten des Balkans

Zur Flusskreuzfahrt auf MS Amadeus Diamond musste die LKZ aufgrund hoher Nachfrage gleich zwei Termine auflegen: Vom 25. 9. bis 5. 10. Passau – Schwarzes Meer und vom 5. bis 15. 10. Schwarzes Meer – Passau. Mehr als 150 LKZ-Leser nahmen bei überwiegend sonnigem Wetter an diesen beiden Flusskreuzfahrten teil.

Durch zehn Länder sollte die Kreuzfahrt führen, Länder, durch die die Donau fließt oder zumindest teilweise deren Grenze bildet: Deutschland, Österreich, Slowakei, Ungarn, Kroatien, Serbien, Bulgarien, Rumänien, Moldawien und die Ukraine. Mit 2858 Kilometern Länge ist der Strom damit nach der Wolga der zweitlängste Europas. Dass MS Amadeus Diamond auf seiner zweitausend Kilometer langen Fahrt ab Passau nicht bis ins Donaudelta kommen wird, konnte zu Beginn der Reise niemand wissen (siehe dazu Beitrag: Bei Kilometer 597 ist Schluss).
In Nikopol, mitten in der Walachei, der Donauebene, wo der Strom über fast vierhundert Kilometer Länge die Grenze von Rumänien zu Bulgarien bildet, ist zumindest für das Schiff die Reise zu Ende. Ein Großteil der Kreuzfahrer nimmt das Angebot dankbar an, die restlichen vierhundert Kilometer bis zum Schwarzen Meer mit dem Bus zurückzulegen und dort für zwei Tage ein Hotel zu beziehen, um die Schwarzmeerküste mit Varna und Konstanza sowie das Donaudelta zu sehen und zu erleben. Andere bleiben an Bord, machen Ausflüge ins Umland von Nikopol oder lassen den Herrgott bei herrlichem Spätsommerwetter einen guten Mann sein. Die nachfolgenden Reiseteilnehmer ergeben sich ebenfalls in ihr Schicksal höherer Gewalt und machen zunächst einmal zwei Tage Hotelurlaub am Schwarzen Meer, bevor sie ihre Flusskreuzfahrt von Nikopol aus nach Passau antreten.
Doch zurück zur ersten Gruppe. Veranstalter Hermann Waidmann plante die Kreuzfahrt zusammen mit der LKZ lange zuvor minuziös. Deshalb wird bereits die Anfahrt nach Passau mit Mittagessen und Stadtbesichtigung in Regensburg zum furiosen Auftakt.
Vom Schiff selbst, der Amadeus Diamond der österreichischen Reederei Lüftner, sind alle mehr als angenehm überrascht. Denn Vergleichsmöglichkeiten mit anderen Schiffen bieten sich in den kommenden Tagen viele.
Zügig geht es ab Passau die Donau hinunter bis zum eindrucksvollen Benediktinerkloster Stift Melk. Im Anschluss an einen Besuch in Dürnstein erleben die meisten die Durchfahrt durch die Wachau auf dem Sonnendeck, das seinem Namen bis zum Ende der Reise alle Ehre machen wird. Noch heute zehrt Dürnstein vom dreimonatigen Aufenthalt des englischen Königs Richard Löwenherz, der hier Anfang 1193 von Leopold V. von Österreich gefangen gehalten wurde.
Nach einem herrlichen Tag in Wien und Schloss Schönbrunn – bereits am Vorabend vergnügte man sich beim Heurigen in Grinzing oder beim Salonorchester Alt-Wien – passiert MS Amadeus Diamond Bratislawa und erreicht am nächsten Morgen das ungarische Esztergom mit seiner die gesamte Landschaft überragenden Basilika.
Während das Schiff Budapest entgegenfährt, besuchen viele die trutzige Burg Visegrad am Donauknie und das beschauliche, wenn auch völlig vom Tourismus eroberte Künstlerdorf Szentendre. Wenn irgendwo auf der Welt ein Ort existiert, der alles hat, was keiner braucht, dann hier. Hier beginnt der Balkan. Hier schlägt der Kitsch in den dicht an dicht stehenden Souvenirläden grellbunte Blüten.
Budapest gibt sich dagegen weltoffen und weltmännisch. Unbeschreiblich ist der Blick von der Fischerbastei in Buda auf das im viktorianischen Stil gehaltene Parlamentsgebäude auf Pester Seite. Besonders bei Nacht. Der Kapitän dreht eine Extrarunde auf der Donau, die zu einer unvergesslichen Lichterfahrt wird. Was wäre Ungarn ohne seine Puszta, ohne Gulasch und Paprika aus Kalocsa! Fast alle nehmen deshalb am Tagesausflug in die ungarische Tiefebene teil, trinken den Marillenschnaps Barackpálinka, essen Gulasch und erleben eine Reit- und Fahrvorführung der Csikós, ungarischer Pferde- und Rinderhirten. Sie wird gekrönt von der „Ungarischen Post“, dem stehenden Ritt auf zwei Pferden mit weiteren drei vorgespannten Rössern. Dabei ist dieses Reiterkunststück historisch gar nicht verbürgt. Es findet sich nur einmal auf einem der Fantasie des Malers entsprungenen Gemälde aus dem neunzehnten Jahrhundert. Erst das Bild brachte die Csikós auf die Idee, diesen wilden Ritt tatsächlich zu versuchen.
Serbien. Tito ist tot, fast tot. Zumindest prangt sein Name noch in meterhohen, wenn auch verrosteten Lettern über der Donauschleuse am Eisernen Tor! Serbien, als einziges Land auf der Reise noch nicht in der EU, tut sich schwer mit seiner Vergangenheit und Gegenwart. Dass hier EU-Gelder fehlen, ist augenscheinlich.
Nachdem die Schiffsreise in Nikopol, Bulgarien, ihr jähes Ende findet, erweisen sich die Busfahrten durch Bulgarien und Rumänien zwar als relativ strapaziös, aber auch als Glücksfall. Niemals hätten die LKZ-Reisenden die beiden Länder so intensiv erfahren wie auf diesem Weg zum Schwarzen Meer. Nach wie vor sind zahlreiche Fuhrwerke auf den Landstraßen unterwegs, es sei denn, ein Verbotsschild auf Schnellstraßen hindert sie daran.
Vom Hotel südlich von Konstanza, Rumänien, geht es endlich zum ersehnten Ziel einer außergewöhnlich vielseitigen Reise, ins Donaudelta. Hier ist der dramatische Wassernotstand am auffälligsten. Eineinhalb Meter unter dem normalen Pegel liegen weite Teile des Deltas trocken. Die Außenborder der Ausflugsboote wühlen auf ihrer trägen Fahrt durch Europas größtes amphibisches Biosphärenreservat dicken, schwarzen Schlamm auf. Schön ist es dennoch. Ein Graureiher präsentiert sich stolz den Fotografen. Sogar ein Schwarm Pelikane – die Mehrzahl zog längst in den Süden nach Ägypten – zeigt sich über den Köpfen der Kreuzfahrer. Leider nicht über allen. Nur für die zweite Reisegruppe tanzen sie ihren Reigen am Himmel auf den letzten Kilometern bis zum Schwarzen Meer.

Anzeige