Ludwigsburg | 21. März 2017

Wege aus der gefährlichen Allianz von Sucht und Gewalt

Oft scheitert die abstinente Lebensweise, wenn die Gewalterfahrung nicht aufgearbeitet wird – und die Gewaltspirale kann nicht beendet werden, wenn die Suchtproblematik weiter besteht.

Die Tagung, die sich damit beschäftigte, wie die im Landkreis bestehenden Hilfsangebote von Suchthilfe und Anti-Gewalt-Arbeit besser vernetzt werden können, hat im Rahmen des auf drei Jahre angelegten Projektes Leiko (Leitlinienkonzept) stattgefunden. Angesiedelt ist es beim Beratungszentrum bei häuslicher Gewalt Ludwigsburg des Vereins Frauen für Frauen.

Ziel ist es, ein Konzept zu entwickeln, um betroffenen Frauen und deren Kindern besser helfen zu können. Frauen mit Suchterkrankungen, psychischen Problemen oder einer Behinderung plus Gewalterfahrung finden in dem bestehenden Hilfesystem bisher kaum Berücksichtigung, wie Stephane Nawrot, die Leiko-Projektleiterin, erläuterte.

Zu Beginn der Tagung berichtete Irmgard Vogt vom Frankfurter Institut von Sozialforschung von einer Studie mit 45 Frauen. Alle waren mit Suchtproblemen und Gewalterfahrungen belastet. Statistisch erfahren 37 Prozent aller deutschen Frauen im Laufe ihres Lebens schwere Gewalt und 13 Prozent werden Opfer von Vergewaltigung und sexueller Nötigung.

Bei Frauen mit Suchtproblemen liegen diese Zahlen deutlich darüber. 93 Prozent der Frauen, die an der Studie teilgenommen haben, sind Opfer von körperlicher, 62 Prozent von sexueller Gewalt gewesen, so Irmgard Vogt. „Das Thema Gewalt und Sucht liegt dicht beieinander“, so die Expertin. Sie erklärte dies damit, dass Menschen mit Suchtproblemen sich häufiger in gefährliche Situationen begeben. Sowohl die Häufigkeit als auch das Ausmaß von Gewalt nehmen zu, wenn die Beteiligten Alkohol oder andere Drogen zu sich genommen haben.

Irmgard Vogt fordert deshalb, die Angebote der Suchthilfe besser mit den Arbeitskreisen gegen Gewalt zu vernetzen. Kommt es zu Übergriffen der Partner auf die Kinder, ist es für Frauen, die ausschließlich Opfer von häuslicher Gewalt werden, ein Trennungsgrund. Süchtige Frauen haben dagegen Angst, dass ihnen das Sorgerecht entzogen wird und die Kinder in eine Fremdunterbringung kommen. „Deshalb empfinden sie den Kontakt zu Mitarbeitern des Jugendamtes oft als hochproblematisch“, berichtete Vogt.

Vogt wies darauf hin, wie wichtig die Unterstützung von Frauen sei, denen die Kinder weggenommen wurden. Viele von ihnen stürzten regelrecht ab. Für sie sei es wichtig, dass Jugendamt, Einrichtungen der Suchthilfe und Frauenberatungsstellen eng zusammenarbeiten und zum Beispiel regelmäßig Fallgespräche durchführen. Sie wies die Teilnehmer der Fachtagung darauf hin, wie „wahnsinnig wichtig“ soziale Kontakte für die betroffenen Frauen und der Aufbau von Beziehungen zu Nicht-Süchtigen sei. Das funktioniert nach Meinung der Suchtexpertin am besten über Sportgruppen und Vereine. Vogt übte auch Kritik am Umgang von Frauenhäusern mit Suchtkranken: In der Regel würden diese abgewiesen, statt sie an Einrichtungen der Suchthilfe zu verweisen.

Bei der nächsten Fachtagung von Leiko, die am 6. April auf der Karlshöhe stattfindet, wird das Thema Gewalt an Frauen mit Behinderungen beleuchtet. Am 5. Mai geht es um Gewalt an Frauen mit psychischen Erkrankungen. Am Anschluss an die Fachtage werden die Ergebnisse ausgewertet, in Workshops diskutiert und angepasst. Schließlich sollen sie als Leitlinien den beteiligten Einrichtungen des Hilfesystems zur Verfügung gestellt werden.

von Marion Blum
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