Berlin. Nach der Entscheidung von Wim Wenders (80), seinen Film «Falsche Bewegung» wegen einer Nacktszene mit Nastassja Kinski vorerst nicht mehr zu zeigen, mehren sich die Reaktionen aus der Filmwelt. Die Deutsche Filmakademie kündigte einen Austausch an. Regisseurin Julia von Heinz bezeichnete die Entscheidung des Regisseurs als eine «riesige Chance».
Das Präsidenten-Duo der Filmakademie, die Schauspielerin Vicky Krieps und der Regisseur Florian Gallenberger, teilte mit, die von Wenders aufgeworfene Frage, ob Filme und andere Kunstwerke nachträglich verändert werden sollten, müssten oder dürften, habe nicht nur öffentlich, sondern auch innerhalb der Filmakademie «intensive Debatten» ausgelöst.
Filmakademie plant im September eine Veranstaltung
Die Fragestellung berühre juristische, ethische, künstlerische und kulturwissenschaftliche Dimensionen gleichermaßen. Man wolle sich diesen Fragen gemeinsam, offen und differenziert widmen, hieß es. Es benötige Zeit und Sorgfalt, sich inhaltlich auf einen fundierten Austausch vorzubereiten, daher sei im September eine Veranstaltung dazu geplant.
Möglich ist, dass frühestens ab Herbst dann auch eine Entscheidung gefällt werden könnte, wie mit dem Film weiter umgegangen werden soll. Die Filmakademie vereint mehr als 2.400 Mitglieder aus allen künstlerischen Sparten des deutschen Films.
Regisseurin Julia von Heinz schrieb in einem Gastbeitrag für die «Süddeutsche Zeitung», Wenders könne Kinskis Bitte nun nachkommen und den Film verändern. Er könne aber auch eine «abgemilderte Form der Wiedergutmachung» anbieten, in dem er Begleitmaterial erstelle, Kinski den Platz für ein begleitendes Interview oder einen Essay gebe, schrieb die Filmemacherin.
Sie könne sich Wenders' Sorge um das Filmerbe nur damit erklären, dass sie auf einem Geniebegriff basiere, «der annimmt, ein Film käme Frame-genau, also Einstellung für Einstellung, zustande – und diese Form sei die einzig wahre und dürfe nicht verändert werden.» Dabei seien Filme oft Zufallsprodukte.
Wenders zieht «Falsche Bewegung» vorerst aus Verkehr
Nach dem Streit um «Falsche Bewegung» (1975) mit der damals 13-jährigen Kinski hatte Wenders angekündigt, den Film vorerst aus dem Verkehr zu ziehen. Kinski wird in einer etwa zweiminütigen Szene mit nacktem Oberkörper gezeigt, ein Mann ohrfeigt sie erst und streichelt sie dann.

Der Film werde aus allen aktuellen Auswertungsformen zurückgezogen, teilte die Wim Wenders Stiftung mit. Streaming-, TV- und Vertriebspartner würden dazu angewiesen, den Film nicht mehr öffentlich zugänglich zu machen. In der Mitteilung bat Wenders Kinski auch um Entschuldigung.
«Als einziger der damals für "Falsche Bewegung" handelnden Verantwortlichen, der noch da ist, sehe ich, dass Nastassja Kinski damals hätte besser beschützt werden müssen. Dafür bitte ich Dich um Entschuldigung, Nastassja, ohne Wenn und Aber». Weiter hieß es: «Die vielen Reaktionen, Hinweise und Gespräche der vergangenen Tage haben wesentlich dazu beigetragen, meinen Blick auf die damaligen Ereignisse weiter zu schärfen. Dafür bin ich dankbar.»
Eine «einvernehmliche Lösung» finden
Es sei nötig, dass die Gesellschaft angemessene Umgangsweisen für strittige Filmwerke des 20. Jahrhunderts finde und sich neuen Lernprozessen und Perspektiven stelle. Dazu werde man einen «breiten Austausch» suchen - unter anderem mit der Deutschen Filmakademie. Erst nachdem eine «einvernehmliche Lösung, auch in Absprache mit Nastassja Kinski» vorliege, werde der Film wieder freigegeben.
Die heute 65-jährige Kinski bittet Wenders, der mit Filmen wie «Der Himmel über Berlin» und «Buena Vista Social Club» zu den angesehensten Filmemachern Deutschlands gehört, laut eigenen Angaben seit Jahren, die Szene zu entfernen. Der «Süddeutschen Zeitung» sagte sie: «Obwohl ich mit 13 noch nicht so viel wusste, habe ich schon gemerkt, dass das nicht in Ordnung war».
Kinskis Anwalt: Entscheidung von Wenders war längst überfällig
Ihr Anwalt Christian Schertz hatte gesagt, dass Wenders ein persönliches Gespräch mit Kinski zu der Szene «bereits seit Jahren verweigert» habe. Vor der aktuellen Mitteilung von Wenders hatte er den Übergang zu formalen juristischen Schritten angekündigt.
Die Mitteilung des Filmemachers begrüßte er. «Sie ist allerdings auch längst überfällig gewesen», sagte Schertz. «Ich bedauere zudem, dass das erst in Folge des öffentlichen Drucks erfolgte, nachdem er in seiner Rede auf dem Deutschen Filmpreis zunächst versucht hat, die Verantwortung abzugeben, und das Ansinnen von Nastassja Kinski indirekt als Zensur bewertete, was wirklich infam war.»
Wenders hatte beim Deutschen Filmpreis vergangene Woche gesagt, er würde die Szene «heute nie mehr so machen». Seinem damaligen jungen Ich könne er aber keinen Vorwurf machen. Er habe einen Film in seiner Zeit gemacht. Doch es ergebe sich eine Frage, die alle Filmschaffenden angehe: «Wie geht man mit Filmerbe um?»
Dürfe und solle man eine Szene schneiden, wenn sie einer Schauspielerin - «die ich sehr verehrt habe und verehre» - weh tue? «Kann man einen Film im Nachhinein kürzen?», fragte Wenders bei der Gala in Berlin. Er bat die Deutsche Filmakademie auch damals um eine Debatte. Der Umgang mit der Szene und Wenders' Rede führte zu Debatten in der Filmbranche und darüber hinaus.
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