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Ein Jahr Krawallnacht: Sozialarbeiter für mehr Respekt

Für Simon Fregin ist es der «coolste Job» auf der Welt: Er soll in Stuttgart Brücken bauen zwischen frustrierten und gewaltbereiten jungen Menschen sowie Polizei und Zivilgesellschaft. Der Sozialarbeiter sieht beide Seiten in der Pflicht.

Streetworker Simon Fregin
Streetworker Simon Fregin steht an einer Straße. Foto: Simon Fregin/privat/dpa
Stuttgart.

Stuttgart (dpa/lsw) - Ein Jahr nach der Krawallnacht in Stuttgart wirbt der Streetworker Simon Fregin für mehr Respekt zwischen jungen Menschen und Polizei. «Viele junge Leute beschweren sich, dass sie zu häufig ohne Anlass kontrolliert werden und die Beamten sich nicht auf Gespräche einlassen», sagte der Sozialarbeiter der Deutschen Presse-Agentur. Die Polizei wiederum beklage, beleidigt, bespuckt und angegriffen zu werden. In dieser Gemengelage habe Corona wie ein Katalysator gewirkt.

Am späten 20. Juni 2020 hatten Dutzende - vor allem Jugendliche und junge Männer - nach einer Drogenkontrolle in der Stuttgarter Innenstadt randaliert. Polizisten waren bedroht, beworfen und verletzt, Schaufenster zerstört und Geschäfte geplündert worden. Bis Mitte Juni sind nach Angaben des Innenministeriums mehr als 140 Tatverdächtige ermittelt worden. 83 Mal erließen die Richter Haftbefehle, 65 Menschen wurden bisher im Zusammenhang mit der Krawallnacht verurteilt.

Fregin sagte, zahlreiche junge Menschen hätten über Monate in beengten Wohnverhältnissen gelebt und schulische Online-Angebote nicht annehmen können. Andere hätten ihren Ausbildungsplatz verloren oder keinen bekommen. «Viele haben kein Umfeld, das sie unterstützt und ihnen zugleich die Grenzen aufzeigt», so Fregin. Die Voraussetzungen, die Pandemie gut zu bewältigen, seien vielfach nicht gegeben. In der Krawallnacht hätten die Betroffenen dann ihrem Frust freien Lauf gelassen, angestachelt durch Gruppendynamik. «Das Ausmaß hat mich schon überrascht», sagte der 32-Jährige.

Fregin versteht sich als Beobachter der Jugendszene zusammen mit vier anderen Streetworkern. Sie sind über die Caritas und die Diakonie als Träger und die Stadt als Finanzier für vier Jahre als Reaktion auf die Krawallnacht eingestellt worden. Es gehe darum, die Jugendlichen kennenzulernen, sie nach ihrer Situation und ihren Wünschen zu fragen und sie bei der Ausbildungsplatzsuche oder bei Behördenangelegenheiten zu unterstützen.

Rund 900 junge Menschen haben die Streetworker der Mobilen Jugendarbeit bislang angesprochen; 50 davon im Alter von 16 bis 22 Jahren stehen in regelmäßigem Kontakt und verbringen im Büro der Mobilen Jugendarbeit im Zentrum einen Teil ihrer Freizeit. Die Sozialarbeiter geben die Vorschläge aus den Gesprächen an die «Integrierte Jugendarbeit» weiter, ein neues Netzwerk verschiedener Verbände und Gremien aus Sozialarbeit, Stadtverwaltung und Gesellschaft.

Fregin appelliert an die Politik, die Coronaverordnung nicht in Trippelschritten zu lockern, sondern in einem großen Wurf. «Die Differenzierungen führen zu Unverständnis», sagte Fregin. Seine Vision für die Zukunft lautet: «Die Polizeibeamten können am Schlossplatz in Stuttgart ihren Job machen und die jungen Menschen können feiern - ohne dass sich der eine über den anderen beschwert.»

Innenminister Thomas Strobl (CDU) hält nach der Krawallnacht und den Ausschreitungen im Bereich der Freitreppe am Schlossplatz Sicherheitsmaßnahmen in der Innenstadt weiter für erforderlich. «Ich hoffe, dass es sich Randalierer zukünftig sehr gut überlegen, ob sie noch Straftaten in Stuttgart begehen werden oder nicht. Jedenfalls hat es die Stuttgarter Krawallnacht von vor einem Jahr so ein zweites Mal in Baden-Württemberg nicht gegeben», sagte Strobl.

Nach der Krawallnacht hatten das Land und die Stadt Stuttgart eine Sicherheitspartnerschaft vereinbart, in deren Rahmen unter anderem die Videoüberwachung und die Beleuchtung an zentralen Plätzen verbessert werden soll. Am Samstag sollen die ersten Kameras an drei Stellen rund um das Neue Schloss in Betrieb gehen. Die Kameras sollen nur in den Nächten zu Samstag, Sonntag sowie vor Feiertagen aufnehmen, da in der Zeit laut Polizei erfahrungsgemäß mehr Straftaten passieren.

Beim Thema Sicherheit in der Landeshauptstadt mahnt Stuttgarts Oberbürgermeister Frank Nopper (CDU) zu Geduld. «Die Probleme lassen sich nicht von heute auf morgen lösen. Wir werden einen langen Atem brauchen», sagte Nopper. Stuttgart sei mehr denn je ein Anziehungspunkt für Tausende junger Menschen aus ganz Baden-Württemberg geworden, die zum Teil mehrstündige An- und Abreisen in Kauf nehmen würden. «Wir wollen eine lebendige Innenstadt, aber wir können und werden nicht tolerieren, dass sich Flaschenwerfer und Randalierer auf dem Schlossplatz und anderen Plätzen austoben.»

© dpa-infocom, dpa:210618-99-45914/5

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