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Bildungsgewerkschaft
GEW läuft Sturm gegen Lehrer-Entlassung über Sommerferien

GEW warnt vor noch mehr Unterrichtsausfall im nächsten Schuljahr
Monika Stein, Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in Baden-Württemberg. Foto: Sebastian Gollnow
Und jährlich grüßt das Murmeltier: Das Land spart Geld, indem es befristet angestellte Lehrkräfte und Jungpädagogen über den Sommer nicht bezahlt. Ein unhaltbarer Zustand - finden nicht nur Lehrerverbände.

Stuttgart. Trotz großen Fachkräftemangels in den Schulen schickt das Land tausende Lehrkräfte über die Sommerferien in die Arbeitslosigkeit. Kein anderes Bundesland entlasse so viele befristet angestellte Lehrer sowie fertige Referendare über die sechseinhalb Wochen im Sommer, obwohl sie im nächsten Schuljahr gebraucht werden, kritisierte Monika Stein, Landeschefin der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), am Donnerstag in Stuttgart. «Es ist eine Schande.» Stein sprach von 8000 bis 9000 befristet Beschäftigten und über Referendaren. Die GEW erhielt Unterstützung vom Berufsschul- und Realschullehrerverband sowie von der SPD. Die Jugendorganisationen von Grünen, SPD, FDP und der Linken in Stuttgart demonstrierten am Donnerstag vor dem Kultusministerium gegen diese Praxis.

Das Haus von Ministerin Theresa Schopper (Grüne) erklärte, die Debatte werde «mit sehr viel Emotionen geführt, leider werden dabei des Öfteren Fakten übersehen». Zum einen gehörten zu der Gruppe der etwa 4200 befristet Beschäftigten auch 450 pensionierte Lehrkräfte, die in den Sommerferien normal ihre Pension erhielten, erklärte ein Sprecher. Darüber hinaus zählten auch rund 1100 ausgebildete Lehrkräfte dazu, die man sehr gerne dauerhaft und unbefristet einstellen würde. «Hier fehlt aber teilweise die Flexibilität, Stellen anzunehmen, die außerhalb von beliebten Regionen liegen. Dort gibt es genügend Stellen und die Personen könnten fest auf eine Stelle genommen werden.»

Stein hatte schon vorher zu diesem Argument gesagt: «Da schummelt sich das Land auch schön aus der Verantwortung heraus.» Die Regierung schicke doch nicht alle diese Lehrkräfte in die Arbeitslosigkeit, weil diese so unflexibel seien. Sie könne nicht verstehen, warum das Land nicht alles tue, um diese Menschen bei der Stange zu halten. Der Lehrermangel verschärfe sich immer weiter, «trotzdem präsentiert sich die grün-schwarze Landesregierung als Arbeitgeber ohne Verantwortung». Man sei «zutiefst enttäuscht», dass Schopper ihr Versprechen nicht wahr mache, die befristeten Lehrkräfte auch über die Sommerferien zu bezahlen. Es gehe hier um 15 Millionen Euro, die Ministerpräsident Winfried Kretschmann, Finanzminister Danyal Bayaz und Kultusministerin Schopper (alle Grüne) nicht locker machen wollten.

Der Ministeriumssprecher entgegnete, unter den befristet angestellten Lehrkräften seien 2650, «die nicht über eine abgeschlossene Lehramtsausbildung verfügen und deswegen nicht dauerhaft eingestellt werden können. Speziell für diese Gruppe habe man ein Programm zur Entfristung gestartet. Es gehe um Menschen, die sich mehrere Jahre lang in den Schulen bewährt hätten.

Am Ministerium in der Stuttgarter Innenstadt versammelten sich am Nachmittag etwa 30 bis 40 Vertreter der Grünen Jugend, der Jusos, der Julis, der linken Jugend Solid sowie der GEW, um ihrem Unmut über die Sommerarbeitslosigkeit von Lehrkräften Luft zu machen. Auf einem Plakat stand: «Nett hier. Aber waren Sie schon mal im Sommer arbeitslos? The Länd.» Eine Anspielung auf den Sticker der Landeskampagne mit dem Titel: «Nett hier. Aber waren Sie schon mal in Baden-Württemberg?»

GEW-Landeschefin Stein stellte Kretschmann zum Schuljahresende ein schlechtes Zeugnis aus. Er habe «große Möglichkeiten für Lernzuwachs». Kretschmann habe im vergangenen Jahr mehrere Vorstöße gestartet, die er dann wieder zurückgenommen habe, wie etwa die Forderung nach verpflichtender Mehrarbeit für Teilzeitkräfte. «Ich würde hoffen, dass er hier im nächsten Schuljahr deutlich dazulernt.»

Bei Schopper fiel ihr Urteil differenzierter aus. Schopper habe sich in bestimmten Bereichen «sehr gut eingesetzt». Da sei der geplante Modellversuch in Grundschulen ohne Ziffernnoten zu nennen. Die Entlassung über die Sommerferien überschatte aber das Bild. «Da ist sehr, sehr viel Luft nach oben», sagte Stein.

© dpa-infocom, dpa:220728-99-185630/5