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Corona

Studie: Sozialer Zusammenhalt im Südwesten nimmt ab

Lockdowns, Kontaktverbote, Schulschließungen: Die Corona-Jahre waren «Hundejahre» für alle. Zwar überdeckt der Ukraine-Krieg schon wieder diese tiefe Gesundheitskrise. Doch den sozialen Spätfolgen kann die Politik nicht ausweichen.

Berlin/Stuttgart. Es ist ein alarmierender Befund: Mehr als die Hälfte der Menschen in Baden-Württemberg ist der Meinung, dass die Leute sich nicht um ihre Mitmenschen kümmern. Das war vor der Corona-Pandemie 2019 noch etwas anders, da waren 37 Prozent dieser Ansicht. Es ist ein Schlaglicht aus einer Untersuchung der Bertelsmann Stiftung, die sich mit dem Zusammenhalt im Südwesten beschäftigt hat. «Es waren Hundejahre für einen Großteil der Bevölkerung», sagte Kai Unzicker von der Stiftung am Freitag bei der Präsentation der Studie in der Landesvertretung in Berlin.

Vor allem ärmere Menschen, Arbeitslose, chronisch Kranke und Menschen mit ausländischen Wurzeln nähmen diese abnehmenden Bindungen wahr. Größte Verlierer der Pandemie seien aber Kinder und Jugendliche gewesen. Ein weiterer Befund: Das Vertrauen in die Politik und die Identifikation mit dem Land Baden-Württemberg sind deutlich gesunken. Bundesfamilienministerin Lisa Paus (Grüne) nannte die Ergebnisse der Studie «krass», Baden-Württembergs Sozialminister Manne Lucha (Grüne) pochte auf stärkere finanzielle Unterstützung für Benachteiligte.

Risiko ja - Spaltung der Gesellschaft noch nicht

Zwischen 2019 und 2022 sei der Wert für den Zusammenhalt auf einer Skala von 0 bis 100 von 64 auf 54 gesunken. «Einen solchen Rückgang wie jetzt in der Pandemie konnten wir noch nie verzeichnen», sagte Unzicker, stellte aber auch klar: «Das ist noch keine Spaltung der Gesellschaft.» Es sei eine Dämpfung, «die muss man beobachten, die birgt Risiken, aber da bricht noch nichts». Er wies darauf hin, dass man zwischen Anfang Dezember und Anfang Januar die Menschen befragt habe - und damit mitten in der vierten Corona-Welle.

Vor allem die sozialen Beziehungen in der eigenen Wohngegend haben während der Pandemie gelitten. Sagten vor drei Jahren noch 80 Prozent, der Zusammenhalt in ihrer Nachbarschaft sei gut, waren es nun nur noch 47 Prozent. «Das zwischenmenschliche Vertrauen ist geringer geworden», sagte Professor Klaus Boehnke von der Jacobs-Universität Bremen. 2019 hätten noch 46 Prozent der Baden-Württemberger angegeben, Mitglied in einem Verein zu sein, drei Jahre später sind es nur noch 30 Prozent.

Frauen litten deutlich mehr als Männer

Im Jahr 2019 sagten noch über 90 Prozent der Befragten, sie hätten Freunde, auf deren Hilfe sie jederzeit zählen könnten. Nun sagen das nur noch 83 Prozent. Und: Fast 25 Prozent sind der Meinung, man könne sich auf niemanden mehr verlassen. Vor der Pandemie sagten dies nur 9 Prozent. Frauen und Männer erlebten das Zusammenleben in der Pandemie unterschiedlich. Frauen sehen den Zusammenhalt als erheblich geringer an, sie empfänden die Gesellschaft als weniger gerecht und fühlten sich in ihrem direkten Wohnumfeld unsicherer als Männer.

Trotz allem: Junge Leute sind hoffnungsvoller als Ältere

Was viele sowieso so wahrgenommen haben, untermauert jetzt auch die neue Studie: Jüngere Befragte waren in der Pandemie stärker belastet als ältere Menschen - schließlich waren Schulen und Hochschulen lange Zeit geschlossen. 47 Prozent der jungen Leute zwischen 16 und 24 Jahren gaben an, seit Corona-Beginn oft oder immer müde und erschöpft zu sein. Bei den Älteren waren es nur 29 Prozent. 58 Prozent der Jüngeren sagten, sie hätten unter den Corona-Maßnahmen gelitten, während dies von den Älteren nur 37 Prozent behaupten. Ein Hoffnungsschimmer: Die Jüngeren sehen nach der Befragung etwas optimistischer in die Zukunft als ältere Menschen.

Kein Ruhmesblatt für Politik

Viele Menschen in Baden-Württemberg fühlten sich während der Pandemie von der Politik im Stich gelassen. Nur 17 Prozent finden, die Politik habe genug getan für den Zusammenhalt, vier von zehn Befragten sagen, es sei zu wenig gewesen. Vor allem junge Leute finden, es sei zu viel über ihren Kopf hinweg entschieden worden. Da verwundert es kaum, dass auch die Identifikation mit dem Land zurückgegangen ist: Statt 81 Prozent wie 2019 sind nur noch 61 Prozent stolz auf ihr Bundesland.

Bundesfamilienministerin Paus sagte, es sei ganz wichtig, dass die Politik stärker auf Jugendliche zugeht. Sie erinnerte daran, dass der Bund zwei Milliarden Euro für das Programm zum Aufholen von Defiziten während der Corona-Zeit gegeben habe. «Es geht darum, dass man wieder in die Gänge kommt.» Bisher habe man vor allem Anlaufpunkte für Jugendhilfe, die da schon dagewesen seien, unterstützt. «Jetzt stellt sich die Frage, wie wir das verbreitern können.» Sozialminister Lucha sagte, man müsse den Finanzpolitikern mit noch mehr Verve sagen, dass für den sozialen Zusammenhalt mehr investiert werden müsse. «An diesen Punkten dürfen wir nicht sparen.»

Studie der Bertelsmann Stiftung

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