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Prozess

Aufschneider im Engelbergtunnel

Ein Privatmann rast mit seinem Auto mit Blaulicht durch den Engelbergtunnel auf der A 81 und gibt sich mehrfach als Zivilfahnder aus. Das Amtsgericht hat ihn jetzt zu 600 Euro Geldstrafe verurteilt.

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Gerlingen. Es ist der 27. Mai 2017 um kurz vor 15 Uhr. Ein 58 Jahre alter Mann aus Horb fährt auf der A 81, als er im Engelbergtunnel bei Gerlingen das Blaulicht einschaltet. Die anderen Fahrer auf der Autobahn müssen denken: Hier ist die Polizei unterwegs und bläst zu einer Verfolgungsjagd. Diese Amtsanmaßung hat dem Mann aus Horb nun eine Geldstrafe eingebracht. Das Ludwigsburger Amtsgericht verurteilte ihn gestern zu 60 Tagessätzen zu jeweils zehn Euro. Vor Gericht stellte sich zudem heraus, dass der Mann mehrfach einschlägig vorbelastet ist. Er hatte sich schon öfter als Zivilpolizist ausgegeben und Titel missbraucht.

In Leonberg, so geht es aus einem Strafbefehl hervor, klingelte der Horber im Jahr 1999 an einem Haus und behauptete, er müsse in einem Einbruch ermitteln. Dabei zeigte er ein Mäppchen mit dem Ausweis einer Weinkellerei und der Plakette einer Privatdetektei vor. Am Gürtel trug er eine Schreckschusspistole. Ebenfalls als angeblicher Zivilfahnder ließ er sich von einem Falschparker die Papiere zeigen und drohte diesem ein Ticket an.

Eigentlich hätte es am Freitag nicht zu einer Gerichtsverhandlung kommen müssen, wenn der Angeklagte einen Strafbefehl akzeptiert hätte. Doch der Horber wollte seine Tat partout nicht zugeben. „Ich habe noch nie ein Blaulicht besessen“, sagte der Angeklagte aus. „Zur Tatzeit war ich nicht im Engelbergtunnel, sondern auf der Heimfahrt von einem Termin in Murrhardt.“ Dort habe er in einem Privathaushalt Schlafmatratzen vorführen wollen. Die Gäste seien aber nicht erschienen – und so habe er sich mit seinem Angestellten wieder auf den Heimweg gemacht.

Zeugen geben im Verlauf des Verfahrens an, dass der mutmaßliche Täter damals einen Schnauzbart trug. „Den habe ich in meinem ganzen Leben aber noch nicht getragen“, so der Angeklagte. „Ich habe eine ziemlich aggressive Schuppenflechte und muss mich jeden Tag rasieren.“

Von der Statur und von der Frisur her konnte ihn ein 39-jähriger Autofahrer aus Remseck identifizieren, den das Blaulicht im Engelbergtunnel empfindlich gestört hatte. Der Zeuge schilderte, wie plötzlich der Verkehr unruhiger geworden sei. „Blaulicht“, habe seine Frau auf dem Beifahrersitz bemerkt. Der Angeklagte habe sich daraufhin auf die mittlere Spur gesetzt. „Es hat zunächst so ausgesehen, als verfolge er einen Mercedes“, so der Zeuge vor Gericht. Nach dem Tunnel habe er in das Auto geschaut, seine Frau notierte offenbar das Kennzeichen, weil ihr die Sache seltsam vorgekommen sei. Das Ehepaar alarmierte nach kurzer Bedenkzeit das Ludwigsburger Präsidium, das sich mit den Kollegen in Horb kurzschloss. Bei einer Razzia fanden die Beamten im Auto des Verdächtigen jedoch das Corpus Delicti nicht mehr.

Als Entlastungszeuge trat am Freitag der 57-jährige Angestellte und Beifahrer des Angeklagten aus Renningen vor Gericht auf. Zur Tatzeit, sagte er aus, hätte der Angeklagte nicht im Engelbergtunnel gewesen sein können. Dafür hätte die Rückfahrt von der Matratzenvorführung in Murrhardt zu lange gedauert. Wegen ihm hätte der Fahrer an einer Tankstelle in Oppenweiler halten müssen – und danach für eine Pinkelpause auf einem Parkplatz. „Ich habe eine Konfirmandenblase“, so der Zeuge. Die Murrhardterin, bei der die Vorführung stattfinden sollte, konnte sich derweil nicht mehr an das genaue Datum erinnern.

Mit Blick auf die einschlägigen Vorstrafen, die dem Angeklagten schon einmal Haft eingebracht hatten, fand Oberstaatsanwalt Daniel Noa die Sache mit dem Blaulicht „nicht untypisch“. Er riet dem Mann, seinen Einspruch gegen den Strafbefehl zurückzunehmen. Im Fall einer Verurteilung, so der Ankläger, könnte die Strafe höher ausfallen und Folgen für den Führerschein nach sich ziehen.

Der Horber beriet sich mit seinem Anwalt und kam mit dem Ergebnis wieder, der Einspruch würde auf die Tagessatzhöhe der Geldstrafe beschränkt, was eine Art Geständnis bedeutete. Strafrichterin Andrea Henrich verurteile den Angeklagten schließlich zu genau den 60 Tagessätzen, die im Strafbefehl ausgesprochen waren.