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Bahnstrecke wird zum Radweg

Bürgerbegehren vor zehn Jahren noch abgelehnt – Rückbau der Gleise hat begonnen – Kosten von 2,4 Millionen Euro

Die Schienen der Nebenbahnstrecke bei Vaihingen werden auf einer Länge von 3,1 Kilometern durchtrennt. Im Januar beginnt der eigentliche Rückbau der Gleise. Foto: Albert Arning
Die Schienen der Nebenbahnstrecke bei Vaihingen werden auf einer Länge von 3,1 Kilometern durchtrennt. Im Januar beginnt der eigentliche Rückbau der Gleise. Foto: Albert Arning

Vaihingen. Das Ende der Vaihinger Nebenbahnstrecke war bisher nur auf dem Papier besiegelt worden. Jetzt wird es mit dem Brennschneider unwiderruflich eingeleitet: Der Rückbau der Gleise hat begonnen. 3,1 Kilometer der Trasse sollen zum Radweg werden. Die Schienen werden in einer containergerechten Länge von knapp sechs Metern durchtrennt. Wen wundert es, dass da auch „sinnlose Zerstörung von Eisenbahn-Infrastruktur“ beklagt wird?

Die Radweg-Idee ist schon gut zehn Jahre alt. 2009 startete die Initiative Fahrradbahn Vaihingen ein Bürgerbegehren. Sie forderte den Abriss der Gleise und dafür die Errichtung eines Radwegs auf der Bahntrasse, was der Gemeinderat aber ablehnte. Das Vorhaben war kontrovers diskutiert worden. Im September 2009 lehnte eine Mehrheit den Bürgerantrag auf eine sogenannte Fahrradbahn ab, und zwar bei 8487 Nein-Stimmen und 6227 Ja-Stimmen (58:42 Prozent). Lediglich in Kleinglattbach überwogen die Befürworter.

Damals gab es Bestrebungen der Eisenbahn-Service-Gesellschaft mbH (ESG), die Strecke für den Güterverkehr in Kooperation mit der Deutsche Bahn-Tochter DB Schenker Rail zu nutzen. Allerdings wurde für den öffentlichen Nahverkehr auf der Strecke keine Möglichkeit gesehen. Die Option eines Museumsbetriebs sollte zumindest bis zum Stadtbahnhof Vaihingen weiter offen gehalten werden. Die Planungen verliefen jedoch im Sand.

Es gab in dieser Frage unter anderem auch eine Kleine Anfrage im Landtag. Im Zuge des Stilllegungsverfahrens und der Veröffentlichung der Stilllegungsabsicht habe ein Dritter Interesse an der Übernahme der Strecke bekundet, wird bestätigt. „Übernahmeverhandlungen haben jedoch nicht stattgefunden, da der Interessent trotz mehrmaliger Aufforderung des Eisenbahninfrastrukturunternehmens nicht auf Verhandlungs- und Gesprächsangebote eingegangen ist. Ein schlüssiges Konzept für den weiteren Betrieb als öffentliche Eisenbahninfrastruktur wurde nicht vorgelegt“, war die Antwort von Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne). Die Landesregierung sehe die Bestrebungen der Stadt Vaihingen zur Realisierung eines Radweges auf der stillgelegten Bahntrasse positiv.

Der Gemeinderat hatte sich viele Jahre geziert, den Entwidmungsantrag für die Strecke zu stellen, denn die Hoffnung auf eine Reaktivierung der Bahntrasse bestand immer noch. Über die Stilllegung von Bahnstrecken entscheidet das Verkehrsministerium unter Berücksichtigung verkehrlicher und wirtschaftlicher Kriterien. Über die Freistellung von Bahnbetriebszwecken (Entwidmung) entscheidet dann das Regierungspräsidium als Planfeststellungsbehörde. Voraussetzung für eine Freistellung ist, dass kein „Verkehrsbedürfnis“ mehr besteht. Für Vaihingen wurde das so gesehen.

Im April 2014 war das Radroutenkonzept mit einer Prioritätenliste beschlossen worden; die zeitnahe Umwandlung der alten Bahnstrecke in einen Radweg war aber nicht enthalten. Dagegen gab es heftigen Widerstand. Mittwochs wurde auf dem Marktplatz lautstark für einen Radweg auf der WEG-Trasse geklingelt. In einer Klausurtagung vor der Sommerpause 2015 wurden die Weichen neu gestellt: Man einigte sich auf einen ersten Bauabschnitt, der maximal 1,5 Millionen Euro kosten sollte, und hoffte auf eine Förderung von 50 Prozent.

2015 fiel der Beschluss, auf der Bahnstrecke einen Radweg anzulegen, was die Entwidmung der Strecke zur Folge hatte. An das Ergebnis des Bürgerentscheids von 2009 war man nicht mehr gebunden. Verzögerungen gab es in den vergangenen Monaten durch die vorgeschriebene Vergrämung von Eidechsen auf verschiedenen Abschnitten.

Der Abbau der Schienen wurde im Dezember am Tunnel unter dem neuen Bahnhof gestartet. Die Gleise wurden von unten her „angeschnitten“. Die Oberkante bleibt befahrbar. Ab 13. Januar wird ein Bagger auf die Gleise gesetzt, der die Schienen dann vollends knackt. Als Baubeginn ist der 3. März 2020 vorgesehen. Fertigstellungstermin ist im Oktober 2020. Inzwischen wird mit Kosten von rund 2,4 Millionen Euro gerechnet. Die Förderzusage des Landes liegt allerdings noch nicht vor.

Ironischer Kommentar in einer Mail an die LKZ-Redaktion: „Einziger Trost: Auf der Trasse können wir mit unseren atomstromgeladenen E-Bikes hin- und herrasen und uns als Umwelt-Aktivisten feiern lassen.“ Und auch im Vaihinger Gemeinderat wird der „Leuchtturm“ Radweg nicht von allen als solcher gesehen. „Eine trübe Funzel, die vom Nichts ins nirgendwo führt“, so SPD-Fraktionschef Eberhard Berg. Aber der ist auch ein ausgewiesener Bahn-Fan.

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