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Interview

„Deutschland ist meine Heimat“

Der Name hat die Wähler nicht abgeschreckt: Timur Özcan ist der erst zweite Südwest-Bürgermeister mit türkischen Wurzeln

SPD-Politiker Timur Özcan ist neuer Bürgermeister der 9000 Einwohner zählenden Gemeinde Walzbachtal. Erster Schultes mit türkischen Wurzeln im Land war der Klettgauer Bürgermeister Ozan Topcuogullari. Foto: privat
SPD-Politiker Timur Özcan ist neuer Bürgermeister der 9000 Einwohner zählenden Gemeinde Walzbachtal. Erster Schultes mit türkischen Wurzeln im Land war der Klettgauer Bürgermeister Ozan Topcuogullari. Foto: privat

Mannheim. Der 28-jährige Timur Özcan ist Baden-Württembergs zweiter Bürgermeister, der auch türkische Wurzeln hat. Vergangenen Sonntag setzte er sich im zweiten Wahlgang in der Gemeinde Walzbachtal (Kreis Karlsruhe) mit 65 Prozent der Stimmen durch. Wir haben mit dem verheirateten, gebürtigen Leimener, der die Verwaltungshochschule in Ludwigsburg besuchte und als Regierungsinspektor beim Polizeipräsidium Mannheim arbeitet, unter anderem über die Frage gesprochen, ab wann man eigentlich keinen Migrationshintergrund mehr hat.

Herr Özcan, Sie gelten nun als zweiter türkischstämmiger Bürgermeister Baden-Württembergs. Was empfinden Sie, wenn Sie das hören?

Timur Özcan: Es ist komisch, weil ich mich durch und durch als Deutscher fühle, ich bin ja auch hier groß geworden, Deutschland ist meine Heimat, meine Mutter ist gebürtige Deutsche. Aber Tatsache ist eben auch, dass mein Vater aus der Türkei stammt und mein Name eindeutig kein deutscher Name ist und zeigt, dass ich einen Migrationshintergrund habe.

Haben Sie wirklich einen Migrationshintergrund? Sie sind doch hier geboren, aufgewachsen und nicht eingewandert.

Ich persönlich fühle mich auch nicht so, als ob ich einen Migrationshintergrund hätte. Ich fühle mich in Deutschland heimisch, ich bin deutscher Staatsbürger, bin hier zur Schule gegangen, habe hier studiert und bin mit deutschen Werten groß geworden. Deshalb finde ich es in meinem Fall auch falsch, von Migrationshintergrund zu sprechen. Insofern frage ich mich natürlich, wo da noch der Migrationshintergrund ist, beziehungsweise, ab wann man eigentlich keinen mehr hat.

Eigentlich sind Sie sogar Kurpfälzer, und doch rückt ihr familiärer Hintergrund in den Vordergrund. Wie weit sind wir in Sachen Integration in Deutschland?

Ich glaube, das ist ziemlich gespalten. Einerseits finde ich, machen wir sehr gute Fortschritte. Es ist ein klares Zeichen, wenn Walzbachtal einen Bürgermeister mit einem nicht deutschen Namen wählt. Dass die Menschen also nicht auf den Namen oder die Herkunft achten, sondern vielmehr auf den Menschen selbst, was er mitbringt und wie er drauf ist. Natürlich gibt es auch viele Probleme, die man nicht wegreden darf.

Was für Probleme meinen Sie?

Bei Integration denke ich zuerst einmal an die Sprache. Es ist besonders wichtig, dass genug Deutschkurse angeboten werden. Langfristig muss auch der Arbeitsmarkt vorhanden sein, damit sich die Migranten selbst versorgen können. Beides sind Punkte, die aktuell noch nicht so funktionieren. Auf der anderen Seite gibt es natürlich sehr viele positive Beispiele. Ein Großteil der Menschen hier ist angekommen, sie fallen auch gar nicht mehr auf, außer vielleicht mit dem Namen.

Ihre Wahl sei ein Zeichen dafür, „dass wir Menschen unabhängig von ihrer ethnischen Herkunft als Teil unserer Gesellschaft begreifen“, sagt SPD-Landeschef Andreas Stoch. Sehen Sie das also auch so optimistisch?

Definitiv ja. Wir leben heute in Deutschland in einer bunten, gut durchmischten Gesellschaft. Es kommt auf die inneren Werte der Menschen an und absolut nicht auf die Haarfarbe, Hautfarbe oder die ethnische Herkunft.

Nach der Wahl hatten Sie sich für den fairen Wahlkampf bedankt, der nicht selbstverständlich gewesen sei. Was genau haben Sie denn befürchtet?

Befürchtet gar nichts. Ich habe mich für den fairen Wahlkampf bedankt, weil es heutzutage nicht mehr selbstverständlich ist, fair miteinander umzugehen oder in einem angebrachten Ton zu kommunizieren. Insofern war es unter den Bürgermeisterkandidaten ein faires Spiel.

Hatten Sie denn die Befürchtung, dass Ihr vermeintlicher Migrationshintergrund den Wahlkampf negativ beeinflussen könnte?

Von den Bewerberinnen und Bewerbern hatte ich keine Befürchtungen, dass ich deswegen angegriffen werde. Aber natürlich muss man dazusagen: Im ländlichen Raum mit dem Namen Timur Özcan zu kandidieren, da haben anfangs vielleicht viele gedacht, das wird nicht einfach. Aber Walzbachtal hat bewiesen, offen und sehr freundlich zu sein. Deshalb passt Walzbachtal zu mir und ich zu Walzbachtal.

Sind Ihnen während des Wahlkampfs Vorurteile begegnet?

Es gab tatsächlich einen Fall. Die Frage: „Wählen wir jetzt einen türkischen Bürgermeister?“, tauchte auf. Da musste ich natürlich klarstellen, dass ich kein türkischer Bürgermeister, sondern ein deutscher Bürgermeister bin, auch wenn mein Name keine deutschen Wurzeln hat. Aber in den vielen Gesprächen, die ich mit den Menschen geführt habe, ist das dann immer mehr in den Hintergrund gerückt. Da hat mir ein Zitat sehr gut gefallen, dass die Runde machte: „Sind wir nicht alle ein bisschen Özcan?“ Das hat mich total motiviert, weil ich unabhängig von meinem Namen unterstützt worden bin.

Befürchten Sie, jetzt zur Zielscheibe von rechten Populisten zu werden?

Nein, solche Befürchtungen habe ich definitiv keine. Von Walzbachtal habe ich ein ganz deutliches Zeichen erhalten, dass die Bürgerschaft hinter mir steht, so wie ich bin. Ich hatte bisher auch nie Anfeindungen von Rechten erlebt. Da bin ich froh drum, habe aber auch keine Angst davor.

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