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KommunalpOlitik

Imperative auf Merkel-Orange

Beim ersten „Unparteitag“ des CDU-Kreisverbandes im Murrer Bürgerhaus werden die Hierarchien und manch anderes durcheinander gewirbelt.

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Politik in lockerer Runde: „Unparteitag“ der Kreis-CDU am Samstag im Murrer Bürgerhaus.Foto: Oliver Bürkle

Murr. „Ja, öfter mal was Neues“, ruft Fridericke Jähnichen, die Kreisvorsitzende der Jungen Union, als sie am Samstag die Treppen im Murrer Bürgerhaus hochdüst und im Eiltempo Verwunderung über die wilde Zetteltapete kommentiert: Keine Kritik! Kreativ! Innovativ! Selbstbewusst! Lauter Imperative über dem Merkel-Orange, der Grundfarbe der CDU, deren Kreisverband im Bürgerhaus zum ersten „Unparteitag“ lädt. Ein Unding vielleicht? Keine Krawatten jedenfalls, nicht der pure Business-Look der Damen, keine Regularien, keine Hierarchien. Sogar Rainer Wieland, der Kreisvorsitzende der Partei und Vizepräsident des Europäischen Parlaments, hat sich für Jeans entschieden.

Entsprechend locker dann auch das Geplänkel vorneweg auf der Terrasse, wo die Morgensonne gerade mal um die Ecke lugt. Zeit für einen Plausch, für die Zigarette davor – oder auch für ein glühendes Plädoyer für Europa, das der Gerlinger Wieland dann noch öfters vortragen sollte. Damit rennt er im Grunde genommen offene Türen ein. Beim zahlenmäßig sehr ordentlich vertretenen Jungvolk sowieso, wo Judith Kunz, 21, vom Unparteitag „einen offenen Diskurs abseits von Anträgen“ erwartet. Und Hannah, 17, aus Marbach interessiert sich schon seit der siebten Klasse für Politik: „Man sollte nicht nur auf der Couch rumhängen und zuschauen und motzen, sondern selbst mitgestalten“, sagt sie und setzt eins drauf: „Wir haben die Chance, unser Leben zu beeinflussen!“

Worte, die Wieland strahlen lassen: „Wir haben in den vergangenen 20 Jahren zu wenig diskutiert und erklärt – auch in unserer Partei. Zu sagen, Dinge seien alternativlos, das ist gefährlich. Ich habe den Kreisverband fast gezwungen, diesen Unparteitag zu machen, denn wir müssen unbedingt in neue Prozesse eintreten.“

Und dafür macht Jähnichen dann auch gleich den kommunikativen Wirbelwind. Wer schon sitzt im offenen Stuhlkreis, darf sich wieder erheben. Ein bisschen sollen die gut 70 Teilnehmerinnen und Teilnehmer sich jetzt mal sortieren. Altersgleich erst einmal, was aber nur ein Trick ist, um alle ein bisschen aus der Routine zu locken. Weiß, blau, grün und orange sind die Plätzchen, die beim Gedanken an die Partei dies repräsentieren: Schmetterlinge im Bauch, Magenschmerzen, auch „nach Bayern auswandern“. Es verteilt sich hübsch – nur bei Weiß, bei den Schmetterlingen, flattert keiner, aber auch gar keiner ein.

Fast anarchisch dann das Bild, als es um Raumpositionen angesichts der grün-schwarzen Koalition im Ländle geht: Wahnsinn! Hölle! Alles hat ein Ende! Es gibt keine Liebe ohne Leid! Richtig ordentlich wird es erst wieder, als sich Fraktionen fürs Mittagessen bilden sollen: Gulasch oder Kartoffelsuppe, wobei die Fleischlichen sehr deutlich die Oberhand bewahren. Und Wieland bekennt sich zu „Gulasch und Zuversicht.“

Dann sollen Themen eingeworfen werden, als Basis für die anschließenden Gruppen, die sich in verschiedene Räume verteilen werden, „denn Kreativität braucht Platz“, sagt Jähnichen, was alle gleich verstehen. Zwei Dutzend Wortmeldungen, mit einer ganzen Latte von Themen: Was machen die Firmen mit unseren Daten? Was wird aus der Pflege? „Wir sehen mal alt aus, wenn wir alt werden“, fügt eine 30-Jährige hinzu. Was kann die Gesellschaft „gegen Antisemitismus von links, rechts und von Zuwanderern machen“? Wie können wir das Ehrenamt stärken? Wie junge Leute für die Kommunalwahl gewinnen, denn „wir sammeln uns da derzeit nur Körbe ein“, sagt Volker Bischmaier aus Freudental. „Begrenzung der Amtszeit von Kanzlerinnen“ fordert jemand, ein Anderer „mehr Großzügigkeit beim „Familiennachzug“, ein Dritter „mehr Tempo bei der Innovation“. Ein hübsches Sammelsurium, das zusammen sortiert und dann angegangen wird. Noch vor Gulasch und Kartoffelsuppe.

Sechs Stunden später ist Jähnichen „ein bisschen geschafft, aber auch total begeistert“. Was sie beflügelt: „Die Partei ist, wie andere Parteien auch, ja sehr schwerfällig.

Aber hier waren alle total aufgeschlossen und beweglich, und wir haben sehr offen und sehr konkret diskutiert“, betont sie. Kurzum: „Das ganze Spektrum wurde angepackt. Das gibt jetzt viel Aufwind.“