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Lesung

Samuel Koch: „Das geht nicht, gibt es nicht“

Beim Anblick der proppenvollen Blankensteinhalle philosophiert Samuel Koch spontan über „zu viel Fleisch im Saal“. Denn viele Menschen sind am Freitagabend zur Konzertlesung gekommen, die der Schauspieler und Buchautor gemeinsam mit dem Musiker Samuel Harfst gestaltet hat.

Samuel Harfst und Samuel Koch gestalten seit 2013 ihr Bühnenprogramm gemeinsam.Foto: Oliver Bürkle
Samuel Harfst und Samuel Koch gestalten seit 2013 ihr Bühnenprogramm gemeinsam. Foto: Oliver Bürkle

STEINHEIM. Die Veranstaltung ist eingebettet in das mehrtägige Festival des Lebens auf dem Schulcampus. Veranstalter ist der Verein Souldevotion, der sich selbst als konfessions- und generationsübergreifende „Jüngerschaftsbewegung“ bezeichnet.

Blauer Disconebel wabert über die Bühne, als Samuel Koch sich im Elektrorollstuhl zu meditativer Livemusik dem Bühnenrand näher. Fast neun Jahre ist es her, seit der 31-Jährige bei der Fernsehsendung „Wetten dass..?“, so schwer verunglückte, dass er seitdem querschnittsgelähmt ist. Er hat trotzdem das bereits zwei Monate vor seinem Unfall begonnene Schauspielstudium fortgesetzt und gehört aktuell zum festen Ensemble des Nationaltheaters Mannheim. Während seiner Rehabilitation hat er Samuel Harfst kennengelernt. Die Beiden gestalten seit dem Jahr 2013 unter dem Titel „Samuel & Samuel“ eine Kombination aus Lesung, Musik und lockerer Plauderei.

„Hallo, guten Abend und herzlich willkommen“, richtet sich Samuel Koch an sein Publikum. Immer wieder blitzt ein verschmitztes Lächeln in seinem Gesicht auf, zum Beispiel wenn er „Steinheim an der Murr“ genüsslich ausspricht. Zahlreiche Finger strecken sich in die Höhe als er wissen will, wer denn außer ihm auch zum ersten Mal in besagtem Ort ist. Dass er die in die Jahre gekommene Sporthalle schön findet, will ihm niemand so recht abnehmen. „Ich habe meine Jugend in solchen Hallen verbracht“, beteuert der ehemalige Kunstturner, dass der Geruch „von Gummi, altem Schweiß und Magnesium“ bei ihm Kindheitserinnerungen weckt.

Und während Samuel Koch – durch einen schwarzen Paravent von Blicken abgeschirmt – seinen Platz vom Rollstuhl auf einen Ohrensessel wechselt, tritt der Liedermacher und Sänger Samuel Harfst das erste Mal auf. Musikalisch unterstützt wird er von seinen Brüdern David und Joshua sowie von Dirk Menger. Bei dem Song „Das Privileg zu sein“, zeigen sich viele Konzertbesucher textsicher. Später nimmt er immer wieder neben Samuel Koch Platz, um mit ihm zu plaudern – so wie gute Freunde es eben tun.

Samuel Koch hat mittlerweile drei Bücher geschrieben. In seinem neusten Werk „Steh Auf Mensch“, geht er der Frage nach, was Menschen stark macht. „Kein Resilienzratgeber“, so der Untertitel. Den Begriff Resilienz, der bezeichnet, Widrigkeiten mit psychsischer Widerstandkraft zu begegnen, mag Koch nicht sonderlich. Er bevorzuge Begriffe wie Glaube, Hoffnung, Demut und Sanftmut, sagt er. Er erzählt von der 15-Jährigen Rebekka, die er während seiner Rehabilitation kennengelernt hat und die kurze Zeit später gestorben ist. „Ein kleiner Tumor oder 60 Millisekunden können über ein Leben entscheiden“, stimmt er seine Zuhörer nachdenklich.

Eine junge Frau mit Namen Anja fungiert als Buchhalterin im wahrsten Sinne des Wortes. Samuel Koch flüstert ihr leise zu, welche Seite sie aufschlagen soll, damit er ausgewählte Passagen aus seinen Büchern vorlesen kann. Durch seinen Unfall, bei dem er einen vierfachen Genickbruch erlitt, seien sein Lebensentwurf und seine Wunschvorstellung zerstört worden. „Ich hatte keinen Plan B“, so Koch. Er könne nicht mal seine Finger bewegen und sei rund um die Uhr auf die Hilfe angewiesen. Seinen Lebensmut hat er offenbar nicht verloren. „Das geht nicht, gibt es nicht“, so der 31-Jährige, der mit trockenem Humor, ja fast schon mit selbstironischer Distanz über das erzählt, was vielen Menschen unbegreiflich erscheint, nämlich gelähmt zu sein.

In einer Passage der Lesung schildert er einen Kirmesbesuch zusammen mit seinem Bruder. Die Zuhörer glauben, bei der folgenden Situation dabei gewesen zu sein, so nah dran ist Samuel Koch mit seiner Erzählung. Seine Behinderung hält ihn nämlich nicht davon ab, in ein wildes Karussell zu steigen. Später lösen sich Arme und Beine, die sein Bruder Jonathan vorsichtshalber festgebunden hat – und Samuel Koch schleudert durch die Gondel.

„Ich will weniger auf das schauen, was nicht mehr geht, sondern auf das, was noch geht“, macht er deutlich. Und das bedeutet, dass er sich nicht von einer Wüstentour, bei dem seine Gliedmaßen mit jeder Menge Klebeband auf einem Quad fixiert werden, abhalten lässt. Und er lässt das Publikum an seiner Hoffnung teilhaben, eines Tages zu einem Waldlauf aufbrechen zu können. „Hoffnung ist erlaubt“, sagt er. Und dass man nicht an dem zweifeln dürfe, was man nicht sieht.

Deutlich banaler klingt das, was Samuel Harfst zu sagen hat. Trotzdem scheinen ihm die Zuschauer an den Lippen zu hängen, wenn er von seinem Italienurlaub berichtet und erzählt, wie sehr ihn in Florenz der Anblick der von Michelangelo geschaffenen Davidstatue fasziniert hat. Eigentlich kein Wunder. Schließlich ist er im Jahr 2011 mit dem David-Award, dem Preis der christlichen Popmusikszene ausgezeichnet worden.

Im Laufe des Abends spielte Harfst auch Stücke von seinem neuen Album „Endlich da sein wo ich bin“, wie „Kleine Seele“ oder „Mein letztes Hemd“ ganz im Stil der gerade angesagten deutschen Singer-Songwritermusik.

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