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Masern-Kampagne

„Sie werden Ihr Kind verlieren“

Masern sind in Europa wieder auf dem Vormarsch, auch in Baden-Württemberg. Mit einer Aufklärungskampagne will der Landkreis Ludwigsburg die Menschen wach rütteln. Teil davon ist eine Ausstellung in Freudental. Bei deren Eröffnung berichteten Eltern von der Leidensgeschichte ihres inzwischen an den Folgen der Virusinfektion gestorbenen Sohnes.

Masern sind wieder auf dem Vormarsch: Karlin Stark, Präsidentin des Landesgesundheitsamts (links), spricht bei der Ausstellungseröffnung über Folgen der Viruserkrankung. Foto: Alfred Drossel
Masern sind wieder auf dem Vormarsch: Karlin Stark, Präsidentin des Landesgesundheitsamts (links), spricht bei der Ausstellungseröffnung über Folgen der Viruserkrankung. Foto: Alfred Drossel

Freudental. „Ich weiß nicht, wer du bist“ – das waren die letzten Worte, die Max zu seinem Vater sagte, bevor der Elfjährige wenige Tage später in ein Koma fiel, aus dem er nicht mehr aufwachen sollte. Neun Jahre pflegten ihn seine Eltern Anke und Rüdiger Schönbohm bis zu seinem Tod. Sie wussten, dass er sterben wird. Denn wer an SSPE erkrankt, eine Folgeerkrankung einer Maserninfektion, für den gibt es keine Rettung. Anfang 2014, mit 19 Jahren, starb Max. Der Schmerz über den Verlust seines Sohnes steht dem Ehepaar aus Sachsenheim ins Gesicht geschrieben, als es am Dienstagabend im Freudentaler Rathaus zur Eröffnung der Ausstellung „Stoppt Masern! Lasst Euch impfen!“ die Leidensgeschichte seines Kindes erzählt, ebenso die Wut darüber, dass Max’ Tod eigentlich vermeidbar gewesen wäre.

Was war geschehen? Im Alter von sechs Monaten steckte Max sich im Kindergarten, den sein älterer Bruder besuchte, an Masern an. Drei Wochen lag er fiebernd darnieder. Dann ging es ihm wieder gut. „Er war ein richtiger Wirbelwind“, erinnert sich Rüdiger Schönbohm. Aber mit zehn Jahren zeigte Max auf einmal Ausfallerscheinungen. „Ich werde das nie vergessen. Er hat gespielt, und plötzlich blieb er einfach stehen wie eine angehaltene Spieluhr. Wir dachten erst, er macht einen Spaß mit uns“, berichtet sein Vater. Doch die Ausfälle häuften sich, eine Odyssee durch Kliniken begann, bis Schönbohms die erschütternde Diagnose erhielten. „Der Oberarzt sagte: ‚Ich habe eine schlechte Nachricht für Sie. Sie werden Ihr Kind verlieren.“ Die folgenden Monate griffen Schönbohms nach jedem sich bietenden Strohhalm, ließen nichts unversucht, um mit alternativen Behandlungsmethoden die fortschreitende Gehirnentzündung bei Max doch noch stoppen zu können.

In der Ausstellung in Freudental, die vier Wochen besichtigt werden kann, sind Fotos von Max zu sehen. Sie zeigen ihn als fröhliches Kind und als Pflegefall im Rollstuhl. Daneben hängen Aufnahmen von weiteren an SSPE erkrankten Kindern. Zudem informiert die Schau über Masern und ihre schwerwiegenden Folgen, wie etwa SSPE oder Lungenentzündungen. Sie ist Teil einer Aufklärungskampagne der Kommunalen Gesundheitskonferenz des Kreises Ludwigsburg, um die Impfquote in der Bevölkerung zu erhöhen. „Das Ziel sind 95 Prozent“, erklärt Dr. Karlin Stark, Präsidentin des Landesgesundheitsamtes und Freudentaler Gemeinderätin. Denn nur, wenn mindestens ein so hoher Anteil der Menschen durch eine zweifache Impfung immun gegen Masern sei, könnten auch Babys wie der damals sechs Monate alte Max, die noch nicht geimpft werden können, vor der hochansteckenden Viruserkrankung geschützt werden.

Doch davon ist man in Freudental weit entfernt. Wie die jüngste Einschulungsuntersuchung ergeben habe, ist die Stromberggemeinde mit 64 Prozent „das absolute Schlusslicht“ im Landkreis, berichtet Annette Maier vom Gesundheitsamt. Davor liegt auf dem vorletzten Platz Vaihingen mit knapp 74 Prozent. Der Kreisdurchschnitt beträgt 91,4 Prozent. Die anvisierte Impfquote von 95 Prozent kann unter den angehenden ABC-Schützen lediglich Benningen, Ditzingen, Erligheim, Großbottwar, Hemmingen, Hessigheim, Kirchheim, Steinheim und Remseck vorweisen, wie in der Ausstellung eine Auflistung der Untersuchungsergebnisse in den einzelnen Kommunen des Kreises zeigt.

Dabei seien die Masern laut den Daten der Weltgesundheitsorganisation in Europa wieder auf dem Vormarsch, erklärt Stark. Auch in Baden-Württemberg stiegen die Fallzahlen. „Große Probleme bereiten vor allem junge Erwachsene, die nicht ausreichend geimpft sind. Dabei könnte man die Krankheit eigentlich ausrotten.“ Das Tückische: Noch bevor Betroffene den für Masern typischen Hautausschlag bekommen, können sie bereits andere anstecken. Zudem sei die Krankheit nicht behandelbar, betont Stark: „Man kann nur auf einen günstigen Verlauf hoffen.“

Info: Weitere Informationen zur Aufklärungskampagne des Landkreises Ludwigsburg, die Auswirkungen von Masern und über die Schutzimpfung dagegen sind im Internet unter www.stoppt-masern.de zu finden.

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