Ludwigsburg | 27. Juni 2016

„Wir Hebammen sind am Limit“

Sie sind seit 35 Jahren Hebamme. Ist es heute noch ein attraktiver Beruf?

Christel Scheichenbauer betreibt zusammen mit anderen Hebammen in Ludwigsburg eine Gemeinschaftspraxis.
Christel Scheichenbauer betreibt zusammen mit anderen Hebammen in Ludwigsburg eine Gemeinschaftspraxis.
Fotos: Oliver Bürkle

Christel Scheichenbauer: Der Beruf an sich ist attraktiv – nur die Rahmenbedingungen sind es nicht mehr.

 

Die Kreißsäle in den Kliniken sind permanent unterbesetzt, Überstunden sind an der Tagesordnung, die Hebammen haben dauernd Rufbereitschaft. Heute gibt es gar nicht mehr genug Hebammen, die im Kreißsaal arbeiten wollen. Auch die Arbeitsbedingungen der freiberuflichen Hebammen sind schlecht. Das hat sich herumgesprochen: Wir bekommen unsere Ausbildungsplätze noch bestückt, aber die Zahl der Bewerberinnen ist deutlich gesunken.

 

Was bedeuten die Arbeitsbedingungen in Zahlen ausgedrückt?

 

Eine freiberufliche Hebamme bekommt 32 Euro brutto pro Hausbesuch, unabhängig davon, wie lange dieser dauert. Wegegeld wird zwar bezahlt, aber die Anfahrtszeit wird nicht abgerechnet.

 

Die Krankenkassen sagen, dass 40 Minuten für einen Hausbesuch ausreichen. Die Realität sieht anders aus. Die Frauen haben auch nach der Geburt viele Fragen, es sind sehr viele Unsicherheiten da. Wir sind oft eine Stunde oder länger bei den Müttern.

 

Welche Bedeutung kommt den Hebammen in der Wochenbettbetreuung zu?

 

Die Nachbetreuung im Wochenbett ist immens wichtig. Gerade in dieser Zeit kommen viele Fragen auf. Die Frauen genießen es, dass jemand zu ihnen nach Hause kommt und sie nicht mit dem Neugeborenen durch die Gegend fahren müssen. Nicht nur das, was wir medizinisch im frühen Wochenbett begleiten, ist wichtig. Auch die Leistung in der Prävention ist bedeutend. Wir werden oft angefragt zu Problemen in der Paarbeziehung oder Schwierigkeiten mit den Großeltern. Ein großer Zweig unserer Arbeit ist die Stillberatung, das erfordert eine gute Begleitung.

 

Sind die Frauen heute unsicherer?

 

Die Tatsache, dass man heute alles googeln kann, sorgt für große Unsicherheiten. Heute haben die Frauen die ganze Nacht gegoogelt, wenn das Kind nicht geschlafen hat. Dabei ist das Wochenbett eine sensible Phase für die Familie, die sich bildet. Wenn diese gut begleitet wird, glaube ich, dass es sicher weitergeht. Wenn die Betreuung wegfällt, würde mir das sehr leidtun.

 

Ist die Wochenbettversorgung in Gefahr?

 

Ja. Wir haben flächendeckend in ganz Baden-Württemberg eine Unterversorgung – nicht nur in Stadt und Kreis Ludwigsburg. Einfach, weil es immer weniger Hebammen gibt, die alle Leistungen anbieten. Es gibt jetzt schon doppelt so viele Frauen wie vor zwei Jahren, die keine Hebamme finden. Wir haben ständig Anfragen von Frauen, die 30 Kolleginnen abtelefoniert haben und trotzdem keine Betreuung in der Schwangerschaft oder einen Kurs finden.

 

Wo liegt das Problem?

 

Es müssen wieder mehr Hebammen, die den Beruf ergriffen haben, diesen tatsächlich auch ausüben. Wir haben viele Kolleginnen, die nicht mehr aus der Elternzeit zurückkehren.

 

Ein Thema ist mit Sicherheit die Haftpflichtproblematik. Wir Hebammen müssen unheimlich viel arbeiten, um unsere Nebenkosten decken zu können und wirtschaftlich zu sein. Für eine Hebamme, die mit zwei kleinen Kindern nebenbei mal einen Kurs und gelegentlich eine Wochenbettbetreuung machen möchte, rechnet es sich einfach nicht. Deshalb fallen uns ganz viele Kolleginnen weg, die Teilzeitarbeit in der Freiberuflichkeit machen möchten.

 

Wer ist jetzt gefragt?

 

Die Bundespolitik ist genauso gefragt wie die Landespolitik, der Hebammenverband und der GKV-Spitzenverband. In den Verhandlungen müsste zum Beispiel geklärt werden, wie freiberufliche Hebammen geringfügiger arbeiten könnten und dabei die Rahmenbedingungen erfüllen und trotzdem etwas erwirtschaften. Es sind Modelle angedacht, aber die Dinge laufen einfach zu langsam. Wir brauchen eine schnelle Lösung, es brennt jetzt.

 

Könnte vielleicht auch die Kommunalpolitik helfen?

 

Die Kommune könnte beispielsweise vergünstigte Räume zur Verfügung stellen, für Hebammen, die gerade anfangen zu arbeiten. Eine Anschubfinanzierung für den Schritt in die Freiberuflichkeit könnte ebenfalls helfen.

 

Denkbar ist auch, wieder eine Mütterberatung einzurichten, die es früher schon gab. Einmal in der Woche wäre eine Hebamme an einem festen Ort im Stadtteil zu finden. Dort könnten Mütter mit ihren Babys hinkommen und sich beraten lassen, wenn sie keine Hebamme finden konnten, die sie zu Hause betreut. Dafür brauchen wir aber Unterstützung der Kommunen. Ideen sind also da, aber es muss auch jemand an ihrer Umsetzung arbeiten. Doch wer soll das machen? Die Kolleginnen sind alle am Limit.

 

In Leonberg und Ditzingen haben die Kommunen ein Konzept entwickelt, das für Berufsanfängerinnen sehr interessant ist. Angefangen von günstigem Wohnraum über Praxisräume bis zu Unterstützung bei der Finanzierung der Haftpflichtprämie. Mal sehen, ob sich eine Kollegin dafür findet. Wenn das funktioniert, könnte das Konzept Schule machen.

 

Fehlt vielleicht auch die Lobby für dieses Thema?

 

Wir bekommen gerade sehr viel Unterstützung vom Verein Motherhood. Wenn genügend Familien und Frauen ihr Recht auf Hebammenhilfe einfordern, dann muss die Politik reagieren.

 

Wie steht es um die Hebammenversorgung im Kreis Ludwigsburg?

 

Die Versorgung im Kreis Ludwigsburg ist nicht besser oder schlechter als die Versorgung in den umliegenden Landkreisen. Inzwischen kann man auch nicht mehr sagen, dass Frauen in der Stadt Ludwigsburg besser versorgt würden als in den ländlichen Gemeinden. Auch in der Stadt Ludwigsburg finden viele Frauen keine Hebamme. Die Situation ist deutlich schlechter als noch vor fünf Jahren.

 

Wie viele Frauen müssen Sie ablehnen?

 

Momentan habe ich etwa drei Anfragen am Tag per E-Mail, der Anrufbeantworter ist schon entsprechend besprochen. Frauen mit Geburtstermin vor Januar 2017 nehme ich nicht mehr an. Bei meinen Kolleginnen sieht es ähnlich aus.

 

Mittlerweile ist es zu den Frauen durchgedrungen, dass es keinen Sinn mehr macht, in der 25. Schwangerschaftswoche eine Hebamme zu suchen. Ganz viele Frauen rufen inzwischen an, wenn der Schwangerschaftstest positiv ist. Das führt natürlich immer wieder dazu, dass Frauen absagen müssen, weil sie eine Fehlgeburt hatten. Das finde ich für die Frau ganz schrecklich.

 

Was raten Sie den Frauen?

 

Früh melden, viel Geduld haben und sich bitte auch an die Institutionen wenden. Die Krankenkassen machen es sich nämlich ganz einfach und verweisen auf die gelisteten Hebammen. Doch die Zahl allein ist trügerisch, denn längst nicht alle Hebammen bieten alle Leistungen an. Es gibt Kolleginnen, die nur Beratung machen, andere machen nur Rückbildung. Bei den Krankenkassen bekommen wir immer die Rückmeldung, dass ihnen keine Beschwerden vorliegen.

 

Die Frauen müssten bei den Krankenkassen Sturm laufen. Schließlich ist es Aufgabe der Krankenkassen, ihren Versicherten ausreichend Hebammen zur Verfügung zu stellen. Darum müssen sich die Krankenkassen endlich kümmern.

 

Gibt es ein Land, in dem bessere Bedingungen für Hebammen und Frauen herrschen?

 

In Großbritannien herrscht aktuell die Meinung vor, gesunde Frauen müssen nicht in die Klinik. Frauen können auch außerhalb einer Arztpraxis betreut werden. Die Hebammen sind dort tief in der Schwangerenvorsorge eingebunden, nur bestimmte Untersuchungen kommen in ärztliche Hand. Das schafft eine größere Arbeitszufriedenheit für die Hebammen und eine größere Zufriedenheit für die Frauen.

 

Man könnte sich bei unseren Nachbarn durchaus etwas abgucken.

Fragen von Stephanie Bajorat
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