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120 Geschäfte zum Leben erweckt

Einige Besigheimer Urgesteine: Karl Dieter, Ursula Herbst, Ursula Duka, Vereinsschatzmeister Erwin Ruff, Paul Roth sowie Hans-Jürgen Groß, Vorsitzender des Geschichtsvereins (von links). Vor dem Fachgeschäft in der Kirchstraße 25 hat lange Zeit das B
Einige Besigheimer Urgesteine: Karl Dieter, Ursula Herbst, Ursula Duka, Vereinsschatzmeister Erwin Ruff, Paul Roth sowie Hans-Jürgen Groß, Vorsitzender des Geschichtsvereins (von links). Vor dem Fachgeschäft in der Kirchstraße 25 hat lange Zeit das B
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Lebendiger kann Historie nicht vermittelt werden: Eine Handvoll Besigheimer Zeitzeugen lassen in Erzählungen, Anekdoten und Bildern 120 Einzelhandelsgeschäfte wieder aufleben. Niedergeschrieben ist dies im neuesten Heft des Geschichtsvereins.

Besigheim. „Weißt du noch? In der Bahnhofstraße 20 gab es die Metzgerei von Paul Beyl und in der Hauptstraße 26 war ein Milchladen“, schwelgen Ursula Herbst und ihr „ältester Vetter“ Paul Roth in Erinnerungen. Ja, den beiden denkt es noch gut, als es in der Besigheimer Innenstadt unzählige Bäcker, Tabak- und Süßwaren- sowie Gemischtwarenläden, Eisenwarenhandlungen, Gärtnereien und Drogerien gegeben hat. Davon sind kaum noch welche übrig geblieben.

Um diesen etwa 120 Geschäften aus den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg Leben einzuhauchen, listete Ursula Herbst sie auf. Mit dieser Aufzählung trat sie an den Vorsitzenden des Besigheimer Geschichtsvereins, Hans-Jürgen Groß, heran. Groß griff die Idee auf mit dem Ziel, Interessierten die ehemalige Geschäftswelt ins Gedächtnis zu rufen. Herausgekommen ist das neueste Geschichtsblatt mit dem Titel „Der Einzelhandel in Besigheim in den 1950 und 1960er Jahren“.

Aufgewachsen ist die 81-jährige Ursula Herbst in der Bahnhofsvorstadt. Genauer gesagt in der Froschbergstraße. „Im Winter sind wir da mit dem Schlitten hinuntergesaust“, erzählt sie. Dicke Stiefel oder warme Hosen? „Die gab es damals nicht.“ Mit ihrem Mann Berthold, der Metzgermeister war, übernahm sie 1969 die Traditionsmetzgerei in der Hauptstraße 31. Dort befindet sich das Geschäft heute noch und ist „mittlerweile die einzige Metzgerei in Besigheim“, charakterisiert Ursula Herbst die Entwicklung des Handels und des Handwerks.

Der 90-jährige Paul Roth ist nur einen Steinwurf weiter in der Kirchstraße groß geworden, wo Vater Wilhelm im Haus Nummer 13 eine Schreinerei und einen Möbelhandel betrieb. „Wir konnten auf der Straße spielen. Die Autos, die in Besigheim herumfuhren, waren an einer Hand abzuzählen.“ Ein paar Häuser weiter befand sich das Lebensmittelgeschäft „Konsum“, das erste, in dem es Einkaufswagen gab, während die Kunden beim Konkurrenten „Lichdi“ mit Einkaufskörben vorliebnehmen mussten.

Ursula Herbsts Mutter Frida Wolf war beim Bahnhofskiosk, „Ständle“ genannt, beschäftigt. In der Weinstraße 2 folgte ein Gemischtwarenladen, wo es „vieles für den täglichen Gebrauch wie Zucker, Salz, Grieß, Essig und Öl gab“, fasst Erwin Ruff, Schatzmeister des Geschichtsvereins und Verfasser des neuesten Hefts, die Erzählungen und Informationen zusammen. Anhand von Ursula Herbsts Liste habe er sich von der Bahnhofstraße in die Innenstadt vorgearbeitet, im Besigheimer Stadtarchiv und im Staatsarchiv in Ludwigsburg recherchiert, sagt Ruff, er habe viele Informationen und Details der alten Ladengeschäfte ausgegraben. „Aus den Gesprächen mit damaligen Geschäftsleuten oder deren Nachkommen und den Erinnerungen mehrerer Zeitzeugen habe ich interessantes Hintergrundwissen erfahren.“ Daraus sei dieses Werk, das den Blick in eine längst vergangene Epoche richtet, mit zahlreichen Fotos entstanden.

„Der Erwin hat sich hier eingebracht, als ob er ein richtiger Besigheimer wäre“, plaudert Hans-Jürgen Groß ein wenig aus dem Nähkästchen – dabei „ist der Erwin in Löchgau aufgewachsen“. Von dort aus, gibt Ruff wiederum eine Anekdote zum Besten, habe ihn seine Grundschullehrerin als Schüler mit dem Fahrrad über Kirchheim nach Besigheim geschickt, damit er in der Schreibwarenhandlung Barth ein „paar Sachen für den Unterricht besorgt“. Ja, es seien seinerzeit „viele Walheimer, Gemmrigheimer und Hessigheimer nach Besigheim zum Einkaufen gekommen, bestätigt Groß, in Besigheim habe es nicht nur ein Kino, sondern eben eine große Auswahl an Fachgeschäften gegeben. „Und abends oder an den Wochenenden sind viele durch die Straßen gebummelt, um sich die Auslagen in den Schaufenstern anzuschauen. Das war etwas ganz Neues für uns“, erinnert sich Groß und führt das Spezialgeschäft für Bekleidung, Bett- und Tischwäsche Blatter in der Kirchstraße 25 an. Dort befindet sich heute das Schreibwarengeschäft Beurer. Ein paar Häuser weiter war ein Miederfachgeschäft namens „Korsett-Klinik Kreuzer“, eine Buchbinderei sowie der Orthopädie-Mayer. „Dort sind nicht nur die Füße in Ordnung gebracht worden, dort wurden unter anderem auch Hühneraugen beseitigt“, schreibt Ruff über den ehemaligen Laden in der Kirchstraße 33.

Überhaupt die Besigheimer Familie Mayer. Nachdem in dem einstigen Gerber-Mayer-Haus in der Hauptstraße 3 das Obst- und Gemüsegeschäft ausgezogen war, übernahm Schuhmachermeister Wilhelm Mayer das Gebäude. Sohn Helmut, ein Besigheimer Urgestein, führte das Fachgeschäft zusammen mit seiner Frau Elvira: „Einige Kunden sind zu uns gekommen, um auch einen Plausch zu halten. Es war eine schöne Zeit damals.“

Im Einzelhandel habe sich in diesen zwei Jahrzehnten ein „dramatischer Wandel – weg vom kleinen Tante-Emma-Laden hin zu großflächigen Geschäften“, vollzogen sagt Ruff. Das habe dazu geführt, dass es auch in Besigheim die meisten Handelsgeschäfte aus früherer Zeit heute nicht mehr gibt. „Mit unserem Heft machen wir ihre Geschichte lebendig.“

Info: Das Heft 37 der Besigheimer Geschichtsblätter gibt es im Buchladen im Dreigiebelhaus, bei der Buchhandlung Beurer sowie dienstags von 9 bis 12 Uhr im Steinhaus in der Mediathek des Geschichtsvereins, Telefon (07143) 801103, zum Preis von 13 Euro.