Ludwigsburg | 09. Juni 2017

Das Architekturquartett macht Schluss

Den Knalleffekt des 39. Ludwigsburger Architekturquartetts hatte sich Moderatorin Amber Sayah ganz fürs Ende aufgehoben. Als alle Meinungen auf dem Podium zu den drei aktuellen Neubauten rund um Stuttgart ausgetauscht waren, verkündete sie das baldige Ende der langjährigen Veranstaltungsreihe. „Im Herbst haben wir das 40. Architekturquartett. Und wir haben beschlossen, dass dies auch das letzte sein wird“, erklärte sie dem sichtlich überraschten Publikum. 20 Jahre seien genug, habe sich die fünfköpfige Gruppe, die hinter der Veranstaltung steht, gedacht.

Schlichter Bau, imposante Treppe: im Innern des Greiner-Baus.
Schlichter Bau, imposante Treppe: im Innern des Greiner-Baus.
Archivfoto: Oliver Bürkle

Das Architekturquartett war 1998 von der Ludwigsburger Kammergruppe der Architektenkammer Baden-Württemberg ins Leben gerufen worden. Vorbild war die damals populäre TV-Sendung „Das literarische Quartett“ mit Kritikerpapst Marcel Reich-Ranicki. „Wir dachten damals, wir probieren einfach mal, ob das funktioniert“, beschrieb Sayah das damalige Ansinnen der Macher. Und das Format funktionierte so gut, dass das Quartett, das sich bis auf die Moderatorin in stets wechselnder Besetzung zusammenfindet, zweimal umziehen musste, weil die Räume zu klein geworden waren. Ins Leben gerufen worden war die Podiumsdiskussion im Hauptstaatsarchiv. Ihre eigentliche Heimat hatte sie dann in der Musikhalle gefunden.

Die war auch am Donnerstagabend gut gefüllt, wenn auch nicht bis auf den letzten Platz, was Sayah auf die gleichzeitig stattfindende Eröffnung der Schlossfestspiele zurückführte. Hätten die Architekturinteressierten gewusst, dass es die vorletzte Möglichkeit ist, über modernes Bauen in der Region informiert zu werden, es wäre wohl kein Stuhl mehr frei geblieben.

Harmonie auf dem Podium

Anders als im literarischen Vorbild, das dank Reich-Ranicki stets auf Konfrontation gebürstet war, herrschte im Architekturquartett gestern weitgehend Harmonie. Sayah und ihre Gäste, die Architekten Dennis Mueller (Stuttgart) und Paul Böhm (Köln) sowie der evangelische Stadtdekan von Stuttgart, Sören Schwesig, waren sich in ihrer positiven Bewertung der drei vorgestellten Bauprojekte weitgehend einig. Nur in Details hatten die Experten das eine oder andere auszusetzen.

Am wenigsten Kritik erntete insgesamt das neue Büro- und Ausstellungsgebäude der Firma Greiner in Pleidelsheim. Die Experten lobten nicht nur die architektonische Qualität des schlichten Baus aus Sichtbeton an sich, sondern auch dessen Einbindung in die Umgebung. Denn das Betriebsgelände des fast 100 Jahre alten Familienunternehmens, das Sitze und Stühle für Friseure, medizinische Bereiche, aber auch Fahrzeuge herstellt, liegt mitten im Ort. Durch die Pflasterung des umgebenden Platzes sei die an sich „internationale Architektur“ (Sayah) gut in das Ortsbild integriert. Böhm hob zudem die hohe handwerkliche Qualität der Ausführung hervor, die so in Nordrhein-Westfalen nur schwer zu finden sei. Dekan Schwesig erklärte den Neubau von Greiner zu seinem Favoriten, obwohl auch noch eine Kirche zur Auswahl stand.

Die hat die Neuapostolische Gemeinde Pliezhausen am Rand des Ortes bei Reutlingen bauen lassen. Auch dieser Bau sei ein Solitär, meinte Böhm. Müller hob die sakrale Wirkung des Kirchenraums besonders hervor.

Ein wenig kritischer sahen die Architekten die neue Musikschule in Filderstadt. „Für mich ist das ein Verwaltungsbau“, sagte Müller. Das Haus habe keine eigene Identität, die dem Zweck – Kreativität und Musik – gerecht werde.

Dass es auch deutlich schlimmer geht, machte der Gast aus Köln klar. Böhm sprach von einem architektonischen Durcheinander, das er in der Region während der Rundfahrt zu den Objekten erlebt habe. Bedarf für kritische Architekturbetrachtung gibt es also genug.

Jürgen Schmidt
Weitere Artikel aus diesem Ressort
Anzeige
UMFRAGE
Landesregierung

Sind sie mit der Arbeit der grün-schwarzen Landesregierung zufrieden?

Die schönsten Seiten des Kreises
Zeitschriftenvorteil