Ludwigsburg | 09. November 2017

Die Gesichter zur Geschichte der Freudentaler Juden

Er zieht die Kapuze noch ein wenig tiefer über den Kopf. Es ist kalt an diesem Samstagmorgen in Freudental. Und was Ralph Weil soeben erfuhr, hat ihn erschüttert: Die Nazis hatten sich hier, in der Hauptstraße, häufig einen Spaß daraus gemacht, ins Haus seines Vaters einzudringen, um ihn zu verprügeln. Ralpf Weil ist einer der Nachfahren ehemals in Freudental lebender Juden, die der Arbeitskreis „Erinnern und Gedenken“ und die Gemeinde eingeladen haben. Sie waren aus der ganzen Welt angereist, um mit ihren Gastgebern, Bürgern und Bürgermeister Alexander Fleig, eine historische Führung durch den Ort zu machen. Der Historiker Steffen Pross und Barbara Schüßler, Leiterin des Pädagogisch-Kulturellen Centrums Ehemalige Synagoge Freudental (PKC) waren mit ihnen unterwegs.

An sieben Stationen bringt der Historiker Steffen Pross (links) Erinnerungen zurück. Fotos: Alfred Drossel
An sieben Stationen bringt der Historiker Steffen Pross (links) Erinnerungen zurück. Fotos: Alfred Drossel

Vor 15 Jahren hatte sich der in New York aufgewachsene Weil erstmals an den Kindheitsort seines Vaters begeben. Was er jetzt, beim zweiten Besuch, vor der abgerissenen ehemaligen Gaststätte Hirsch erfährt, habe ihm sein Vater nie erzählt: Nachdem die NSDAP-Ortsgruppe in dem Lokal zusammengekommen war, drangen sie oft angetrunken in eines der beiden Nachbarhäuser ein, in denen Juden lebten. Tränen laufen ihm über die Wangen. Erinnerungen sind wieder voll da: Wie der Vater nachts schreiend aus Alpträumen aufwachte. Aus dem einst Lebenslustigen war ein in sich zurückgezogener Mensch geworden. Glücklicherweise war ihm die Emigration gelungen.

Auch bei anderen Nachfahren bringen die Berichte von Steffen Pross an den insgesamt sieben Stationen Erinnerungen in Gang: „Mein Vater verlor acht Familienmitglieder durch den Holocaust“, sagt Patrick Levi, der mit seiner Schwester Edda aus Paris angereist ist. Ihr Vater war Irwin Levi, der mit seiner Frau nach Frankreich emigrierte und Glück hatte: Katholiken versteckten sie vor den Nazis. Patrick und Edda Levi wuchsen zweisprachig auf, noch heute spricht der 71-Jährige bestes Deutsch. „Die Spuren unserer Vorfahren sind sichtbar auf Freudentals Straßen – und in meinem Inneren auch“, offenbart Levi. 70 Jahre danach, „klopften unsere Vorfahren an unsere Türen und brachten uns wieder zurück.“ Seit 2011 hat er Kontakt zu Steffen Pross. Bei der Lesung „Letzte Briefe“ seiner Großmutter und Tanten aus Auschwitz und Majdanek im PKC hatte er die Eröffnungsrede gehalten. „Mein Vater kritisierte niemanden wegen der Vergangenheit. Ich lebe seinen Geist weiter.“

Für Führungen wie diese durchforsten die Aktiven des Arbeitskreises Archive, Dokumente, rekonstruieren Biografien, sammeln Fakten, geben der Geschichte der Freudentaler Juden ihre Gesichter: Sidonie und Moritz Herrmann lebten in der Strombergstraße 11. Sie waren als letzte Juden Freudentals 1942 deportiert worden. Ihr Großneffe Dan Schockner war angereist. In derselben Hausgemeinschaft lebten Bertha und Kurt Sonnemann. Deren Enkel Eve und Toby lernten nun die Nachbarn ihrer Vorfahren kennen. Ebenso Thomas Lahusen. Zu Gast sind auch drei Schwestern: die Urenkelinnen von Ernestine Spatz.

Im Laufe der dreistündigen Führung erfuhren die 30 Teilnehmer Details über die Synagoge, den Sabbat, die Reichskristallnacht, die zerstörte jüdische Schule, den letzten Metzger, der koscher schlachtete, die Viehhändler, übers Zusammenleben von Juden und Christen in den vergangenen Jahrhunderten. Als Außenstehende, sagt Laura Weil, die ihren Mann begleitet: „Ich bin dennoch nah dran.“

VON INES FRANZKE
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