Ludwigsburg | 23. August 2017

Die grüne Internationale aus Hohenlohe

Catherine Kern ist in England, Holland, Südafrika und Öhringen zu Hause. Jetzt will sie in den Bundestag nach Berlin. Einen Anteil daran, dass Kern bei den Grünen gelandet ist, hat auch ein Schwarzer.

Catherine Kern lebt in ihrer Küche einen Kompromiss: Die Bundestagskandidatin und Flexitarierin kocht gerne vegan. Fleisch ist aber nicht tabu, wenn es aus artgerechter Haltung stammt. Foto: Ramona Theiss
Catherine Kern lebt in ihrer Küche einen Kompromiss: Die Bundestagskandidatin und Flexitarierin kocht gerne vegan. Fleisch ist aber nicht tabu, wenn es aus artgerechter Haltung stammt. Foto: Ramona Theiss

Kochen beginnt für Catherine Kern in ihrem Garten, in dem in diesen Tagen alles wächst, was man sich so vorstellen kann: Gurken, Zucchini, Tomaten, Zwiebeln, Rucola oder Weintrauben. Zwischen ihren Beinen picken Hühner im Boden. Unter die Hennen hat sich ungewollt auch ein Hahn gemischt, der ihr Küken beschert hat.

 

Catherine Kern, 55, lebt bewusst vom Land in den Mund. „Es nervt mich, wenn ich nicht weiß, wo Lebensmittel herkommen“, sagt sie. In ihrer Küche in Öhringen im Hohenlohekreis verarbeitet die Kandidatin die Ernte zu Balsamico-Zucchinis, orientalischen Burgern mit Couscous, Bohnen, Minze und Zwiebeln. Dazu serviert sie Reis und eine Erdnusssoße – alles vegan.

 

Der Kochstil ist die Antwort ihrer Familie, zu der auch ein Ehemann und drei erwachsene Kinder gehören, auf Allergien. „Wir haben uns genauer mit Ernährung auseinandergesetzt“, sagt sie. Besonders auf Milch zu verzichten, habe geholfen.

 

Wenn Kern kocht, ist immer auch Ministerpräsident Winfried Kretschmann mit dabei. Am Kühlschrank pappt ein Foto, das den Regierungschef mit ihr kurz nach seiner Machtübernahme in Schwäbisch Hall zeigt. Auf dem Bild ist auch der grüne Bundestagsabgeordnete Harald Ebner zu sehen, der seit 2011 für den Hohenlohekreis in Berlin ist – und das nach dem 24. September auch bleiben will. „Er leistet gute Arbeit im Bund“, sagt Kern. „Deshalb wäre es vermessen gewesen zu sagen, ich übernehme seinen Platz.“

 

Doch eine Bundestagskandidatur reizte sie trotzdem, zumal sie den Landtag vor anderthalb Jahren nur knapp verpasste. 0,9 Prozent fehlten ihr auf den CDU-Bewerber und das Direktmandat. Da passte es gut, dass die Grünen im Wahlkreis Neckar-Zaber einen Bundestagskandidaten suchten – und in der Nachbarschaft bei Catherine Kern im Hohenlohekreis fündig wurden. Ohne Gegenstimme hob die Partei die Öhringerin auf den Schild. „Sie ist als Person authentisch und als Politikerin versiert“, sagt etwa der Bottwartäler Grüne und Kreisrat Rainer Breimaier.

 

Zu neuen Ufern aufzubrechen, hat Kern, die Tochter eines englischen Seemanns und einer holländischen Mutter ist, noch selten Probleme bereitet. Sie wächst in Middlesbrough im Nordosten Englands auf, als sich ihr Vater entscheidet, mit der Familie nach Südafrika auszuwandern. Nach einigen Jahren geht es zurück auf die Insel in den Großraum Liverpool. Der Vater will am liebsten weiter in die USA ziehen. „Doch da hat meine Mutter nicht mitgemacht“, sagt Kern schmunzelnd.

 

Die Kandidatin beginnt ein BWL-Studium, das sie auch zu einem Sprachaufenthalt nach Reutlingen führt, wo sie ihren späteren Mann kennenlernt. „Wir haben drei schwäbisch-britische Kinder großgezogen“, sagt Kern. Den Nachwuchs zieht es ebenfalls in die Welt: nach Guatemala, Bolivien oder Italien. Die Betriebswirtin Kern macht sich derweil selbstständig und bietet Firmen Sprachkurse an.

 

Aus Öhringen über Neckar-Zaber nach Berlin könnte es für die Kandidatin mit dem britischen und deutschen Pass gehen, wenn die Grünen bei der Wahl im Südwesten 15 Prozent und mehr holen. „Dann wird es für mich interessant.“ Die Partei führt sie auf Landeslistenplatz 19, was sie ein wenig enttäuscht hat. „Aber der Konkurrenzkampf ist groß.“

 

Den Grünen tritt Kern 2011 bei. Das Land streitet gerade heftig über Stuttgart 21, die Zukunft der Atomkraftwerke und den EnBW-Deal des damaligen Ministerpräsidenten Stefan Mappus (CDU). Seine, vorsichtig formuliert, hemdsärmelige Art, „bringt für mich das Fass zum Überlaufen“. Bei den Grünen arbeitet sich Kern schnell zur Kreisvorsitzenden in Hohenlohe vor. Sie sagt über sich, dass sie gerne über Flächenverbrauch, Jagdgesetze, Glyphosat und die Energiewende streite. Auf dem Dach ihres Öhringer Hauses liegen Solarzellen. Wege in den Wahlkreis an Neckar und Zaber versucht sie, mit der Bahn und dem Rad zurückzulegen. Kern tritt für die Reaktivierung der Bottwartalbahn ein, zudem verlangt sie mehr Geld für Schulen und Kitas.

 

Zurück in ihrer Öhringer Küche, in der der Reis zum orientalischen Burger bereits auf dem Gasherd köchelt. Steaks, Hühnchen oder Lammkeulen sind hier übrigens nicht tabu. „Ich esse Fleisch“, gesteht Kern, „aber nur aus artgerechter Haltung und möglichst selten.“ Auch auf Milch in ihrem Tee will die Deutsch-Britin nicht mehr verzichten. Dazu reicht sie Victoria-Sponge-Kuchen – eine Biskuitmasse, in der Marmelade versteckt ist. In solchen Momenten keimen in Kern Hoffnungen, dass der Brexit vielleicht doch noch zu vermeiden ist. Die Kandidatin ist überzeugt: „Deutsche und Briten brauchen einander.“

Philipp Schneider
Weitere Artikel aus diesem Ressort
Anzeige
UMFRAGE
Handy im Auto

Wie halten Sie es mit der Handy-Nutzung im Auto? In meinem Auto benutze ich mein Handy....

Die schönsten Seiten des Kreises
Zeitschriftenvorteil