Ludwigsburg | 23. Juni 2017

Die schwierige Frage der Zusammengehörigkeit

Ein Wir-Gefühl ist etwas sehr Subjektives. So sind die Staaten Baden und Württemberg bis auf verbale Scharmützel bestens ineinandergeflossen. Jugoslawien wiederum ist in einem großen Krieg zerbrochen. Und die deutsche Nation kämpft heute noch um ihre klare Definition. In seinem Vortrag „Was ist eine Nation?“ ging Jürgen Lutz im PKC Ehemalige Synagoge Freudental auf die unterschiedlichen Begrifflichkeiten ein, die es heute gibt, wenn Menschen zusammengehören.

Zum einen gibt es da die Nation. Dabei geht es eher um Emotionalität. Als Religion und Latein ihren Einfluss verloren, bildete sich die Bezeichnung. Dies zumindest ist die Ansicht des 2015 verstorbenen Politikwissenschaftlers Benedict Anderson. „Hinzu kommen die Vorstellung von Zeit und das Bewusstsein, dass andere Nationen parallel zu einem selbst existieren“, so Lutz. Der Staat hingegen ist eher eine Form, die Regeln und Gesetze vorgibt. Sie ist weit weniger von Gefühlen geprägt. Die Nation hingegen ist eine Gemeinschaft von Gleichen, die auf ein bestimmtes Territorium begrenzt ist und politisch agiert.

Lutz brachte positive Beispiele wie die moderne Bundesrepublik oder Großbritannien. Andere Konstrukte waren historisch nur von kurzer Dauer. Während die Tschechoslowakei friedlich auseinanderging, versank Jugoslawien im Krieg. Heute, so Lutz, gebe es sogar Bestrebungen, die Sprache Serbokroatisch zu trennen. Linguisten arbeiteten daran, dass auf der einen Seite das Kroatische und auf der anderen das Serbische als Destillate herausgearbeitet werde. So tief sei der Graben zwischen den beiden Gruppen, die sich auseinandergelebt hätten. Hier ging er wiederum auf den Begriff des Volks ein, den wohl umstrittensten. „Gerade wir Deutschen haben eine schlechte Erfahrung damit gemacht im Zweiten Weltkrieg“, sagte er. Allerdings wollte er in der Ehemaligen Synagoge nicht auf die Thematik eingehen, weil dort größere Experten säßen als er. Er blieb lieber auf der übergeordneten und theoretischen Warte. So sei die erste deutsche Nation 1871 unter Bismarck entstanden und von oben angeordnet worden. In Frankreich kam die Inspiration durch die Menschen und war damit freiheitlicher.

193 Nationen zählt die UN heute, hinzu kommen 13 Länder, die nicht anerkannt sind. 1950 waren es noch 91 Nationen. Lutz: „Der Trend geht nach oben“. Dabei sei das Streben, eine eigene Nation zu werden, und der europäische Gedanke durchaus vereinbar. Die Flamen in Belgien würden zwar gerne auf ihren Staat zusammen mit den französischsprachigen Wallonen verzichten. Aber Europa sähen sie als wichtige Institution an. Ähnlich sei es bei den Schotten. Diese streben nach dem Brexit nun ein neues Referendum zur Trennung von Großbritannien an. Nur so könnten sie als eigene Nation in der EU verbleiben. Für die EU selbst müsse eine eigene Öffentlichkeit mit gemeinsamen Medien geschaffen werden. „Erst dann kann ein Nationalgefühl entstehen“, so Lutz.

Tobias Bumm
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