Ludwigsburg | 19. September 2017

Eine Brücke in die Gegenwart

Freudental. Passender hätte das Ambiente für das Konzert der Gruppe Kleztett am Sonntagabend in Freudental nicht sein können. Im Pädagogisch-Kulturellen Centrum, der ehemaligen Synagoge Freudental, spielten die sechs Musiker um die Klarinettistin Elisabeth Brose anlässlich des Europäischen Tags der jüdischen Kultur Klezmer, jene Stilrichtung also, die eng mit der jüdischen Tradition verknüpft ist und deren Ursprünge bis ins 15. Jahrhundert zurückreichen. In den 1970ern lebte Klezmer vor allem in den USA, aber auch in Europa wieder auf und wird heute von vielen Ensembles gespielt.

Seelenzustände: Das Kleztett in Freudental.Foto: Holm Wolschendorf
Seelenzustände: Das Kleztett in Freudental.Foto: Holm Wolschendorf

„Wir möchten einerseits das traditionelle Liedgut bewahren, aber mit modernen Interpretationen und Eigenkompositionen anreichern“, sagt Elisabeth Brose, die Kleztett gegründet hat. Sie hat schon im zarten Alter von sechs Jahren gewusst, dass sie Klezmermusik spielen will, als sie die Musik bei einem Konzert zum ersten Mal hörte. Mit neun Jahren fing sie an, Klarinette zu lernen. Zusammen mit ihrer Mutter Irmgard Brose, die Violoncello spielt, besuchte sie vor rund zehn Jahren einen Workshop des renommierten Klezmermusikers und Komponisten Helmut Eisel und lernte dort die fünf anderen Mitglieder von Kleztett kennen.

Werner Dürr (Violine, Viola), Walter Kämmer (Bassklarinette, Flöte), Herma Paul (Piano) und Hellmar Weber (Saxofon, Klarinette) bekennen, sofort von der Klezmermusik ergriffen worden zu sein, als sie sie zum ersten Mal hörten. Mit welcher Inbrunst sie diese Musik leben und zu Gehör bringen, zeigen sie in Freudental eindrucksvoll.

Juchzen und Schluchzen

Gleich zum Auftakt reißt Kleztett die Zuhörer mit dem traditionellen „Bulgar Freilach“ und dem „Odessa Bulgar“ fast von den Stühlen. Es darf getanzt werden, hätte als Aufruf in den vollbesetzten Saal bei vielen Stücken gut gepasst. Die miteinander in ein musikalisches Zwiegespräch tretenden Klarinetten, zu denen sich die Geige und das Saxofon gesellen, zaubern die unterschiedlichsten Stimmungen und scheinen förmlich zu juchzen oder zu schluchzen. Besonders konträr in dem Stück „Naftules Nigun und Ursulas Freilach“ von Helmut Eisel, in dem erst meditativ zu Naftules Seelenzustand musiziert wird, um dann feurig und unberechenbar bei Ursulas Freilach aufzuspielen. Elisabeth Brose gelingt es in ihren Eigenkompositionen wie „Mittnacht-straße“ und „Der Versuch, einen Pudding an die Wand zu nageln“ die Brücke in die Gegenwart zu schlagen, ohne die Tradition ganz hinter sich zu lassen. Die Faszination, die Klezmer ausmacht, bleibt die Basis und lebt bei Kleztett in vielen Facetten weiter.

Cornelia Wesemann
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