Ludwigsburg | 10. Januar 2017

Songs aus dem großen Buch des Lebens

Ludwigsburg. Es hat diesem für die Popmusik so schonungslosen, verheerend wütenden Jahr 2016 vollends die Dornenkrone aufgesetzt, als vor fünf Wochen Leonard Cohen gestorben ist. Verständlich daher, dass sich Pascal Fetzer, der Programmverantwortliche für Die Fetzerei im Kronekeller, vor Beginn zum Mikro herunterbeugte und darauf hinwies, dass der Auftritt des Leonard Cohen Projects (LCP) bereits vor dem Ableben des kanadischen Singer/Songwriters angekündigt wurde.

Zollen dem Fixstern Tribut: Thomas Schmolz, Jürgen Gutmann und Manuel Dempfle (von links) vom Leonard Cohen Project.
Zollen dem Fixstern Tribut: Thomas Schmolz, Jürgen Gutmann und Manuel Dempfle (von links) vom Leonard Cohen Project.
Foto: Benjamin Stollenberg

Seit 2013 bilden Jürgen Gutmann, Manuel Dempfle und Thomas Schmolz das Trio. Ursprünglich für einen einmaligen Auftritt in Rudolstadt gegründet, entwickelte sich daraus rasch eine feste Formation mit einer Vielzahl von Konzerten quer durchs Land, die auch beim diesjährigen Straßenmusikfestival und dem Nelson-Mandela-Gedächtniskonzert im Scala hervorragend aufgenommen wurden.

Auch die Tickets für ihr Konzert im Kronekeller waren bereits seit Wochen ausverkauft. Das Repertoire von LCP konzentriert sich auf die frühen Jahre des Jahrhundert-Songwriters. In zwei Sets ließen die Musiker nicht nur nahezu alle großen Cohen-Hits dieser Periode in eigenen, respektvoll ergänzten mehrstimmigen Arrangements wiederaufleben, eine Blütenlese seiner ersten vier Alben, in der man allenfalls „Avalanche“ vermissen mochte, sondern brachten einem auch den Menschen und Schriftsteller Cohen nahe.

Dafür ließ Gutmann, der als Leadsänger mit dem nötigen, und jetzt doppelt gebotenen Ernst überzeugte, ohne jedoch manieriert zu wirken oder sich gar an einem Mimikry des dunklen Samts zu versuchen, mit der Cohens Stimme einen umhüllen konnte wie eine Decke, immer wieder einige Rezitationen von Gedichten und Songtexten, im Original oder in deutscher Übersetzung, sowie dazugehörige biografische Details in seine Moderationen einfließen. In der Kontroverse von Glauben und Zweifel identifizierten sie eines seiner zentralen Themen: Die Theodizee angesichts des Holocausts sei zeitlebens eine der Fragen gewesen, die den orthodox jüdisch erzogenen Cohen umgetrieben habe. Während der Ludwigsburger Gutmann auf den Nylonsaiten den Notentext erfüllte, umspielten seine Mitstreiter die ikonischen Songs mit zartem Harmoniegeflecht und Soli, für die Dempfle aus Bittenfeld, der auch im Satzgesang mit Gutmann Eindruck hinterließ, in die Stahlsaiten griff. Der Kornwestheimer Thomas Schmolz setzte in glänzendem Fingerstyle-Picking mal markante, mal bluesige Akzente.

Ob „So Long Marianne“, „Famous Blue Raincoat“, „Joan of Arc“ oder „Who By Fire“ – ihre Interpretationen sind genauso berührend wie ihre Anmerkungen treffend. Abgerundet wurde die Hommage durch „The Sound Of Silence“ und „Scarborough Fair“ von Simon & Garfunkel und Bob Dylans „You Belong To Me“. Mit „Hallelujah“ verabschiedete sich ein Tribute-Projekt, das weit mehr zu bieten hat als die meisten Coverbands: Nachdem sich einer der größten Poeten des 20. Jahrhunderts aus dem Buch des Lebens ausgetragen hat, zollen LCP ihrem Namenspatron, einem Fixstern am Firmament der Popmusik, wahrhaftig Tribut. Hochachtungsvoll.

Harry Schmidt
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