25. Juli 2017

Staatsanwalt fordert fünfeinhalb Jahre Haft

Von einem minder schweren Fall wird vor Gericht gesprochen, wenn im Affekt gehandelt wurde. Dies galt es im Fall der 30-Jährigen vor dem Landgericht Heilbronn zu klären. „Es war ein ungewöhnliches Verfahren, in dem wir viel gehört und gesprochen haben über die Lebensumstände der Angeklagten“, sagte der Staatsanwalt in seinem Plädoyer. Es gehe um ein Neugeborenes, dem „kurz nach der Geburt das Leben genommen wurde“, betonte er. Er rechnete der Angeklagten an, dass sie ein Geständnis ablegte, und glaubt ihr, dass sie die Schwangerschaft verheimlichen wollte aus Angst um ihre Existenz. Aus Angst, das Kind könnte schreien, habe sie Nase und Mund mit einem Tuch zugedrückt, dabei in Kauf nehmend, dass das Kind stirbt. Der Leichnam des Babys sei voll ausgebildet gewesen, es habe laut Rechtsmedizin fünf bis 30 Minuten gelebt.

Als Milderungsgrund käme nur eine verminderte Schuldfähigkeit in Frage. „Die liegt aber nicht vor“, sagte der Staatsanwalt. Es liege keine Bewusstseinsstörung vor. Nach der Tat habe die Frau zwar eine leichte bis mittelschwere Depression gehabt, aber zum Zeitpunkt der Tat gebe es hierfür keine Anhaltspunkte, da sich die Angeklagte dazu nicht äußerte. Auch der Lebenspartner habe zuvor keine Verstimmung bemerkt. Zudem habe sie „Sex gegen Taschengeld“ gehabt und sei bis kurz vor der Tat in Kontakt mit Männern gestanden. Für eine besondere Belastung durch die Geburt gebe es ebenfalls keine Anhaltspunkte, da es ihre dritte Geburt gewesen sei. Man könne aber von Leichtfertigkeit reden. „Sie spielte, wie es der Psychiater formulierte, russisches Roulette, da sie nicht wusste, wann das Kind zur Welt kommt. Sie lief sehenden Auges in die Situation, dass das Kind schreit und andere es hören. Das hätte man anders lösen können“, fand der Staatsanwalt.

Als strafmildernd wertete er das Geständnis und die Frage nach dem Sorgerecht für ihre beiden Kinder. Die 30-Jährige habe Reue gezeigt, müsse die Schuld ihr Leben lang mit sich tragen. Dennoch habe es sich um ein neugeborenes Kind gehandelt, und eine Mutter müsse für ihre Kinder sorgen. Im Strafrahmen des Totschlags (fünf bis 15 Jahre) forderte er fünf Jahre und sechs Monate Haft.

Der Anwalt der Steinheimerin betonte im Plädoyer, dass seine Mandantin eine Erklärung abgegeben habe und auch auf die Gründe für die Tat eingegangen sei, auch sei das Gericht mit ihr ins Gespräch gekommen. „Sicherlich wäre es wünschenswert gewesen, wenn sie mehr gesagt hätte, mehr war ihr aber nicht möglich. Sie wird lange Zeit nicht darüber sprechen können“, sagte der Anwalt. Ihr sei bewusst gewesen, dass in der Verhandlung ihr Leben zur Sprache kommt, aber „sie konnte nichts sagen“. Die Zweifel des Staatsanwaltes seien wohl in der Ambivalenz ihres Verhaltens kurz vor der Tat zu suchen. Die Männerbesuche und Handynachrichten passten nicht zu den Depressionsindizien. „Der Nebenerwerb war aber nicht zum Spaß, es war ein Geschäft wie einkaufen, und das machte sie so weiter, als wäre nichts, bis es nicht mehr ging.“ Der Verdrängungsmechanismus habe sich durch die Schwangerschaft gezogen, Alkohol getrunken habe sie nur, um die Schwangerschaft zu vertuschen. Ihren neuen Job in einer Metzgerei hätte sie im März antreten können, da sie plante, das Kind in einer Babyklappe abzugeben. „Das hatte sie auch ohne anwaltliche Beratung bereits bei ihrer ersten Vernehmung gesagt.“ Sie sei von den Zeugen als fürsorglich beschrieben worden, weshalb man von einer spontanen, Handlung sprechen könne. Am „russischen Roulette“ angesichts des Geburtstermins lasse sich der Dilettantismus erkennen. Aus Existenzangst habe sie den Tötungsbeschluss gefasst.

Die Angeklagte hatte das letze Wort: „Es tut mir leid, dass das passiert ist. Ich möchte meine Familie um Entschuldigung bitten, dass ich ihnen Sorgen gemacht habe. Es tut mir wirklich leid.“ Das Urteil wird am Mittwoch verkündet.

patricia Rapp
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