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Abschluss mit Corona-Stempel?

In etwa zwei Wochen beginnen die schriftlichen Abiturprüfungen. An Gymnasien im Kreis laufen die Vorbereitungen laut zwei Schulleitungen gut. Das Kultusministerium will die erschwerten Lernbedingungen in der Pandemie mit kleinen Maßnahmen ausgleichen, zu denen es unterschiedliche Meinungen gibt.

Das Lernen unter Pandemiebedingungen ist an sich schon eine Prüfung. Foto: Drazen/stock.adobe.com
Das Lernen unter Pandemiebedingungen ist an sich schon eine Prüfung. Foto: Drazen/stock.adobe.com

Kreis Ludwigsburg. Beim Blick aus seinem Fenster sieht der Leiter des Friedrich-List-Gymnasiums in Asperg, Jürgen Stolle, wie einige Abiturienten in Verkleidung Fotos für ihre Abizeitung machen. Beinahe das Einzige, was an die aufregende Abschlusszeit früherer Jahrgänge erinnert. Während der Schulleiter im Gespräch den Wegfall des üblichen Rahmenprogramms bedauert, zeigt er sich in Sachen Prüfungsvorbereitung zufrieden: „Das meiste ist erledigt.“ Nun gehe es vor allem noch darum, das Gelernte zu festigen und zu vertiefen. Während im vergangenen Jahr erst im Lockdown entschieden worden sei, dass das Abitur in den Mai verschoben wird, habe man diesmal besser planen können. Auch hätten die Abiturienten im Gegensatz zu denen des Vorjahres Unterricht in allen Fächern erhalten, nicht nur in den für die Prüfungen relevanten.

Weil den Schülern durch die Coronazeit möglichst keine Nachteile entstehen sollen, hat das baden-württembergische Kultusministerium Mitte Februar die Prüfungsvorgaben angepasst. So gibt es bei den schriftlichen Prüfungen 30 Minuten mehr Bearbeitungszeit. An allgemeinbildenden Schulen haben die Lehrer in allen Fächern eine größere Vorauswahl an Aufgaben, um diese möglichst am durchgenommenen Stoff auszurichten. Wie im vergangenen Jahr können die Schüler wieder selbst entscheiden, ob sie zum Haupttermin vom 4. bis 21. Mai oder zum Nachtermin einen Monat später schreiben.

„Diese Maßnahmen sind sicherlich sinnvoll“, sagt Schulleiter Jürgen Stolle. Die zusätzliche Bearbeitungszeit ist aus seiner Sicht schon deshalb notwendig, weil diesmal beim Abitur Maskenpflicht gilt: „Die kann man nicht einfach absetzen, egal wofür.“ Auch um etwas zu essen oder einen Schluck zu trinken, müssen die Schüler den Raum verlassen. Befürchtungen, dass die Noten aus den Coronajahren wegen des Entgegenkommens als weniger wertvoll angesehen werden könnten, sozusagen einen Corona-Stempel haben, hält er mittelfristig für völlig unberechtigt: „Wo guckt man denn ganz genau darauf, in welchem Jahr Abitur gemacht wurde?“ Weder sei der Bildungsplan reduziert, noch das Niveau gesenkt worden. Intellektuell müssten die Schüler das Gleiche leisten – und seien dazu auch in der Lage.

Einen Strich durch die Rechnung könnte den Abiturienten noch eine Quarantänesituation machen. Um das zu verhindern, haben sie in den kommenden beiden Wochen nur noch Online-Unterricht. Ob der Haupt- oder Nachtermin bevorzugt wird, konnte der Asperger Schulleiter zum Zeitpunkt des Gesprächs noch nicht sagen. Doch wenn er selbst Schüler wäre, würde er das Ganze so schnell wie möglich hinter sich bringen wollen. Denn falls jemand den Nachtermin nicht wahrnehmen könne, gebe es einen Nach-Nachtermin erst im September: „Das Risiko wird wohl niemand eingehen.“

Auch am Hans-Grüninger-Gymnasium in Markgröningen gibt es für die Abiturienten in den kommenden zwei Wochen nur noch Fernunterricht. Seit Ende Februar wurden sie dafür bis auf Sport vollständig in Präsenz unterrichtet. „Die Abiturientinnen und Abiturienten möchten dringend zum Haupttermin schreiben“, sagt Schulleiterin Karin Kirmse. Inzwischen sei durch fortgeschrittene Digitalisierung ein dem Präsenzunterricht gleichwertiger Fernunterricht möglich. Alle Beteiligten hätten im Vergleich zum Vorjahr mehr Routine bei der Anpassung an die aktuelle Lage. „Die Dauer der Unsicherheit und ständigen Neuerungen zehrt jedoch an den Kraftreserven“, so die Schulleiterin.

Die Maßnahmen des Kultusministeriums tragen nach ihrer Einschätzung zur Beruhigung der Schülerinnen und Schüler sowie deren Elternhäuser bei. An sich hält sie sie jedoch nicht für notwendig, da die Vorbereitung wie gehabt fundiert und die Schüler fleißig seien. Sie hätten sogar deutlich mehr Unterricht gehabt als frühere Jahrgänge, da alle Veranstaltungen wie die Studienfahrt oder Fachexkursionen ausgefallen seien. „Aus Sicht der Schulleitung sind bei diesem Jahrgang beim Unterricht und Lernfortschritt keinerlei Abstriche zu machen“, ist Karin Kirmse überzeugt. „Der Corona-Stempel wird von der Öffentlichkeit aufgedrückt.“

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