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Angst um das Leben der Angehörigen

Drei Männer, die im nördlichen Landkreis wohnen, wollen reden. Über die aktuelle Lage in Afghanistan, über den Einmarsch der Taliban in ihrem ehemaligen Heimatland, über ihre Angehörigen. So furchtlos sich die Männer geben, so sehr ist ihnen die Angst an ihren Augen abzulesen, damit ihre Familien und sich selbst in Gefahr zu bringen.

Nachdenklich und angstvoll blickt der 31-Jährige in die Zukunft. Was mit seiner Familie in Afghanistan und im Iran geschieht, weiß er momentan nicht.Foto: Andreas Becker
Nachdenklich und angstvoll blickt der 31-Jährige in die Zukunft. Was mit seiner Familie in Afghanistan und im Iran geschieht, weiß er momentan nicht. Foto: Andreas Becker

Besigheim. Bei aller Unterschiedlichkeit ihrer Lebensläufe, eines haben die drei jungen Männer gemeinsam: Sie sind aus Afghanistan geflüchtet und über Umwege nach Deutschland gekommen. Hier fühlen sie sich sicher. Hier wollen sie weiter die deutsche Sprache erlernen, sich integrieren, arbeiten und sich ein neues Leben aufbauen. Die drei Männer wollen aber auch ihre Familienmitglieder aus dem Land herausholen, in dem der Abzug westlicher Soldaten zu einem Desaster geworden ist und wo mit der Machtergreifung der Taliban am 15. August Terror und Todesangst an der Tagesordnung stehen.

Die Taliban seien nie ganz weg gewesen, erzählt einer der jungen Männer. „Sie haben sich versteckt, teilweise in den Bergen. Dort haben sie einfach nur den Zeitpunkt abgewartet, an dem sie sich das Land zurückerobern können.“ Die Mitglieder dieser militant-islamistischen Gruppe hätten in den Grenzgebieten „immer mal wieder Menschen umgebracht, auch als die Amerikaner in Afghanistan waren“. Die wiederum hätten sich hauptsächlich auf die Städte wie Kabul, Herat und Kandahar konzentriert. In den westlichen Medien seien solche „kleinen Zwischenfälle kaum erwähnt worden“, berichtet der Mann, der sich im Alter von 15 Jahren illegal nach Pakistan abgesetzt hatte. Seine Papiere habe er zurücklassen müssen, erzählt er. Warum? Es hätte schnell gehen müssen, deswegen habe er keine Zeit mehr gehabt, sie zu holen, gibt er an.

Dieser Umstand mache es ihm nun in Deutschland schwer, Arbeit zu finden. „Ohne gültigen Pass kann ich nicht arbeiten, ohne Arbeit verdiene ich kein Geld, ohne Geld kann ich mir nichts kaufen“, zählt er auf. Zurück nach Afghanistan könne er unter keinen Umständen. „Lebend würde ich nicht mehr herauskommen.“ Immer wieder habe er entsprechende Anträge beim Landratsamt Ludwigsburg gestellt, schildert der 22-Jährige seine Lage. Doch den Mitarbeitern der Kreisbehörde sind aufgrund der Gesetzeslage die Hände gebunden: Der junge Mann bekommt keine Aufenthaltsgenehmigung, sondern ist in Deutschland nur geduldet. Ja, es sei ein Teufelskreis, in dem er sich bewege, bestätigt er. „Wenn ich Arbeit hätte, würde ich auch auf andere Gedanken kommen“, betont er, denn nachts könne er oft nicht schlafen, weil er Angst hätte. „Ich bekomme schon graue Haare.“ Vor gut einer Woche hätte er zum letzten Mal mit seiner Mutter telefoniert. Sie habe ihn gebeten, seine beiden jüngeren Brüder nach Deutschland zu holen, damit sie in Sicherheit sind. „Aber wie sollen wir das anstellen?“, fragt der junge Mann verzweifelt. Tränen steigen in seine Augen.

Sein 31-jähriger Landsmann nickt. In seiner alten Heimat hat er bei der Polizei gearbeitet. Er habe mit ansehen müssen, wie Mitglieder der Taliban Menschen umgebracht hätten. „2014 war das“, beschreibt er die damalige Lage. Ein Jahr später sei sein Vater ermordet worden. Warum? Das möchte der Mann nicht in der Zeitung lesen, ebenfalls aus Angst, dass seiner Familie etwas zustoßen könnte. „Meine Mutter, meine Schwester und meine beiden Brüder warten momentan auf dem Flughafen in Kabul, dass sie ausreisen können. Sie dürfen aber nicht.“ Den Grund dafür kennt er nicht. Ihm bleibt bislang nur die Hoffnung, dass sie lebend aus seiner ehemaligen Heimat herauskommen.

Die Taliban seien überall, meinen die Männer, „auch hier“. In vielen Teilen Afghanistans trauten sich die Menschen aus Angst nicht aus dem Haus, bestätigen sie westliche Meldungen. Als besonders gefährdet gelten diejenigen, die als Ortskräfte für ausländisches Militär oder andere Organisationen gearbeitet haben. Angehörige der Taliban sollen derzeit von Haus zu Haus gehen und nach diesen Personen suchen, die in ihren Augen „Verräter“ sind. Menschenrechtsorganisationen berichten von gezielten Hinrichtungen. Die Männer nicken. „Wir sind aber keine Mörder. Im Koran steht nirgends geschrieben, dass wir Menschen töten sollen.“

Er haderte mit seinem muslimischen Glauben, weswegen er vor rund sechs Jahren zum christlichen Glauben konvertierte, schildert der dritte Mann seine Situation im Gespräch mit unserer Zeitung. Wann er genau geboren wurde, weiß er nicht genau. Er gibt 1989 an, seine Mutter meint zwei Jahre früher. Sie lebt seit Jahren mit seinem jüngeren Bruder in der iranischen Hauptstadt Teheran.

In der vergangenen Woche habe er das letzte Mal mit ihr telefoniert. Am liebsten würde er sie nach Deutschland holen, aber das „geht nicht, weil meine Mama keine Ausweispapiere hat und gesundheitlich angeschlagen ist. Sie hat Angst um mich“, erzählt der 31-Jährige. Ob es nicht gefährlich sei, mit den Familienangehörigen Kontakt aufzunehmen? Doch, bestätigt der Mann, „aber ich möchte ab und zu ihre Stimme hören. Sie hat immer zu mir gehalten und mich geschützt“.

Als die „Amerikaner vor 20 Jahren in Afghanistan einmarschiert sind“, habe es kleine Freiheiten gegeben, erzählt der 31-Jährige. Kinder hätten zur Schule und Frauen zur Arbeit gehen können. Nun habe er erfahren, dass die Taliban beispielsweise die zwölfjährige Tochter einfach mitgenommen hätten. Ihre Eltern hätten geschrien, aber die Männer hatten ihre Waffen gezeigt und gemeint, „wenn ihr weiter so laut seid, erschießen wir euch“. Das Mädchen sei nun in Pakistan, habe er erfahren. Offiziell würden die Mitglieder der Taliban diese Vorfälle abstreiten. Sie hätten zugesichert, dass Afghanen auch nach dem amerikanischen Truppenabzug das Land verlassen dürfen. „Das glaube ich nicht“, meint der 31-Jährige. Viele werden bestraft. „Die Leute haben Angst. Die Taliban sind schlimmer als das Coronavirus.“ Die Menschen bespitzelten sich gegenseitig. „Mein Land ist am Boden.“

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