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Arbeitsplätze statt Acker

Die Gemeinde Schwieberdingen sichert sich ein Vorkaufsrecht für mögliche Porsche-Flächen. Der Blick der Region richtet sich unterdessen auch in den Nordkreis, wo an der A81 ein größeres Gewerbegebiet entstehen könnte. Der Ausgang ist in beiden Fällen offen.

Gewerbegebiet Schwieberdingen. Foto: Holm Wolschendorf
Gewerbegebiet Schwieberdingen. Foto: Holm Wolschendorf

Kreis Ludwigsburg. Als klar wird, dass die Äcker zwischen dem Entwicklungszentrum des Automobilzulieferers Bosch und der Schnellfahrtrasse der Bahn zu regionalen Gewerbeflächen werden sollen, zieht Goldgräberstimmung in Schwieberdingen ein. Zumal ja auch ein weiterer Weltkonzern sein Interesse an dem Areal kundgetan hat: der Sportwagenhersteller Porsche, der von Schwieberdingen aus die Produktion seines ersten reinen E-Autos, des Taycan, in Zuffenhausen unterstützen will. Die Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) sagte am Donnerstag auf einer Stippvisite in der Gemeinde: „Schwieberdingen schafft optimale Bedingungen für Unternehmen.“

Doch das Strohgäu ist nicht Klondike – und so hat sich die Kommune am Mittwochabend ein Vorkaufsrecht für die Flurstücke gesichert, die zusammen auf mehr als 20 Hektar kommen (Foto). Der Beigeordnete Manfred Müller sprach im Gemeinderat von einer „vorausschauenden Bodenpolitik“. Er räumte aber auch ein, dass das Vorkaufsrecht helfen soll, „Wucherpreisen Einhalt zu gebieten“.

Müller und der Bürgermeister Nico Lauxmann wollen nun im Dezember in die Grundstücksverhandlungen eintreten – sie haben es mit mehr als 100 Eigentümern zu tun. Bis April soll klar sein, wer zwischen Bosch und der Schnellfahrtrasse bereit ist, zu verkaufen und wer nicht. Ein Ampelsystem, das der Partner Kommunalentwicklung für die Gemeinde erstellen wird, soll das illustrieren.

Danach kommt es in Schwieberdingen, fast zwei Jahre nach einem erfolgreichen Bürgerentscheid, im Gemeinderat nochmals zum Schwur: Ob das Gewerbegebiet, das der Stuttgarter Regionalverband neben drei anderen Flächen im Kreis als Schwerpunkt ausweist, umgesetzt werden kann – und ob Porsche damit Aussicht auf rund 15 Hektar hat, um in Schwieberdingen ein Industriequartier mit Hunderten neuer Jobs aufzubauen.

„Wir sind in ständigem Kontakt mit der Region“, sagt der Schwieberdinger Bürgermeister Lauxmann. „Man hat uns gesagt, dass wir auf einem guten Weg sind.“ Allerdings habe die Pandemie die Pläne um etwa vier Monate verzögert.

Deshalb richtet sich der Blick des Stuttgarter Regionalverbandes auch in den Nordkreis – auf eine bis zu 35 Hektar große Fläche an der Mundelsheimer Autobahnausfahrt. Ins Spiel haben das Areal die Freien Wähler gebracht, nachdem sie laut dem Remsecker Regionalrat Karl-Heinz Balzer positive Signale aus der Raumschaft empfangen haben. Praktisch ist dabei, dass die Mundelsheimer und Großbottwarer Rathauschefs Boris Seitz und Ralf Zimmermann mit Balzer in einer Fraktion im Ludwigsburger Kreistag sitzen.

Viel zu sagen hat das noch nicht. Beschlüsse aus ihren Gemeinderäten stehen aktuell aus. Das Votum der Kommunalparlamente ist von entscheidender Bedeutung. Vor fünf Jahren nahm die Region auch eine rund 17 Hektar große Fläche zwischen Bissingen und Tamm in den Regionalplan auf, doch dann wandte sich der Bietigheim-Bissinger Rat gegen das Projekt. „Diesen Fehler machen wir nicht noch mal“, sagt der regionale Planungsdirektor Thomas Kiwitt unserer Zeitung.

Soll heißen: Bevor ein Gewerbeschwerpunkt in Mundelsheim heißer wird, will der Verband abklopfen, ob die beteiligten Kommunen auch wirklich zusammenkommen und sich zu dem Vorhaben bekennen. „Es gibt gute Gründe für dieses Projekt“, sagt Kiwitt. Der Industriestandort Stuttgart brauche große Areale in der Region, um sich weiterzuentwickeln. „Die Nachfrage ist höher als das Angebot.“ Die Lage unmittelbar an der Autobahn sei zudem ideal.

Es gibt allerdings auch plausible Argumente gegen einen Gewerbeschwerpunkt in Mundelsheim. Die benötigten Flächen werden wie in Schwieberdingen landwirtschaftlich genutzt und liegen in einem Grünzug, der nicht bebaut werden darf. Eine Änderung des Regionalplans wäre also nötig. Dagegen macht bereits der BUND mobil – wie einst in Schwieberdingen.

„Wir erleben in der Regionalplanung einen Paradigmenwechsel“, sagt Kiwitt. Für viele Menschen stehen neue Arbeitsplätze nicht mehr an erster Stelle. Landwirte behalten ihre Fläche lieber, Bürger organisieren den Protest. Die Ministerin Hoffmeister-Kraut sagte am Donnerstag in Schwieberdingen: „Eine erfolgreiche Entwicklung regionaler Gewerbeschwerpunkte kann aber nur gelingen, wenn es eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Bürgern, Kommunen, Grundstückseigentümern und Unternehmen gibt.“

Wie es an der A81 in Mundelsheim weitergeht, entscheidet sich am 9. Dezember in der Regionalversammlung in Stuttgart. Es gilt als wahrscheinlich, dass eine politische Mehrheit den Verband beauftragen wird, in die vertiefte Planung einzusteigen. Allzu große Erwartungen bremst Kiwitt allerdings aus: „In Mundelsheim ist noch ein langer Weg zu gehen.“

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