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Bessere Auszahlungen für Wengerter

Wechsel an der Spitze der größten Weingärtnergenossenschaft im Landkreis: Joachim Kölz, bisheriger Bürgermeister von Bietigheim-Bissingen, tritt am 1. Februar sein neues Amt als Vorstandsvorsitzender der Felsengartenkellerei Besigheim an. Sein Vorgänger Dr. Götz Reustle ist zum Jahresende in den Ruhestand gegangen. Mit unserer Zeitung spricht Kölz über den internationalen Wettbewerb und die Parallelen zwischen Verwaltungs- und Kellereiarbeit.

Joachim Kölz. Foto: Alfred Drossel
Joachim Kölz. Foto: Alfred Drossel

Besigheim/Hessigheim. Herr Kölz, sind Sie Weinliebhaber? Und wenn ja, welche Weine bevorzugen Sie?

Joachim Kölz: In der Tat bin ich schon seit vielen Jahren passionierter Weinkenner und -liebhaber. Persönlich bevorzuge ich trockene Weiß- und Rotweine, am liebsten Riesling und Spätburgunder oder eine kräftige rote Cuvée.

Welche Beziehung hatten Sie bisher zum Weinbau und den Wengertern in der Region?

Das Thema Erhalt unserer Steillagen in Bietigheim-Bissingen stand auch bisher schon auf meiner To-do-Liste, ebenso die Aufrechterhaltung des Kelterbetriebs in Bietigheim, wo ja seit Jahrhunderten unsere Wengerter mit professioneller Hilfe ihren Wein ausbauen können. Und nicht zuletzt ist die Stadt Bietigheim-Bissingen Mitglied bei der Felsengartenkellerei, weshalb mir die Genossenschaft auch schon recht gut bekannt ist. Einige unserer regionalen Wengerter sind auch, so wie ich, engagiert beim Club der Freunde des Weins in unserer Stadt, von wo ich einige Eindrücke zum Thema mitnehmen kann.

Sehen Sie Steillagen als sportliche Herausforderung oder als Markenzeichen des heimischen Weins?

Sie sind beides: Unsere Stellagen sind ein prägendes Element unserer Kulturlandschaft, das wir, so weit das irgend möglich ist, erhalten müssen.

Gleichzeitig sind die Steillagen aber auch eine Herausforderung: Die Weinproduktion dort ist zeit- und geldaufwendig – und es wird deshalb in den nächsten Jahren gute Konzepte für ihren Erhalt brauchen. Ich denke da beispielsweise an pilzwiderstandsfähige Sorten, den Pflanzenschutz mittels Drohnen oder die Einbeziehung der Kommunen zum gemeinsamen Erhalt dieser einzigartigen Landschaft.

Was reizt Sie, eine Aufgabe in einem sicher klimatisierten Rathaus mit einer Tätigkeit, die von der Witterung und dem internationalen Weinmarkt stark beeinflusst ist, zu tauschen?

Sie täuschen sich: Mein Büro war in den letzten fast zwölf Jahren nie klimatisiert – und auch bei den Kommunen weht ein rauer Wind. Gerade im letzten Jahr war wegen der Coronapandemie das Arbeiten im Rathaus oft eine einzige Krisenbewältigung. Dass auch die Weingärtnergenossenschaften in einem harten internationalen Wettbewerb stecken, ist mir klar. Aber diese Herausforderung anzunehmen, hat mich gereizt. Und ich habe die Mitglieder in den Gremien der Genossenschaft alle schon kennenlernen können und weiß, dass wir da an einem Strang ziehen, um den guten Ruf unserer Kellerei zu halten und im Markt weiter eine führende Rolle zu spielen!

Ist es nicht ein ungewöhnlicher Wechsel eines Nicht-Weinfachmannes in eine Branche, die sich im Umbruch befindet?

Auch wenn ich nicht unmittelbar aus dem Weinfach komme, sind es doch oftmals ganz vergleichbare Tätigkeiten zu meinem jetzigen beruflichen Bereich: der sparsame Umgang mit den Finanzen, der permanente Veränderungsprozess, die Diskussionen mit Bürgern und Genossenschaftsmitgliedern, die Arbeit mit Menschen, mit den Gremien. Das alles ist vergleichbar. Und das alles sind Dinge, die ich mit großer Freude anpacke, egal ob jetzt bei einer Weingärtnergenossenschaft oder bisher bei einer Stadtverwaltung oder einem städtischen Betrieb wie den Stadtwerken.

Ist Ihre neue Aufgabe für Sie dennoch eine große berufliche Umstellung?

Ganz sicher wird es eine große Umstellung sein – aber auf diese Herausforderung freue ich mich! Die Unterschiede liegen sicher vor allem im Produkt, um das es geht: Weinbau und Stadtverwaltung sind zwei verschiedene Paar Schuhe – und meinen weinbaulichen Fach- und Sachverstand muss und werde ich nun schnell vertiefen müssen.

Was wird Ihnen fehlen, wenn Sie in Hessigheim sind?

Fehlen werden mir vor allem die vielen guten Kolleginnen und Kollegen bei der Stadtverwaltung und den städtischen Töchtern. Da hat sich ein gutes Netzwerk gebildet, das auch fast immer an einem Strang gezogen hat. Das verlässt man nicht gerne, das fällt mir ganz sicher schwer.

Sie sind bekannt als ein ausgleichender, aber gleichzeitig harter Verhandler. Ist das auch in der Kellerei Ihre Strategie?

Genau das wird unsere Strategie sein müssen, wenn wir die Felsengartenkellerei gut in die Zukunft führen wollen. Ohne den Ausgleich und ohne Kompromisse wird es nicht gehen – aber auch nicht ohne Konsequenz und auch mal Härte, wenn wir unsere Ziele umsetzen wollen.

Wo wollen Sie zunächst Ihre Schwerpunkte setzen?

Schwerpunkte wird es einige geben, manches, wie den Erhalt der Steillagen, haben wir schon angesprochen. Wichtig wird es vor allem auch sein, den Mitgliedern in Zukunft wieder bessere Auszahlungen durch die Kellerei zu ermöglichen, da gab es in den letzten Jahren rückläufige Zahlen. Allerdings ist der qualitativ zwar hervorragende, mengenmäßig aber historisch kleine Jahrgang 2020 in Verbindung mit den Auswirkungen der Pandemie zunächst einmal eine Hürde, die wir dabei noch nehmen müssen. Außerdem werden wir die Kosten bei der Weinproduktion genau anschauen müssen, hier stecken noch Potenziale für wirtschaftlicheres Handeln der Genossenschaft.

Wie sehen Sie die Zukunft einer genossenschaftlichen Kellerei in einem immer schwieriger werdenden Markt?

Der genossenschaftliche Weinbau ist für unsere Mitglieder ein entscheidender Faktor, auf den die allermeisten nicht verzichten können. Von der Hilfestellung bei Ausbau und Produktion bis hin zum immer wichtiger werdenden Absatz und zur Vermarktung unseres Weins bietet die Genossenschaft unseren weit über 1000 Mitgliedern ein umfassendes Paket, das Sicherheit und Kontinuität bietet.

Sind benachbarte Weingärtnergenossenschaften für Sie eher Partner als Konkurrenten?

Um unseren regionalen Weinbau in Württemberg national und ein Stück weit auch international voranzubringen, braucht es ein partnerschaftliches Vorgehen der Genossenschaften. Ich sehe hier auch noch Potenzial für weitergehende Kooperationen, beispielsweise zum wirtschaftlicheren Betrieb unserer technischen Anlagen. Natürlich sind wir gleichzeitig auch als Konkurrenten auf dem gleichen Markt unterwegs – und müssen uns dementsprechend auch voneinander abgrenzen. Deshalb will ich die Qualität der Weine mit der Eidechse im Etikett weiter fördern. Hier sind wir, auch im Vergleich mit anderen, auf einem hervorragenden Weg. Dies belegen nicht zuletzt die vielen Auszeichnungen, die wir jüngst für unsere Produkte erhalten haben.

Was bedeutet Weintourismus für Sie? Gibt es da neue Perspektiven und wo muss nachgesteuert werden?

Weintourismus ist inzwischen ein wichtiger Wirtschaftsfaktor – nicht nur für die Felsengartenkellerei, sondern für unsere Weinbauregion und ihre Städte und Gemeinden. Wir sind hier mit den Kommunen schon auf einem sehr guten Weg, den wir gemeinsam weiter ausbauen müssen, sobald es die momentan schwierigen Rahmenbedingungen wieder zulassen. Unsere Erholungslandschaft ist nicht zuletzt durch den Weinbau in den landschaftsbildprägenden Steillagen einzigartig!

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