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Corona-Eingreiftruppe sieht erste Erfolge

Arbeiten hart am Rand des Anschlags: 283 Frauen und Männer setzt der Landkreis derzeit in seiner „Aufbauorganisation Corona“ ein. Die zweite Pandemie-Welle ist für die Eingreiftruppe, die um eine Eindämmung der Seuche kämpft, eine extreme Herausforderung. Aber: Es herrscht wieder vorsichtiger Optimismus – die Zahl der Neuinfektionen scheint sich zu stabilisieren, wenn auch auf noch zu hohem Niveau. Ein Tag an verschiedenen Abschnitten der behördlichen „Corona-Front“.

Die Suche nach Kontaktpersonen läuft auf Hochtouren. „Die Nachverfolgung geschieht tagesaktuell“, sagt Teamleiterin Saskia Zippan.
Die Suche nach Kontaktpersonen läuft auf Hochtouren. „Die Nachverfolgung geschieht tagesaktuell“, sagt Teamleiterin Saskia Zippan.

Kreis Ludwigsburg. m Büro von Dr. Thomas Schönauer stehen nicht nur Möbel, sondern auch ein paar Kisten. Und das nicht, weil der Gesundheitsdezernent des Landkreises demnächst in Ruhestand geht. „Wir mussten jeden verfügbaren Raum frei machen und haben unsere gesamte Arbeit sukzessive auf Corona umgeschaltet“, sagt Schönauer. Die Eindämmung der Pandemie binde derzeit 90 Prozent der Arbeitskraft im Dezernat, für andere Aufgaben – die Lebensmittelüberwachung, Hygienekontrollen in Kliniken, die Überwachung von Trink- und Badewasser oder Gutachtertätigkeiten – bleibe kaum noch Zeit. Nur Einschulungsuntersuchungen sowie der sozialmedizinsche und sozialpsychiatrische Dienst liefen noch nach Plan. Und das, obwohl das Gesundheitsamt wegen Corona derzeit keine Wochenenden mehr kennt.

Insgesamt 283 Personen sind aktuell ganz oder teilweise für die Corona-Einheit des Kreises im Einsatz – nur 42 von ihnen sind ständig in Schönauers Dezernat tätig. Dazu kommen 145 Beschäftigte aus anderen Bereichen der Kreisverwaltung, 65 wegen Corona befristet angestellte Arbeitskräfte, 30 Soldatinnen und Soldaten und ein Mitarbeiter des Bundesverwaltungsamts. Darüber hinaus gibt es ehrenamtliche Helfer wie den Vaihinger Arzt Dr. Christoph Schöll, der im Ruhestand die telefonische und elektronische Coronaberatung unterstützt.

Die heutige Personalstärke bedeutet eine Verdopplung gegenüber Anfang Oktober. Die jetzige Organisationsstruktur stand seit dem Sommer fest, das Gesundheitsdezernat schien für die erwartete zweite Welle gerüstet. Doch die Rasanz, mit der sie auflief, die Dynamik, mit der sich das Virus im Kreis ausbreitete, hatte Schönauer so nicht erwartet. „Wir mussten unsere Kräfte parallel zum Verlauf der Pandemie aufstocken – man konnte ja nicht schon vorher Personal aus anderen Bereichen binden“, erläutert er das Verfahren. Mitunter sei man daher an die Leistungsgrenze gekommen, könne die Strategie der Kontaktpersonen-Nachverfolgung, mit der das Robert-Koch-Institut Infektionsketten (RKI) identifizieren und brechen will, anders als andere Gesundheitsämter, die ihre Überlastung gemeldet haben, aber noch durchhalten. Dennoch hält es Schönauer für angebracht, über eine „Modifikation“ der RKI-Strategie nachzudenken.

lrike Rangwich-Fellendorf berät unter anderem Unternehmen, Altenheime, Kitas und Schulen, in denen eine Coronainfektion bekannt geworden ist. Auch die zuständigen Rathäuser rufen gegebenenfalls bei ihr an. Ihr Telefon stehe während ihres momentan mindestens zehnstündigen Arbeitstags keine fünf Minuten still, sagt die Schönauer-Stellvertreterin. In Firmen und öffentlichen Einrichtungen würden zwar ständig weitere Infektionen bekannt, diese selbst seien aber keine Orte mit herausgehobener Infektionsgefahr. Woran das liegt? Die Nachverfolgung von Kontaktpersonen der Stufe eins – Menschen, die sich länger als eine Viertelstunde ohne Abstand und Maske begegnet sind – sei hier besonders gut möglich, sagt Dr. Rangwich-Fellendorf. Mit den Infizierten sind so schnell auch Kontaktpersonen festgestellt, die sich ebenfalls in Quarantäne begeben müssen, weil sie weitere Menschen anstecken könnten.

Deshalb weiß das Gesundheitsamt rasch, ob beispielsweise eine positiv getestete Lehrerin eine oder mehrere Klassen unterrichtet und ob im Unterricht – stufenabhängig – auch Schülerinnen und Schüler Maske tragen. Daraus folgt dann, ob eine ganze Klasse oder nur einzelne Schüler in häusliche Quarantäne gehen müssen. Die betroffenen Eltern reagierten in der Regel verständnisvoll, sagt Rangwich-Fellendorf.

Ähnlich funktioniert das in Kitas. Das Gesundheitsamt habe zwar einzelne Gruppen, aber noch keine ganzen Einrichtungen schließen müssen, fährt Rangwich-Fellendorf fort. Wo das doch geschah, habe der jeweilige Träger, also etwa die Kommune, die Kita aus Personalmangel schließen müssen, weil gleich mehrere Erzieherinnen Kontaktpersonen erster Kategorie waren. Das kann auch eine Folge fehlender Corona-Disziplin sein. Rangwich-Fellendorf berichtet von einem Teamtreffen, an dem mehrere Erzieherinnen in einem unbelüfteten Raum ohne Abstand und Maske zusammensaßen. Eine Teilnehmerin war infiziert, alle mussten in Quarantäne.

Die meisten Menschen verhielten sich inzwischen aber diszipliniert, bei der Arbeit ebenso wie im öffentlichen Raum, findet Rangwich-Fellendorf. Klare Infektionsschwerpunkte könne sie zumindest derzeit nicht erkennen. Das Gros der Ansteckungen, resümiert sie, finde im privaten Bereich statt, in der Familie und unter Freunden. Striktere Kontaktbeschränkungen im Privatleben findet sie deshalb sinnvoll. „Der Winter wird hart“, sagt die Amtsärztin voraus. Wenn aber vor allem das Privatleben das Infektionsgeschehen bestimmt, ist es fraglich, ob eine Beobachtung sogenannter Cluster, was als Alternative zur Nachverfolgungsstrategie stark diskutiert wird, im Kreis aktuell wirklich Fortschritte brächte.

uch Stefanie Bartzsch teilt die Beobachtung, dass sich die meisten Infektionen im häuslichen Bereich ergeben. Sie leitet den Teambereich Ermittlung, der in den Außenstellen in Pflugfelden, im früheren Landwirtschaftsamt am Ludwigsburger Wasen und in Kornwestheim den Kontakt der Behörde zu positiv Getesteten und ihren Kontaktpersonen aufnimmt. Carolin Friedrich steht dabei an der Spitze der Ermittler, die Neu-Infizierte anrufen, sobald das Gesundheitsamt von einem positiven Test erfahren hat. Die Betroffenen wissen häufig schon Bescheid – durch die Corona-App, von ihrem Hausarzt oder vom Labor. Trotzdem ist der Job der Ermittler heikel, er verlangt Fingerspitzengefühl ebenso wie Klarheit. „Wir wissen ja nicht, wie die Person am anderen Ende reagiert“, sagt Carolin Friedrich. „Meistens ist es da erst einmal kurz still.“ Am schlimmsten sei es, wenn Infizierte sich erst bei fortgeschrittenem Krankheitsverlauf testen ließen. Dann komme es auch vor, dass der Patient beim Vorliegen seines Testergebnisses im Gesundheitsamt schon gestorben sei. „Wenn Sie anrufen und das von einem Hinterbliebenen hören, müssen Sie schon schlucken“, sagt Friedrich.

Zu den Aufgaben der Ermittler gehört es nicht nur, die Infizierten zu informieren, ihnen Anleitungen zur Quarantäne und medizinischen Selbstbeobachtung zu geben. Sie müssen auch versuchen herauszufinden, wo und wobei sich jemand wahrscheinlich angesteckt hat, ob er zu einer Risikogruppe gehört und wer die Kontaktpersonen sind, die er angesteckt haben könnte. Die Länge solcher Kontaktpersonen-Listen kann sehr unterschiedlich sein – Stefanie Bartzsch erinnert sich an im Extremfall 180 Namen.

Nicht nur die positiv Getesteten, auch ihre Kontaktpersonen akzeptierten im Allgemeinen, dass sie sich sofort in häusliche Quarantäne zu begeben hätten, erzählt Saskia Zippan, die am Wasen die Arbeit der Kontaktnachverfolger leitet. Das heißt: Sie und ihre Leute müssen die Listen abarbeiten, die ihnen die Ermittler vorlegen. Das kann seine Tücken haben, denn nicht immer kennen sie auch schon die Telefonnummern. Außerdem sind auch die Kontaktnachverfolger auf Treu und Glauben darauf angewiesen, dass die Angaben ihrer Gesprächspartner auch zutreffen – denn nicht immer stimmen sie mit denen der Infizierten überein. Doch erst, wenn alle Begegnungen, die eine infizierte Person und ihre Kontaktpersonen hatten, erfasst sind, ergibt sich ein weitgehend verlässliches Bild des bisherigen Infektionsgeschehens und möglicher Infektionsketten, die durch die Quarantäne unterbrochen werden sollen.

Saskia Zippan ist froh, dass zu ihrem Team am Wasen inzwischen 15 Bundeswehrsoldaten gehören. Nicht nur, weil das alle anderen entlastet – die Teams der Ermittler und Nachverfolger sind auch an Wochenenden von 10 bis 18 Uhr im Telefoneinsatz. Die Helfer von der Bundeswehr hätten sich schnell eingearbeitet. „Und wenn man Soldaten etwas sagt, tun sie es auch“, erzählt sie und lacht.

Im Oktober, räumen Saskia Zippan und Carolin Friedrich ein, hätten sie schon mal befürchtet, mit der Dynamik der Pandemie nicht mehr Schritt halten zu können. „Jetzt sind wir aber gut aufgestellt, wir haben das im Griff“, sagt Carolin Friedrich, und Saskia Zippan ergänzt: „Die Nachverfolgung läuft tagesaktuell.“ Ihr Job sei sehr anstrengend, sagt sie weiter, aber trotz der Belastung, sich Tag für Tag stundenlang mit einer Seuche auseinandersetzen zu müssen, auch befriedigend. „Wir leisten eine sinnvolle Arbeit“, so Zippan. „Corona ist die Gegenwart“, setzt Carolin Friedrich hinzu.

ie Aufgaben, die der Landkreis in der zweiten Welle zu bewältigen hat, unterscheiden sich stark von denen des Frühjahrs, sagt Landrat Dietmar Allgaier: „Damals mussten wir uns besonders um Masken und Schutzmaterialen kümmern.“ Das Abflachen der Pandemie habe man im Sommer zur organisatorischen Neuaufstellung genutzt, statt eines eigenen „Verwaltungsstabes“ koordinieren nun Gesundheits- und Sozialdezernat gemeinsam den Corona-Einsatz. Jeden Nachmittag trifft sich eine Leitungsgruppe, der neben dem Landrat, Dr. Schönauer und Sozialdezernent Heiner Pfrommer auch Vizelandrat Jürgen Vogt und weitere Führungskräfte im Landratsamt angehören, und erörtert die Lage.

ittwochs tagt die Leitungsgruppe im erweiterten Kreis, es nehmen beispielsweise auch Vertreter der niedergelassenen Ärzte, der Kliniken und der Polizei teil. Der Landrat eröffnet die Sitzung mit einer hoffnungsvollen Aussage: Die Lage im Kreis scheine sich zu stabilisieren, der steile Anstieg der Fallzahlen von einem – allerdings sehr hohen – Plateau abgelöst zu werden. Er hoffe, dass sich das als Trend verfestigen werde, sagt Allgaier. Die Sprecherin der Kreisärzteschaft, Dr. Carola Maitra, bestätigt diesen Eindruck: Es werde etwas ruhiger, die zuvor für viele Hausärzte sehr angespannte Lage sei „wieder handlebar“. Weniger Erfreuliches hat Markus Geistler vom Polizeipräsidium zu berichten: Die Provokationen von Coronaleugnern nähmen zu, sowohl in der Ludwigsburger Innenstadt als auch in sozialen Medien. Gesundheitsdezernent Schönauer spricht das Thema von Sportstudios an, die bei den örtlichen Ordnungsämtern beantragen, für medizinisch oder therapeutisch sinnvolle Angebote wieder öffnen zu dürfen. Hier bedürfe es noch klarer Kriterien, welche Angebote diese Bezeichnung verdienten. Dr. Stefan Weiß hat von der Regionalen Kliniken-Holding zwei gute Botschaften dabei: Erstens scheine die auch von der RKH geforderte Intensivbetten-Koordinierung durch das Land, die besonders belasteten Kliniken Luft verschaffen könnte, endlich zu kommen. Zweitens sei eine Kooperation des Testzentrums am Ludwigsburger Klinikum mit dem RKH-Labor vertragsreif. Das ist auch für die Eingreifgruppe des Landkreises eine gute Nachricht. Sie könnte so in vielen Fällen Zeit gewinnen.

Das wohl am meisten für Hoffnung sorgende Thema bringt Kreisbrandmeister Andy Dorroch ein – verbunden mit einer Warnung: Überlegungen über ein potenzielles Impfzentrum im Kreis müssten kanalisiert werden, sagt er. Hintergrund sind Spekulationen, dass nach der Zulassung eines Impfstoffs in einer zweiten Ausbaustufe auch kreisweite Impfzentren entstehen könnten – etwa in den großen Sport-Arenen in Ludwigsburg oder Bietigheim oder im Marbacher Krankenhaus. Man werde gegebenenfalls jeden potenziellen Standort akribisch prüfen, verspricht Landrat Allgaier. „Aber dazu müssten wir erst einmal die technischen, logistischen und räumlichen Erfordernisse kennen.“ Die Aufgaben werden der Aufbauorganisation Corona noch lang nicht ausgehen. Auch nicht mit Impfstoff.

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