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„Das Haus hat mehr Sichtbarkeit verdient“

Viele Hoffnungen ruhen auf ihnen: Sandra Richter und Kai Uwe Peter vor dem Literaturmuseum der Moderne. Foto: Andreas Becker
Viele Hoffnungen ruhen auf ihnen: Sandra Richter und Kai Uwe Peter vor dem Literaturmuseum der Moderne. Foto: Andreas Becker
Der neue Präsident der Deutschen Schillergesellschaft Kai Uwe Peter und DLA-Direktorin Sandra Richter sprechen über ihre gemeinsamen Pläne

Marbach. Sie sollen die Schillerhöhe in die Zukunft führen: Sandra Richter, 47, leitet seit Anfang 2019 das Deutsche Literaturarchiv (DLA), Kai Uwe Peter, 49, wurde Ende September dieses Jahres zum neuen Präsidenten der Deutschen Schillergesellschaft (DSG), Trägerverein des DLA, gewählt. Das neue Führungsduo muss sich jetzt um dringend benötigte bauliche Erweiterungen, den Reformstau im Haus, aber auch um interne Querelen kümmern. Im Interview sprechen sie über die Macht der Literatur, erfolgreiche Nachwuchsförderung und einen dreistelligen Millionenbetrag.

Frau Richter, Sie haben bei Ihrem Amtsantritt vor bald zwei Jahren reichlich Vorschusslorbeeren erhalten. Jetzt können Sie diese mal an Herrn Peter verteilen: Was zeichnet ihn aus Ihrer Sicht aus?

Sandra Richter: Er braucht keine Vorschusslorbeeren mehr. Er ist längst in seinem Amt angekommen und hat das Deutsche Literaturarchiv und die Deutsche Schillergesellschaft schon lange auf ihrem Weg dorthin begleitet, wo wir jetzt stehen: am Beginn eines Reformprozesses. Und dafür ist er hervorragend geeignet. Zum einen liest er zunehmend auch gerne Schiller…

Kai Uwe Peter: … nur noch Schiller (lacht) …

Richter: Er kennt sich in der Region bestens aus, ist hervorragend vernetzt. Und bringt zugleich viel Erfahrung in Sachen Unternehmenslenkung und Gremienführung mit – Dinge, die Geisteswissenschaftlern oftmals eher fremd sind. Dazu kommt sein Engagement im Kultur- und Wissenschaftsbereich, etwa für die Stiftung Brandenburger Tor und natürlich in unserem Freundeskreis, dessen Schatzmeister er bereits war. Er kennt die Belange des Hauses und ist immer wieder ein verlässlicher Partner im Gespräch mit den Zuwendungsgebern, Mäzenen und allen, die sich für das Haus interessieren.

Herr Peter, Sie haben einen bemerkenswerten Werdegang hinter sich, haben Geschichte und Philosophie studiert und sind mittlerweile Geschäftsführer des Berliner Sparkassenverbands. Sie stammen aber auch aus der Region, sind in Backnang aufgewachsen und schon seit Jahren in der DSG engagiert. Was hat Ihre Faszination für die Literatur geweckt?

Peter: Wenn wir lesen, lernen wir etwas über andere, über unser Leben und über uns selbst – auf eine Art, die zwischen Fühlen und Denken vermittelt; ein unbewusster Umwälzungsprozess an uns selbst. Wir folgen einer Geschichte, und in der Geschichte verändern wir uns selbst. Kein Mensch schließt daher ein Buch so, wie er oder sie es geöffnet hat. Lesen ist eine Grundfähigkeit für unsere Gesellschaft. Deshalb setze ich mich für das Lesen ein. Ich selbst komme aus einer Familie, in der bis zu meiner Generation niemand studiert hat. Ich hatte ein echtes Leseerlebnis an der Schule, Homo faber von Max Frisch, da war ich vielleicht 15. Von da an begann ich zu lesen. Ohne Bildung und ohne Lesen gibt es keinen Blick auf sich selbst und keine vielfältigen Blicke in die Gesellschaft, keine Demokratiefähigkeit – und das wäre schlecht. So schließt sich der Bogen zu der gesellschaftlichen Aufgabe, die wir hier im Haus haben.

Sie haben ein geisteswissenschaftliches Studium absolviert, aber dann einen anderen Weg eingeschlagen. War die Literatur für Sie am Ende doch eher etwas Privates?

Peter: Ja, so könnte man das sagen. Ich stand tatsächlich vor einer klaren Entscheidung, als ich das Angebot hatte, in Geistes- und Gesellschaftsgeschichte zu promovieren, über ein Thema, das mich bis heute beschäftigt, das 18. Jahrhundert und die Aufklärung. Gleichzeitig hatte ich das Angebot einer Unternehmensberatung. Ich fragte damals meinen akademischen Lehrer, Jürgen Kocka, und er sagte: „Machen Sie das.“ Es war ein Rat fürs Leben. Ich bin dankbar, dass ich Geschichte und Philosophie studieren durfte, habe es keinen Tag bereut. Aber ich spürte, dass meine Art des Arbeitens nicht das wissenschaftliche sein würde, sondern eher das praktische, wo man schon mal nach drei Tagen das Ergebnis sieht. Auch das habe ich bis heute nicht bereut. Ich bin ebenso dankbar dafür, dass ich nun bei der Sparkasse beides, Wirtschaft und Gesellschaft, verbinden kann.

Sie kennen das DLA und die DSG seit Jahren sehr gut. Das kann ein Vorteil sein – oder auch ein Nachteil. Wie sehen Sie das?

Peter: Ich glaube, es ist eine Mischung aus Nähe und Distanz, die ich mitbringe. Mir ist vieles vertraut, die Menschen, die Art der Arbeit, die Einrichtungen bis hin zu Handschriften-Sammlungen – auch diejenigen Partner, die das Ganze von außen unterstützen. Ich hatte bisher jedoch keine Verantwortung, war in die Prozesse nicht eingebunden. Hier beginne ich – und führe viele Gespräche. Ich muss nicht alles neu lernen, habe aber einen gesunden Abstand.

Richter: Die Impulse, die er mitbringt, liegen in zwei Bereichen. Einmal im unternehmerischen Blick: Was kann man tun, um Prozesse zu verbessern? Durch seine Tätigkeiten in der Sparkasse sieht er aber auch viel, auch Dinge, die ich nicht immer mitbekomme. Aktuell reden wir etwa oft über Covid-Management, ein Thema, zu dem Kai Uwe Peter gleich in drei Gremien sitzt ...

Peter: Zur Ergänzung: Sandra Richter ist eine ausgezeichnete Wissenschaftlerin, die die Management-Aufgaben, die Verantwortung als Führungskraft ernst nimmt. Ich wiederum habe gerade Erfahrung in diesen Bereichen und nehme selbstverständlich die Wissenschaft ernst. Beides zusammen ist es, was hoffentlich dem Haus gut tut. Viele solche Häuser sind auf den Inhalt konzentriert – darüber fehlt manchmal das Bewusstsein für die unbequemen Dinge.

Was wollen Sie anders machen als Ihre Vorgänger?

Peter: Ein Ziel ist für mich, das Haus in der Öffentlichkeit noch sichtbarer zu machen. Das hat es verdient, es ist aber auch nötig, um eine Rechtfertigung für die öffentliche Unterstützung zu geben. Der Bund hat uns vor kurzem 73 Millionen Euro zugesagt. Wir freuen uns, wenn das Land dies nach und nach auf begründete Anträge hin mit einem gleich hohen Betrag ergänzen wird. Die Politik muss in der Lage sein, der Gesellschaft zu erklären, warum dieses Geld gerechtfertigt ist. Das andere Ziel ist, die Organisation im Haus so aufzubauen, dass sie die Gegenwart erreicht. Die Strukturen stammen aus dem Jahr 1995, als das Haus noch hundert Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hatte – heute sind es dreimal so viel. Das geht nicht. Es gibt nun einen klaren Zukunftsplan der Direktorin, getragen von allen Gremien und Zuwendungsgebern.

Stichwort Zukunft: Die DSG hat in den letzten zwei Jahrzehnten die Hälfte seiner Mitglieder verloren. Wie soll da gegengesteuert werden?

Richter: Man muss dazu sagen, dass dieser Schwund charakteristisch für alle literarischen Gesellschaften ist. Ein Grund, genau hinzuschauen: Woran liegt es? Und was hat die Menschen früher dazu gebracht mitzumachen?

Und wie lautet Ihre erste Schnellanalyse?

Richter: Es gibt sehr viele kulturelle Angebote, der Zirkel, der sich um die Literatur herum einfindet, ist vielleicht nicht mehr der entscheidende Faktor. Man findet sich aktuell vielleicht noch in kleineren Leseclubs zusammen, aber nicht in einer vergleichsweise großen Gesellschaft. Da sollten wir ansetzen.

Peter: Soziale Medien sollten als Debattenplattform zu literarisch-gesellschaftlichen Themen genutzt werden. Schiller ist eine eminent politische Figur, womit er stellvertretend für viele andere Dichterinnen und Dichter steht. Wenn man Wallenstein oder Don Carlos aufschlägt und liest, findet man sich in den aktuellen politischen Auseinandersetzungen unserer Zeit. Was Sandra Richter bereits begann, war zu fragen: Was ist ein Archiv der Zukunft? Das lief auf Twitter und führte zu einer interessanten Debatte, auch von Menschen, die nicht fachlich zuständig waren, sondern sich davon angezogen fühlten.

Richter: Die Frage, was ein Literaturarchiv ist, werden wir in verschiedene Foren hineintragen. Social Media geht immer schnell – die Menschen dort wünschen sich ein Literaturdatenzentrum, am besten soll alles, was wir haben, digital und durchsuchbar sein. Andere haben wieder ganz andere Interessen. Einige Ideen sind schon im Entstehen. Wir haben uns etwa entschieden, unser Junges Literaturmuseum neu aufzulegen, ein Angebot an Schülerinnen und Schüler.

Peter: Das DLA hat internationale Bedeutung, einen nationalen Auftrag und eine regionale Verwurzelung. Die DSG sorgt für eine Rückbindung des Archivs in die Gesellschaft, als eine gemeinnützige Initiative der Bürgerinnen und Bürger, erst für einen Dichter, dann für die Literatur überhaupt. Damit ist das Haus stärker in der Gesellschaft verankert, als es vielleicht andere Einrichtungen sind – diese Stärke wollen wir auch weiterhin nutzen.

Aber nochmal konkret: Warum sollte ein junger Mensch der DSG beitreten?

Peter: Weil sie oder er dann selbst mitforschen, an Ausstellungen mitwirken und eine Meinung äußern und so Teil einer Gemeinschaft werden kann. Solche „Crowdscience“-Projekte sind etwas, denke ich, das den jüngeren Generationen entgegenkommt. Aber wenn wir Bildung und Teilhabe ermöglichen, werden wir auch Verantwortung einfordern – die Mitglieder sollten sich angemessen binden.

Wie soll sich das Verhältnis von DLA und DSG entwickeln? In den vergangenen Jahren gab es ja immer wieder hitzige Debatten, etwa um die Satzungsreform, die die Macht der DSG ein Stück weit einschränkte.

Peter: Das war der wichtigste Grund für den starken Mitgliederschwund. Wir wollen zwei Dinge tun. Die Schillergesellschaft soll für ihre Mitglieder wahrnehmbarer werden, durch die neuen Dinge, die wir anbieten, aber auch durch mehr Kommunikation. Als Mitglied bekam ich bisher einmal im Jahr einen Brief, das gedruckte Programm, gegen Sonderbeitrag auch das schöne Jahrbuch – und das war’s. Das möchten wir ändern. Zweitens wollen wir die Identifikation der DSG mit dem Haus stärken. Wir wollen beide wieder zusammenführen, auch durch Partizipation.

Wie haben Sie beide rückblickend die Debatte um den Führungsstil und umstrittene Personalentscheidungen von Frau Richter in den vergangenen Monaten erlebt?

Richter: Ich glaube, dass ein Teil der Debatte auf Missverständnissen beruht. Wegen der Pandemie konnten wir uns mit vielen Zuwendungsgebern von Bund und Land schlicht nicht treffen. So war für die Belegschaft, vor allem für das Siebtel, das sich beschwert hat, die Frage: Was passiert denn jetzt mit den Geldern und den Stellen? Es war klar, dass wir einen internen Prozess unter Einschluss der Belegschaft brauchen, um Entscheidungen zu treffen. Dieser konnte aber erst verspätet stattfinden.

Die Dynamik hat Sie aber überrascht ...

Richter: Ja. Und sie hat mich natürlich persönlich auch sehr beschäftigt.

Peter: Das war jetzt ehrenwert selbstkritisch. Sandra Richter und nun auch ich, wir trafen auf einen enormen Reformstau. Ich finde es nicht ganz anständig zu erwarten, dass bei Bau und Personal in zwei Jahren geleistet wird, was 20 Jahre lang nicht mal begonnen wurde. Wir müssen die ausgezeichnete fachliche Arbeit fortführen, zugleich auf die Zuwendungsgeber zugehen – die uns immer ausgesprochen wohlwollend gegenüberstanden, jedoch, denke ich, nicht ausreichend eingebunden worden waren. Wenn wir große Investitionen vorhaben, müssen wir diese plausibel darlegen. Hinzu kommt die innere Organisation – hier wurden Spannungen sichtbar, die weit vor Sandra Richters Amtszeit zurückreichen. Zum ersten Mal liegt jetzt ein Plan vor, wie das Haus in einer sich verändernden Gesellschaft in die Zukunft gehen kann.

Frau Richter, Sie sagten kürzlich, Sie hätten mit jedem der rund 300 Mitarbeiter des Hauses Gespräche geführt, um die Debatte zu entschärfen. Tatsächlich?

Richter: Ja, mit fast jedem. Ich habe den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern geschrieben, mich verabredet, mit manchen war ich spazieren, andere habe ich am Arbeitsplatz aufgesucht – das ging so jeweils zwischen 15 Minuten und einer Stunde. Solche Gespräche eine sehr große Chance und sehr spannend – ich habe viel gelernt. Es sind sehr unterschiedliche Persönlichkeiten mit vielen Sorgen, Wünschen und Ideen. Wir werden versuchen, diese noch stärker einzubeziehen,

73 Millionen Euro erhält das DLA vom Bund, das Land steuert in den nächsten Jahren nochmal einen voraussichtlich gleich hohen Betrag bei. Also 146 Millionen insgesamt. Wie kam es dazu, wie muss man sich das vorstellen?

Richter: Wir haben seit Januar 2019 im DLA sehr viel gearbeitet, auch ohne dass das immer sichtbar war. Es sind ja Prozesse, die hinter verschlossenen Türen stattfinden. Uns allen, auch den Zuwendungsgebern, ist aufgefallen, dass es dringenden Bau- und Sanierungsbedarf gibt. Mein Vorgänger Ulrich Raulff hat bereits gesagt: Wir brauchen ein Interim, um weiter sammeln zu können. Wir haben also eine Bestandsanalyse der Gebäude machen müssen sowie eine Organisationsanalyse aller Prozesse. Einen groben Plan habe ich bereits im Mai 2019 im Kulturausschuss des Bundestages vorgestellt, seitdem läuft der politische Prozess. Die Parlamentarier haben den großen Bedarf im Haus gesehen. Land und Bund haben aber jeweils ihr eigenes Tempo und ihre eigenen Verfahrensweisen. Dadurch, dass uns der Bundestag jetzt 73 Millionen Euro zugesprochen hat, bin ich sehr zuversichtlich.

Wussten Sie, wann die Entscheidung kommt?

Richter: Ich hatte die Hoffnung, dass im November etwas passiert. Es waren Monate nervlicher Anspannung, in denen ich oft von Parlamentariern gefragt wurde, wie unsere Bedarfe sind und was wir planen.

Peter: Wir wussten, dass es kommen kann, aber nicht, ob es kommt. Wir sind jetzt sehr dankbar. Unser Eindruck war: Es gibt viel Wohlwollen und ein ernsthaftes Interesse am Haus und seiner Arbeit. Dieses Wohlwollen war bereits da, aber wir mussten es aktivieren. Die Tür ging immer schnell auf – und dann entstand eine starke Eigendynamik.

Über die anstehenden baulichen Veränderungen wurde zuletzt bereits viel gesprochen …

Richter: … da wird es auch noch viel zu planen und zu reden geben …

... aber nehmen wir zum Abschluss einfach mal die Zehn-Jahres-Perspektive: Wo sehen Sie DLA und DSG und sich selbst dann?

Peter: Das Deutsche Literaturarchiv sehe ich mitten in der Gesellschaft als Teil von Freiheit, Forschung und Aufklärung. Uns beide sehe ich bei der Eröffnung eines Neubaus oder sanierten Altbaus hier auf der Schillerhöhe, mit einem Viertele Wein.

Richter: (lacht) Dem habe ich nichts hinzuzufügen.