Logo

Das Publikum steht selbst auf der Bühne

Duo Q-rage spielt Theater in einem fahrenden Bus – eine Herausforderung für alle Beteiligten

352_029_293274_Ludwigsburg

Es grenzt an Hexerei. Am Sonntagabend gehen 34 Menschen ins Theater. Als sie ihre Plätze einnehmen, befinden sie sich in Ludwigsburg. Als dieses Publikum eine Stunde später in der Pause den Raum der Aufführung verlässt, ist es plötzlich am Husarenhof kurz vor Besigheim. Hinter dem mysteriösen Vorgang ein in Ludwigsburg einmaliges Projekt: eine Theatervorführung im fahrenden Bus.
Das Duo Q-rage, bestehend aus Sandra Hehrlein und Jörg Pollinger, präsentiert zwischen Ludwigsburg und Besigheim das Stück „Aus dem Leben eines Busfahrers“. Dieser erzählt Geschichten, die er während seiner fiktiven Dienstzeit im Bus erlebt hat: Der Arbeitslose, der so tut, als ob er jeden Morgen zur Arbeit fährt. Die Hausfrau, die ständig Sachen verlegt. Der Mann, der nach seiner Traumfrau fahndet, weil er sie zuvor nicht anzusprechen gewagt hatte. Die Musikmanagerin, die nervös auf den Anruf eines Entführers wartet, stattdessen aber mit ihrer Oma telefonieren muss.
Diese Geschichten aus dem ersten Teil der Vorführung führen die Schauspieler im zweiten Teil zusammen, bei den Besuchern macht es reihenweise „Klick“, als sie erkennen, wie die Schicksale miteinander zusammenhängen. Michael Fiedler am Keyboard liefert die passende Musik, Anne Götz spielt eine Sängerin und ist selbst eine: In der Theaterpause, wenn die Besucher im Husarenhof ihr Zwei-Gänge-Menü einnehmen, unterhält sie das Publikum mit Chansons.
Am Sonntagabend waren die Gäste nach dem Essen und einem Glas Wein merklich gelöster als noch vor der Pause. Am Ende singen (fast) alle Passagiere im Bus lautstark mit. Zu Beginn aber war die Atmosphäre noch nicht so locker, schließlich sind es Fremde, mit denen die Theaterbesucher auf engstem Raum zusammensitzen. Man berührt sich, man schaut sich gegenseitig ins Gesicht, man beobachtet die Reaktionen und Verhaltensweisen der anderen, das alles auf einem Raum von wenigen Quadratmetern und in stehender Luft.
Theatergäste werden aktiv
Das anonyme Dunkel eines gewöhnlichen Theaterraums, das persönliche Zurückgezogensein wird bei der „Buskultour“ ersetzt durch Sichtbarkeit und Präsenz, das Publikum steht selbst mit auf der Bühne. Und es muss bereit sein, zum Teil der Vorführung zu werden: Die Insassen leuchten mit Taschenlampen, antworten auf Fragen der Schauspieler, wollen den unglücklich Verliebten vor dem Suizid im Bus bewahren oder sind unwissentlich im Besitz eines Lottoscheins, den die Hausfrau sucht.
Der interaktive Höhepunkt kommt gegen Ende der Fahrt: Dann massieren sich die Theatergäste auf Anweisung von Stewardess Susi gegenseitig Schultern und Nacken. Denn es muss oft um die Ecke geschaut werden, schließlich handelt es sich um einen normalen Bus der Ludwigsburger Verkehrslinien (LVL), der morgens zur Schülerbeförderung genutzt wird. Einzig die vor der Fahrerkabine installierte Vorhangstange und die eingebaute Steckdose zeugen von der besonderen Verwendung des Busses am Abend, den LVL-Fahrer Horst Blessing lenkt.
Nicht nur für das Publikum, auch für die Schauspieler ist diese Form des Theaters eine besondere. Neben dem engen Raum und dem wackligen Stand in einer Kurve sei vor allem das Timing eine Herausforderung, sagt Hehrlein. Sie und ihr Team müssen beim Spielen immer wissen, an welchem Ort sie gerade sind. Die Verfolgungsjagd im und vor dem Bus ist nur deshalb möglich, weil das Fahrzeug sich gerade auf dem Parkplatz von Schloss Monrepos befindet. Kommt der Bus in einen Stau, gibt’s ein Notprogramm. Bei der Generalprobe musste Hehrlein eine Szene um zehn Minuten verlängern, weil der Bus im Verkehr am Bietigheimer Hallenbad schlecht wenden konnte.
Die Reaktion des Publikums war überwiegend positiv. Ellen Blessing aus Großbottwar fand die Vorführung „sehr originell“, Thomas Schmitt und Jutta Axt aus Mundelsheim hatten einen „gelungenen Abend“ hinter sich. Die Bietigheimerin Silvia Weber meinte zur Pause, dass man aus der „tollen Idee mehr hätte machen können“. Thomas Kunzelmann und Judith Gretschel hatten das größte Kompliment für das Projekt parat: „Das war wirklich gutes Theater. Wir haben oft nicht mehr gemerkt, dass wir in einem fahrenden Bus sitzen.“

Info: Das Duo Q-rage will die „Buskultour“ fest in Ludwigsburg etablieren. Die Termine für dieses Jahr sind bereits ausverkauft, Neue Aufführungen am 13., 19. und 23. Januar sowie am 6., 12. und 13. Februar. Vorverkauf über Reservix.