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„Das Stammpublikum vermisst uns“

Galerieleiterin Isabell Schenk-Weininger über die Bietigheimer Kulturtelefonseelsorge

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Bietigheim-Bissingen. Wie die meisten Kultureinrichtungen ist die Städtische Galerie derzeit geschlossen – dafür gibt es jetzt ein ungewöhnliches Angebot: die Kulturtelefonseelsorge. Wer unter Telefon (07142)74483 einen Termin vereinbart, wird wahlweise von Galerieleiterin Isabell Schenk-Weininger oder ihrer Stellvertreterin Petra Lanfermann zurückgerufen, um über ein beliebiges Werk aus den beiden aktuellen Ausstellungen zu sprechen. Alternativ kann man sich von den beiden Schauspielern Lisa Kraus oder Rüdiger Erk Gedichte und literarische Passagen zum passenden Thema „Tür & Tor“ vortragen lassen. Wir haben nachgefragt, wie es läuft.

Frau Schenk-Weininger, wie kam es zu der Idee mit der Kulturtelefonseelsorge?

Isabell Schenk-Weininger: Ich hatte von einer Aktion des Theaters Magdeburg gelesen, bei der Ensemblemitglieder Interessierten etwas am Telefon vortragen. Und dachte mir, das können wir doch auch!

Weshalb haben Sie die beiden Schauspielern noch dazu geholt?

Insbesondere weil wir ja regelmäßig mit Lisa Kraus und Rüdiger Erk zusammenarbeiten und deren Veranstaltungen in unserer aktuellen Ausstellung nun leider ausfallen, in denen sie sonst Gedichte und literarische Texte bei einem Rundgang vortragen.

Wie viele Telefonate haben Sie selbst und Ihre Kolleginnen und Kollegen schon geführt?

Rund 30 Termine gab es bereits – für alle Altersgruppen und auch für eine Reihe von Kindern. Darunter viel Stammpublikum, das uns vermisst.

Welchen Eindruck haben Sie von den Menschen, die anrufen?

Die Leute haben einfach Lust auf ein persönliches Gespräch, dass wir gezielt auf sie eingehen – was eben über die kulturellen Angebote, Ausstellungsrundgänge, Vernissage-Reden und so weiter im Internet nicht möglich ist.

Zu welchem aktuellen Werk wurden Sie persönlich bereits befragt?

Patrick Hughes’ dreidimensionales Gemälde, das mit optischen Illusionen arbeitet, welche ich versucht habe zu erklären. Wahrscheinlich wurde danach auch gefragt, weil es mit seinen Türen und Meeresdarstellungen ein Sehnsuchtsmotiv darstellt und unser Wunsch nach Freiheit, den wir in Zeiten von Ausgangssperren und Reiseverboten verspüren, besonders groß ist.

Was ist aktuell in der Städtischen Galerie los?

Wir arbeiten momentan natürlich an den kommenden Ausstellungen und den Problemen, welche die Verschiebungen mit sich bringen. Aber wir widmen uns auch Aufgaben, die im Ausstellungstrubel oft zu kurz kommen. So arbeiten wir gerade intensiv mit unserer umfangreichen Sammlung, hier bereiten wir unter anderem deren Online-Stellung vor.

Und wie geht die Jahresplanung denn wohl weiter?

Die aktuelle Ausstellung „Keine Schwellenangst! Die Tür als Motiv in der Gegenwartskunst“ ist im Oktober gerade mal vier Wochen gelaufen, sie soll – wenn wir wieder öffnen werden – auf jeden Fall noch ausreichend lange zu sehen sein, zumal sie so hervorragend in die jetzige Zeit passt. Für Juni planen wir eine Ausstellung mit Tierdarstellungen des expressionistischen Künstlers Ernst Ludwig Kirchner, welche er in den Davoser Bergen geschaffen hat, also ein Highlight der Klassischen Moderne.

Welchen Fahrplan würden Sie für Häuser wie Ihres vorschlagen, was eine mögliche Öffnung angeht?

Sobald es nicht mehr allgemein um die radikale Kontakteinschränkung geht, um das Infektionsgeschehen einzudämmen, können meines Erachtens die Museen wieder öffnen. Denn wir können sehr gut die Besucher*innen-Anzahl begrenzen und Abstand halten – unser Haus hat 1000 Quadratmeter! Und wir haben ja sogar Aufsichten, welche nicht nur auf die Kunstwerke aufpassen, sondern auch auf die Einhaltung der Regeln achten können.

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