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Debatte: „Vetter Lämmle“ und das Dritte Reich

In der Kontroverse um eine mögliche Umbenennung der August-Lämmle-Schule melden sich jetzt Verwandte des in Oßweil geborenen Heimatdichters zu Wort. Sie sehen in der Auseinandersetzung auch eine politisch angetriebene Kampagne.

August Lämmle (hinten mit Hut) bei einem Besuch bei der Verwandtschaft in Großbottwar 1955. Vor ihm, schwarz gekleidet, seine Frau Albertine. Der schwarze VW-Käfer gehört ebenfalls zu August Lämmle. Foto: Ursula Fink/p
August Lämmle (hinten mit Hut) bei einem Besuch bei der Verwandtschaft in Großbottwar 1955. Vor ihm, schwarz gekleidet, seine Frau Albertine. Der schwarze VW-Käfer gehört ebenfalls zu August Lämmle. Foto: Ursula Fink/p

Ludwigsburg. NSDAP, Führerverehrung, Antisemitismus – das sind keine Stichworte, bei denen Dr. Ursula Fink aus Großbottwar an August Lämmle denkt. Ganz im Gegenteil. „Ich erinnere mich an einen gütigen, humorvollen Mann mit einem verschmitzten Lächeln“, sagt die 64-Jährige. Ursula Fink war sechs Jahre alt, als August Lämmle 1962 starb. In seiner weit verzweigten Verwandtschaft, von der viele Nachkommen im Raum Großbottwar leben, erinnert man sich bis heute mit größtem Respekt und Anerkennung an den Heimatdichter, sagt Fink, die sich vor dem Gespräch mit unserer Zeitung mit mehreren Verwandten ausgetauscht hat.

„Vetter Lämmle“ wurde er in ihrer Familie genannt. In ihrer Urgroßmutter hat Ursula Fink eine gemeinsame Vorfahrin mit August Lämmle. Auch nach seinem Tod wurde sein Andenken in der Verwandtschaft aufrecht gehalten. Bei Geburtstagen gab es Tischkarten mit August-Lämmle-Sprüchen oder Gedichten. Bis heute ist die Familie stolz auf den Dichter und sein Werk, zu dem viele Veröffentlichungen über die Schwaben, ihr Brauchtum und die schwäbische Landschaft gehören. Auch Ursula Fink blättert immer wieder durch seine Bücher. Viele ihrer Ausgaben sind von August Lämmle persönlich gewidmet. „Er hat sehr vielseitig geschrieben, Prosatexte, Erzählungen, sehr gute Aphorismen. Das alles mit Witz und Hintersinn.“

„Vetter Lämmle“ ist für sie aber auch eine tragische Figur. Damit meint sie vor allem das Schicksal seiner Kinder. Alle drei sind noch im Kindesalter oder als junge Erwachsene durch Krankheiten oder Unfälle ums Leben gekommen. Das Ehepaar Lämmle hatte am Ende keine Nachkommen mehr. „Das war die Tragik ihres Lebens.“

Diskussion kocht immer wieder hoch

Die erste Diskussion um August Lämmle und seine Verstrickung in das Dritte Reich hat Ursula Fink in den 90er Jahren miterlebt. Damals ging es in Marbach um eine Umbenennung der August-Lämmle-Straße. Später kochte die Diskussion in regelmäßigen Abständen auch in Ludwigsburg immer wieder hoch. Allerdings immer ohne Folgen. Das könnte dieses Mal aber anders sein. Andernorts, etwa in Leonberg oder auch in Kusterdingen, wurden jetzt kurzfristig Tatsachen geschaffen. Es scheint fast so, als würde die Zeit gegen August Lämmle laufen. Mit wachsendem zeitlichen Abstand zum Dritten Reich wird sein Name für die politischen Entscheidungsträger offenbar immer weniger tragbar, obwohl es keine neuen Erkenntnisse zur Biografie gibt.

„Ich habe kein Verständnis dafür. Man muss die Zeit sehen und sein gesamtes Werk betrachten“, sagt Fink. Tatsächlich ist das Werk von Lämmle unpolitisch. Zum Verhängnis wurden ihm neben seiner Mitgliedschaft in der NSDAP, ein erneuertes Vorwort aus dem Jahr 1938 sowie Veröffentlichungen in Zeitschriften, in denen er Hitler verehrt. In dem Vorwort heißt es: „Und da Gott den Mutigen hilft, gab er uns den Führer, den gläubigsten und mutigsten Mann in der Geschichte der Deutschen!“

In seinem Entnazifizierungsverfahren distanzierte sich Lämmle von der Aussage, die unter dem Eindruck einer Reise in das gerade an das Deutsche Reich angeschlossene Österreich entstanden sei. Durch die Begeisterung der Menschen dort, hätte er sich zu dieser Wortwahl hinreißen lassen.

Das Gutachten ist für sie ein Ärgernis

Auch Ursula Fink hat einen Erklärungsversuch: der tiefe, pietistisch geprägte Glaube von August Lämmle. Nach dem frühen Tod seiner Kinder habe dieser zunehmend Halt im Glauben gesucht und hinter allem das Wirken Gottes gesehen. Daher auch die – heute unglaublich befremdlich wirkende – Aussage, dass der „Führer“ von Gott geschenkt worden sei.

Das neue Gutachten, Grundlage für die Entscheidung in Leonberg, des Historikers Dr. Peter Poguntke, hat Ursula Fink schlaflose Nächte bereitet. Sie hat sich sogar an die Stadt Leonberg gewendet, weil sie nicht verstehen kann, dass das Gutachten einfach so hingenommen wird. Ursula Fink stört sich vor allem an einer der Hauptquellen des Gutachtens: Ein 15 Jahre alter Aufsatz, dessen Autor dem „Bund der Antifaschisten“ nahesteht, also einer politischen Bewegung, die sehr weit links steht. Der Organisation, so Fink weiter, sei unlängst sogar aufgrund ihrer politischen Haltung die Gemeinnützigkeit aberkannt worden. „Auch vor diesem Hintergrund muss man das Gutachten sehen.“ Den vor 15 Jahren von dem Autor gehaltenen Vortrag „August Lämmle – Brandstifter als Biedermann“ empfindet Fink als hetzerisch. Er rücke den Heimatdichter in eine rechte Ecke, in der Lämmle niemals gestanden habe.

Ursula Fink ärgert sich auch darüber, dass die Entlastungszeugen, die im Entnazifizierungsverfahren für Lämmle ausgesagt haben, kaum Beachtung finden. Laut diesen Zeugen, darunter ein hochrangiger Vertreter der evangelischen Kirche, war Lämmle völlig unpolitisch. Einem Freund, der wegen seiner jüdischen Frau in Bedrängnis gekommen war, habe er sogar Geld für die Ausreise gegeben.

Kein geringerer als Arnulf Klett, der damalige Oberbürgermeister von Stuttgart, habe 1962 einen Nachruf für August Lämmle verfasst. Darin heißt es unter anderem, dass der Heimatdichter „ein seltenes Vorbild für alle Zeiten bleibt“. „Und dieses Vorbild soll jetzt einfach durch Umbenennungen getilgt werden?“, fragt sich Ursula Fink.

Für die Diskussion in Ludwigsburg erhofft sie sich, dass im Gegensatz zu anderen Städten alle Beteiligten, also auch der Stadtteil, die Schule und der Freundeskreis August Lämmle, angehört werden.

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