Logo

Der Mann für notfallfeste Kliniken

„Wir sind für Katastrophenfälle gut gerüstet“, sagt Dr. Stefan Weiß. Das könne er „ohne Abstriche und guten Gewissens“ versichern, so der 47-jährige Anästhesist und Notfallmediziner, der das RKH-Simulationszentrum in Vaihingen leitet. Seit Anfang August ist er auch erster Ärztlicher Direktor des in den letzten zehn Jahren neu aufgebauten Zentralbereichs Katastrophenschutz der Regionalen Kliniken-Holding – und damit verantwortlich für die Sicherheit von acht Krankenhäusern in den Landkreisen Ludwigsburg, Enz und Karlsruhe.

350_0900_35339_Dr_Stefan_Weiss1.jpg

Kreis Ludwigsburg. Ein ICE-Unglück im Pulverdinger Tunnel, eine Havarie des Atomkraftwerks Neckarwestheim, ein Terroranschlag auf den Markgröninger Schäferlauf – auch die Krankenhäuser im Kreis müssen Vorsorge für schwerste Notlagen treffen, in denen sie auf einen Schlag sehr viele Patienten versorgen müssten. Zugleich können Kliniken selbst von Katastrophen betroffen sein – die Evakuierungen etlicher Spitäler in den westdeutschen Hochwassergebieten haben das jüngst eindrücklich gezeigt.

Doch einerlei, ob wegen eines Stromausfalls die Hälfte aller Operationssäle ausfällt oder eine Pandemie die Stationen füllt – die Herausforderung besteht in beiden Fällen in einer plötzlich auftretenden Diskrepanz zwischen Patientenzahlen und Versorgungskapazität einer Klinik oder – wie im Falle RKH – eines Krankenhausverbundes, sagt Stefan Weiß. Er ist nicht nur der Sicherheitschef des größten kommunalen Krankenhausträgers im Südwesten, sondern zugleich Sprecher der klinikenübergreifenden Sicherheitskonferenz des Landes sowie leitender Notarzt im Landkreis und Vertreter der RKH in dessen Corona-Krisenstab. Mit anderen Worten: Weiß ist ein auf vielen Feldern bewährter Katastrophenschutzexperte.

Der Aufbau des jetzt fest etablierten Zentralbereichs, der einheitliche Strukturen, Zuständigkeiten und Einsatzpläne für Notfälle geschaffen hat, begann 2011 nach einem Brand im Abluftkanal eines Wäschetrockners im Ludwigsburger Klinikum. Daraufhin habe die RKH-Chefetage einen Katastrophenschutzbeauftragten für ihre Häuser installiert. Ein weiterer großer Schritt war die Schaffung einer Notfallplanung nach der großen Grippewelle des Winters 2017/18, der die Kliniken zeitweise an ihre Kapazitätsgrenzen führte. Eine Erfahrung, die beim Beginn der Coronapandemie half: „Unser Notfallplan für Infektionen hat funktioniert“, erinnert sich Weiß ans Frühjahr 2020. Trotzdem herrschte damals auch in den RKH-Kliniken plötzlich der Notstand: „Niemand hatte erwartet, dass die Lieferketten aus Asien global abreißen“, sagt der Notfallmediziner – wie überall in der Republik fehlten auch in den Krankenhäusern etwa in Ludwigsburg und Bietigheim Masken und andere Schutzausstattung für Ärzte und Pflegepersonal.

Noch in einem anderen Punkt sei Corona ein Lehrstück für die Katastrophenschutzplanung für Kliniken. Denn in der Regel sind Katastrophen einmalige, rapide Vorkommnisse – die Pandemie aber dauert nun schon anderthalb Jahre an. Deshalb habe man aus den Herausforderungen durch Covid-19 ungewöhnlich viel gelernt, sagt Weiß – und etwa rasch virtuelle Stabsbesprechungen eingeführt: „Sonst wäre der komplette Krisenstab ausgefallen, wenn auch nur einer von uns infiziert gewesen wäre.“

Katastrophenschutz in Krankenhäusern sei aber nicht nur im Falle von Seuchen, sondern generell neben einer technischen und einer logistischen auch eine medizinische Herausforderung, betont Weiß: „Sie müssen wissen, was Patienten im Katastrophenfall brauchen, und das in den Mittelpunkt der Planungen stellen.“ Bei großen Unfällen oder Anschlägen etwa müssten gegebenenfalls viele Verletzte vor dem Verbluten gerettet werden. Dafür müssten nicht nur genügend Blutkonserven bereitstehen, auch die Verteilung der Verwundeten auf die umliegenden Krankenhäuser müsse so abgestimmt sein, dass es nirgendwo zu Überlastungen kommt.

Für solche und andere Szenarien sei die RKH gut gerüstet, sagt Weiß und zitiert einen Satz von RKH-Geschäftsführer Jörg Martin: „Wir können Krise!“ Allerdings müssten Alarm- und Katastrophenschutzpläne kontinuierlich fortgeschrieben werden. Schließlich hat gerade Corona gezeigt, dass jeder Notfall auch unvorhergesehene Krisenlagen bergen kann.

Autor: